„Soziale Kälte" - Mehr Selbstmorde in Frankreich

Die Serie von Selbstmorden bei "France Télécom" schockierte Frankreich bereits vor anderthalb Jahren. Jetzt scheinen sich die Probleme auszuweiten. (Foto: afp)
Die Serie von Selbstmorden bei "France Télécom" schockierte Frankreich bereits vor anderthalb Jahren. Jetzt scheinen sich die Probleme auszuweiten. (Foto: afp)
Wieder schockiert eine Suizidserie Frankreich. Zuerst gingen beim Telekommunikationsriesen France Télécom Mitarbeiter freiwillig aus dem Leben, jetzt bringen sich auch Mitarbeiter der Verwaltungen um. Der Grund: soziale Kälte.

Paris. Luc Beal-Rainaldy, Generalsekretär einer Gewerkschaft für den Öffentlichen Dienst, hat sich neulich, es war ein Mittwoch, mit seiner Frau zum Mittagessen verabredet. Doch als diese ihn wie verabredet in seiner Dienststelle im Pariser Arbeitsministerium abholen will, lebt er schon nicht mehr. Kurz zuvor hat er sich im Treppenhaus in den Tod gestürzt. Ein Selbstmord, der Frankreich erschüttert.

Schon wieder. Erst vor anderthalb Jahre wühlte eine rätselhafte Suizidserie beim Telekommunikationsriesen „France Télécom“ monatelang die Nation auf. Der Selbstmord des 52 Jahre alten Gewerkschafters rückt die mitunter dramatischen Zustände im Öffentlichen Dienst nun erneut ins Rampenlicht. Denn es war offenbar nicht privater Kummer, der Luc Beal-Rainaldy zu der spektakulären Verzweiflungstat trieb. In einem Abschiedsbrief an seine Frau und seine beiden Kinder beklagt der Arbeitsinspektor die zunehmende soziale Kälte, spricht er von „sozialen Beziehungen, die immer härter werden“.

Kein Einzelfall

Luc Beal-Rainaldy ist kein Einzelfall. Am Tag zuvor hatte ein Angestellter des Finanzamtes in Tarascon (Département Bouches-du-Rhône) versucht, sich das Leben zu nehmen. Vor einer Woche war es Rémy L., ein 57 Jahre alter France-Télécom-Mitarbeiter aus Mérignac bei Bordeaux, der den Freitod wählte. Ein Mensch, der bei seinen Kollegen wegen seiner großen Herzlichkeit sehr beliebt war. Zur Erinnerung an Rémy L. zogen 600 trauernde Kollegen, viele mit Tränen in den Augen, am vergangenen Donnerstag in einem Schweigemarsch durch Bordeaux. „Er hat jeden von uns morgens mit Handschlag begrüßt“, erinnerte sich ein Kollege. Rémy L. verbrannte sich in seinem Auto, das er auf dem Betriebsparkplatz abgestellt hatte.

Es ist ein düsteres Bild, das die Gewerkschaften vom einst so idyllischen französischen Dienstleistungssektor, dem „service publique“, zeichnen. Zunehmender Kostendruck sowie Privatisierung, Stellenabbau und Versetzungen, die Angst vor gesellschaftlichem Abstieg erzeugt vielfach ein düsteres Klima, in dem Neid, Mobbing und Depressionen durchaus an der Tagesordnung sind.

Von wegen "liebliches Frankreich"

2008 nahmen sich 49 Polizisten das Leben, in den ersten zehn Monaten 2009 waren es 33. In der Finanzverwaltung (160 000 Mitarbeiter) schieden 25 Menschen freiwillig aus dem Leben. 11 versuchte Selbstmorde registrierten sie bei den 11 000 Beschäftigten des Arbeitsministeriums. Besonders besorgniserregend ist der Trend. Die Zeitung „Le Parisien“ zitiert Schätzungen der linkssozialistischen Partei „Force Ouvrière“, wonach die Zahl der Selbstmorde jährlich um fünf bis sechs Prozent zunimmt – wegen Stress am Arbeitsplatz.

Es ist ein französisches Paradox. Ausgerechnet das Land, das die höchste Lebenserwartung aufweist und so berühmt ist für seine charmante Lebenskultur, für „Savoir vivre“, köstliches Essen, exzellente Weine und die Lust auf Liebe, weist einer der höchsten Selbstmordraten in Europa auf. Von wegen „liebliches Frankreich“: Nirgendwo herrscht eine derart große Dichte an Apotheken wie in Paris, nirgendwo werden derartige Mengen an Anti-Depressiva verkauft wie in Frankreich. 16,3 Selbstmorde auf 100 000 Einwohner weist die Statistik für Frankreich auf, im öffentlichen Dienst ist die Quote teilweise mehr als doppelt so hoch. Zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als 12 auf 100 000.

Debatte über die Arbeitsbedingungen

Krank durch Arbeit, schlimmstenfalls sogar lebensmüde – das ist gleichwohl oft ein Tabu in Frankreich. Entsprechend hoch dürfte die Dunkelziffer sein. Doch Bernardette Groison, die Chefin der Gewerkschaft FSU, der auch Luc Beal-Rainaldy angehörte, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beklagt in einem Zeitungsinterview, dass „zu viele Beschäftigte leiden“ und dringt deshalb auf eine nationale Debatte über die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst. „Oft neigt man nach solchen Dramen dazu, diese Menschen als zerbrechlich zu bezeichnen. Aber es ist die Arbeit, die sie zerbrechlich macht.“

 
 

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