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Sieben Rollen auf einen Streich

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Foto: WAZ Fotopool

Oberhausen. 

Meistens weiß Eva Maria Bender morgens nicht, wer sie abends ist. Nur dass sie nicht Eva Maria Bender ist. Sondern Madame Giry. Oder Madame Firmin. Vielleicht aber auch jemand ganz anderes. Manchmal sogar eine Teekanne oder eine Kommode. Seit Jahren geht das nun immer wieder mal so. Aber die 37-Jährige leidet nicht unter Persönlichkeitsstörungen, sie ist ein „Swing“ – ab November beim „Phantom der Oper“ in Oberhausen.

Ein Swing, das muss man kurz erklären, ist nichts Anrüchiges. Ein Swing ist jemand, der in einem Musical alles kann. Na ja, fast alles. Bis zu acht Rollen einer Show kann er spielen und ist deshalb fast jeden Abend im Einsatz. Denn irgendwer ist immer krank oder verhindert, und klassische Zweitbesetzungen gibt es nur für die Hauptrollen.

„Swing ist nichts für jeden“, sagt Bender. „Das muss man mögen.“ Sie mag es. Auch weil sie Musical so mag. Schon seit sie ein kleines Mädchen ist. Gerade einmal zehn Jahre ist sie alt, da wird sie bei „Starlight Express“ in Bochum infiziert. „Ich war hin und weg.“ Wenig später sieht sie „Cats“, ist begeistert von Katze Grizabella. „Von da an war klar, was ich machen wollte“, erinnert sie sich.

So richtig ernst nehmen Eva Marias Eltern die Leidenschaft ihrer Tochter anfangs kaum, auch wenn die Kleine zu Hause nicht aufhört zu singen. Aber Mädchen in diesem Alter sind ja bekannt dafür, dass sie ihre Meinung in Sachen Berufswahl im Monatstakt ändern. Eva Maria nicht. „Ich wusste, was ich wollte.“

Im Schultheater spielt sie, singt im Chor und gleich nach dem Abi geht sie auf die Musical-Schule in Hamburg. Spätestens da merken Mama und Papa, dass es wohl nichts wird mit dem Lehramtsstudium ihres Kindes, das sie so gerne gesehen hätten. Aber sie tragen es mit Fassung. „Sie haben mich immer gefördert und unterstützt“, blickt Bender zurück.

So hat sie ihren Weg gemacht. Hat begonnen in Essen, bei „Elisabeth“, dem Musical über die österreichische Kaiserin. Später hat sie mit Vampiren getanzt, bei „Les Misérables“ auf den Barrikaden gestanden und mit der Schönen und dem Biest gesungen. Um nur mal ein paar Stationen zu nennen.

Nun also das Phantom der Oper. Eines ihrer Lieblingsmusicals. Vielleicht sogar das beliebteste überhaupt. Gearbeitet hat sie dort während des Studiums in Hamburg. Hat Karten verkauft und Plätze angewiesen. Jetzt spielt sie mit in Oberhausen. „Ein Traum wird wahr“, sagt Bender. Sie mag die Geschichte, liebt die Musik, ist begeistert von den Kostümen.

Volle Konzentration beim schnellen Wechsel

Sieben Rollen muss sie lernen, muss sie im Wechsel spielen. Sechs Figuren aus dem Ensemble, einmal aber auch eine der größeren Rollen. Steht mal hier, mal dort auf der Bühne. Jedes mal woanders, wenn auch manchmal nur ein kleines Stück. „Swing-Wahnsinn“ nennt sie das und sagt noch einmal: „Das ist nichts für jeden.“

Jedenfalls verlangt es volle Konzentration. „Ich vergleiche das immer mit einem Zug, auf den ich aufspringe“, versucht Bender zu erklären, wie sie sich die unterschiedlichen Positionen und Texte merken kann. Der fährt stets die gleiche Strecke, aber je nachdem, wo man einsteigt, sitzt man unterschiedlich. Von morgens bis abends wird derzeit geprobt. Erst in Zivil, seit einiger Zeit in Kostümen. „Eine aufregende Zeit“, findet Eva Maria, ist aber dennoch froh, wenn sie vorbei ist. „Es ist wie immer“, erklärt sie. „Man will Premiere haben.“