„Tatort“ (ARD) aus Ludwigshafen: Dicke Autos und künstliche Intelligenz – doch die Fans haben nur eine Frage

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit sammeln Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Spuren am Rhein.
Zum zweiten Mal in kurzer Zeit sammeln Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) Spuren am Rhein.
Foto: dpa

Ludwigshafen. Der „Tatort“ in der ARD hat am Sonntagabend wieder für viel Gesprächsstoff gesorgt bei den Twitter-Usern.

Kommissarin Lena Odenthal aus Ludwigshafen hatte es im aktuellen „Tatort“ namens „Maleficius“ mit einem Professor zu tun, der Patienten Platinen ins Gehirn einpflanzt, um sie umpolen zu können.

„Tatort“ in der ARD wirft beim Zuschauer eine dringende Frage auf

Ab wann die moderne Medizin schadet, darum hat sich die Folge gedreht. Doch für die Twitter-User stellte sich nach knapp 20 Minuten der Sendung nur eine Frage:

Wieso drückt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) auf einem Rauchmelder bzw. Thermostat herum, um in einer hochmodernen, sterilen und nahezu gänzlich in weiß gehaltener Klinik zu KLINGELN?

  • „Hallo Requisite: die Klingel ist ein Rauchmelder! Hat es noch wer gemeldet?“
  • „Drückt die da gerade auf einem Rauchmelder von Nest herum?“
  • „Klingelterror als Wandthermostat!“

Für die Zuschauer unverständlich, aber für die TV-Kommissarin zielführend: Ihr wird dann doch noch aufgemacht.

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Darum ging es im „Tatort“ aus Ludwigshafen:

Professor Bordauer hat einen gefährlichen Traum. Der Hirnforscher will Pädophile „umpolen“, Alzheimer heilen und Lahme wieder gehen lassen - mit Hilfe künstlicher Intelligenz und Hightech im Kopf. Er will Leben retten und geht dazu über Leichen. Was darf Medizin: Diese Frage ist in einer immer älter werdenden Gesellschaft hochaktuell.

Ein verlassener Rollstuhl am Ludwigshafener Rheinufer deutet zunächst auf den Suizid eines Querschnittsgelähmten hin. Doch auf der Suche nach dem Verschwundenen gibt der Fluss eine andere Leiche frei: eine ermordete Ärztin, einst in Diensten von Bordauer. Sebastian Bezzel spielt den Forscher als lässiges Genie im T-Shirt und unterläuft damit die allgemeine Vorstellung, wie ein Wissenschaftler auszusehen hat. Doch Bordauer ist vielleicht weich im Ton, aber knallhart in der Sache. Menschlich ist an diesem Professor nur die Hülle. Es reicht nicht einmal zu einem Vornamen.

„Die Klinik von Bordauer hat in ihrer Sterilität mehr von einer Fabrik für Computer-Chips als ein Krankenhaus für Menschen. In ihr herrscht das Hirn. Das Herz ist abhandengekommen“, sagt Regisseur Tom Bohn. „Wir haben uns für dieses radikale Mittel entschieden, um zu verdeutlichen, wie unsere Welt aussehen kann, wenn wir sie ausschließlich der Forschung und dem unreflektierten Zukunftsglauben mancher unserer Zeitgenossen überlassen.“

Schauspieler geben dem Tatort etwas Stil

Die Schauspieler sind es, die der gelegentlich vorhersehbaren Story mehr Eleganz geben. Folkerts agiert mit cooler Sonnenbrille mit runden Gläsern gewohnt routiniert. An ihrer Seite emanzipiert sich Mitarbeiterin Johanna Stern (Lisa Bitter) nach dem Abgang des kauzigen Ermittlers Mario Kopper (Andreas Hoppe). Heinz Hoenig als Krankenhauspfarrer und Dominique Chiout als Mitarbeiterin von Bordauer treiben die Handlung im richtigen Moment voran. Eine wunderbare Besetzung ist Gregor Bloéb als ironische Parodie einer Halbweltgröße, mit öligem Charme und haifischkaltem Blick.

Bloéb alias Ali Kaymaz betreibt eine Tuningwerkstatt, die Regisseur Bohn in „Maleficius“ als dramaturgisches Scharnier nutzt. Bordauer repariert Köpfe, Kaymaz Fahrzeuge. Oder, wie es Odenthal ausdrückt: „Der eine frisiert Autos, der andere Gehirne.“ Es ist ein scharfer Gegensatz - einerseits die kühle Maschinenwelt einer Klinik, andererseits die halbkriminelle Kumpelwelt der Autoschrauber.

Ein noch stärkerer Kontrast ist das Geschehen im Krankenhaus selbst. Das lateinische „maleficus“ bedeutet „bösartig“, bei den Brüdern Grimm war Malefiz eine Hexe. „Maleficus“ lässt sich auch als „gottlos“ übersetzen, und das ist in diesem „Tatort“ wohl mit dem abgewandelten „Maleficius“ gemeint.

Professor spielt Gott mit Menschen

Bordauer spielt Gott, überdeutlich vermischt Regisseur Bohn das Blut auf dem OP-Tisch mit dem Blut Jesu am Kreuz in der Klinikkapelle. Während Pfarrer Hoenig mehr Demut vor der Schöpfung einfordert, spricht die Kommissarin von „Freaks, die am Übermenschen basteln“.

Stellenweise wagt dieser „Tatort“ viel. Wenn Folkerts versonnen zu Klaviermusik raunt „Sie wollen auch den letzten Zauber entzaubern“ und von „Autos ohne elektronischen Firlefanz“ schwärmt, wird das dem komplexen Thema künstliche Intelligenz aber schwer in Gänze gerecht. Spektakulär ist ein Operationsroboter, der sich spinnenbeinig wie ein Insekt von der Decke herabsenkt (Szenenbild: Andreas C. Schmid).

Bohn versteht den Film auch als Warnung. „Es ist eine Warnung davor, dass gewisse Technologien, wenn sie verwandt werden, in die falschen Hände geraten können“, sagt der Regisseur. „Das ist bei der Gentechnik so - und das ist ganz genauso bei der Hirnforschung.“ (fb/dpa)

 
 

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