Sie gibt der Stadt den Ton an

Tief Luft holen und pusten: Martje Saljé im Einsatz an ihrem Arbeitsplatz hoch über der Stadt.
Tief Luft holen und pusten: Martje Saljé im Einsatz an ihrem Arbeitsplatz hoch über der Stadt.
Foto: Jakob Studnar
Die Musikerin und Historikerin Martje Saljé ist die erste Frau in einem einsamen mittelalterlichen Amt: Türmerin auf Münsters Lambertikirche.

Münster.. Nein, da ist kein T zu viel, wenn Martje Saljé sagt: „Ich zähle mit, dass ich mich nicht vertute.“ T wie Türmerin. Die 33-Jährige ist die erste Frau in einem der ältesten Ämter Europas, seit Jahresbeginn bläst sie die Abendstunden von der Lambertikirche in Münster.

Es ist ein einsamer Ort, die kleine Turmstube, 300 Stufen und 75 Meter über der Stadt: zwei Holzstühle, ein Sofa, ein paar Staubfäden; im Winter nie wärmer als 14 Grad. Zwar ohne wollenen Umhang wie anno 1379, dafür mit rotem Parka, Stulpen und Skisocken, ist Martje Saljé hinaufgeeilt über die steinerne Wendeltreppe, so eng, dass die Füße nicht wissen, wie sie sich setzen sollen, und die Jacke an den kalten Mauern entlangschleift. Rechts herum und links herum, das gibt einen Drehwurm und später „eine böse Muskelkatze“, sagt Saljé, aber mit dem Schwitzen ist es schnell vorbei. Vorgänger Schulze hinterließ ihr einen schwachen Heizkörper und eine rote Wärmflasche in der Form eines Herzchens.

Keine Orgien hier oben,keinen Unrat vom Dach werfen

Viel mehr hat sie nicht hier oben, Strom und Telefon, erstaunlich, aber kein Klo. Einen Eimer gibt es, „aber das verkneif ich mir“. Denn wie sähe das aus, die ehrwürdige Türmerin in bezahlten Diensten der Stadt, die nach Mitternacht auf den Prinzipalmarkt tritt – den Eimer in der Hand. Ein böses Gerücht, Männer pinkelten einfach aufs Kirchendach! Man muss ja unterschreiben als Türmer (Einstellungsvoraussetzung: Fähigkeit zum Alleinsein): keine Orgien hier oben, und keinen Unrat vom Dach werfen! „Ich wusste sofort, dass das meins ist“, sagt Martje Saljé, die lange gesucht hat in Museen, auf Märkten und Musikbühnen nach ihrem Platz im Leben. „Hier bin ich angekommen. Hier bin ich richtig, und sonst nirgendwo.“

Jeden Abend gegen halb neun klingelt die neue Türmerin durch bei der Feuerwehr: „Die Türmerin meldet sich zum Dienst.“ Denn diese historische Funktion ist ihr geblieben, Brände soll sie melden von ihrem Ausguck, böse Buben auch. Ihr leicht verbeultes Kupfer-Horn ist Münsters Zeitansage und zugleich das Signal: alles in Ordnung. Mit den hellen Glockentönen läuft sie los, im Uhrzeigersinn um den Balkon. Es tropft von oben, der Turm schwingt bis zu einem halben Meter, der Wind weht ihr die Haare ins Gesicht. Dreimal drei Töne bläst sie um neun in drei Richtungen, um Mitternacht werden es zwölf schnarrende Klänge sein.

Das altersschwache Mundstück sitzt leicht locker

Schwebte sie nicht über allem hier oben, die Last der Geschichte könnte sie erdrücken. Aber so ist Martje Saljé nicht, im Gegenteil: Der Ort, die Aufgabe, „dass ich wirklich diejenige bin, die rauf darf in diesen wunderschönen Turm – das berührt mich so“. Sie sieht ja alles, zur Not mit dem Fernglas, und sie hört noch mehr. Die Lieder der Leute, die aus dem „Schwarzen Schaf“ wanken, Gespräche, für fremde Ohren nicht bestimmt, und jetzt das Hupen des Taxis: Saljé steckt die Nase durch eine steinerne Rosette, schaut zu, wie der Fahrer 70 Meter tiefer den Ausknopf seiner Alarmanlage sucht. „Zugabe!“, ruft sie fröhlich und winkt.

Ein älterer Herr beschwerte sich, die neue Frau Türmerin tauge nichts: Sie sei nicht zu hören. Andere frohlockten, das Horn klinge neuerdings weiblicher. Was alles nicht sein kann, denn: „Es ist der definierte Ton C, immer gleich laut.“ Und Musik in den Ohren der Musik- und Geschichtswissenschaftlerin: „Das ganze Leben, auch der Wind in meinem Horn, alles ist die Musik der Welt. Mein C ist ein Beitrag dazu.“ Das einzige, was ihren Ton manchmal holpern lässt, ist das altersschwache Mundstück. Es sitzt etwas locker, aber es kommt bald neu. Wie auch „ein güldener Ständer, standesgemäß“, findet die 33-Jährige – kann doch nicht sein, dass das kostbare Instrument am nackten Nagel hängt.

Das Alleinsein „für die nächsten 450 Jahre“ genießt die gesellige Norddeutsche, sie braucht das „als Ausgleich“. Sie liest, die in Leinen gebundenen Bücher ihres Vorgängers, Geschichten über Türmer allesamt, aber auch „Mord in Münster“ oder „Türmer, Send und Höllenschnaps“. Und sie komponiert. Manchmal nimmt sie ihre Gitarre mit hinauf, es könnten auch Flöten sein, die Laute oder ihr E-Bass, sie schreibt eine kleine Sinfonie und will Goethes Türmergesang aus dem „Faust“ vertonen: „Zum Sehen geboren,/Zum Schauen bestellt,/Dem Turme geschworen/Gefällt mir die Welt.“

Dienstags hat die Türmerin frei und „Münster seine Ruhe“. Nur Martje Saljé, unten unter Menschen, hat dann keine.

 
 

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