Scripted Reality – Dramen zwischen Fakt und Fiktion

Mutter-Tocher-Zoff bei „Familien im Brennpunkt“. Screenshot: RTL
Mutter-Tocher-Zoff bei „Familien im Brennpunkt“. Screenshot: RTL

Essen. Nie zuvor schien man besser zu wissen, welch große Dramen sich zwischen deutschen Sofaritzen und Dunstabzugshauben abspielen. Wer nachmittags zum Beispiel RTL schaut, ist mittendrin im quotenstarken Tragödien-Marathon von „Familien im Brennpunkt“, „Betrugsfälle“ oder „Die Schulermittler“. Bis zu drei Millionen Menschen schauen zu, wenn Hartz-IV-Mütter saufen oder schwangere Teenies mit einem Fuß im Knast stehen.

„Derartige Formate transportieren in aggressiver Weise Klischees. Es handelt sich um Sozialpornographie“, kritisiert Professor Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler der Universität Tübingen. Aber was den Anschein von Realität hat, ist frei erfunden, so genannte „Scripted Reality“ (aufgeschriebene Realität), dargestellt von gecasteten Laiendarstellern, denen Drehbuchautoren mit diebischer Freude möglichst dramatisches Alltagselend auf den Leib geschrieben haben.

Die Erfolgsformel ist „ein wollustiger, unterhaltsamer Grusel und eine voyeuristische Dramatisierung der Nachbarschaft“, wie es der Medienpsychologe Jo Groebel formuliert.

Am Anfang und Ende einiger Doku-Seifenopern blinkt für wenige Sekunden ein Hinweis: „Alle Handlungen sind frei erfunden.“ Trotzdem seien diese Formate „versuchter Publikumsbetrug“, so Pörksen. „Die Laienhaftigkeit, die Tapsigkeit und der Dilettantismus der Schauspieler verstärken paradoxerweise den Eindruck der Echtheit.“

RTL-Sprecher: „Es ist gutes Fernsehen.“

Ist es Betrug am Zuschauer oder eine zulässige Bearbeitung lebensnaher Geschichten? „Diese Debatte muss geführt werden, weil hier das zentrale Kapitel der Medien systematisch angegriffen wird: Glaubwürdigkeit“, warnt Pörksen.

RTL-Sprecher Christian Körner sieht die Angelegenheit entspannter: „Wir erzählen unterhaltende Geschichten aus dem Alltag, die so oder so ähnlich geschehen sind oder geschehen sein könnten.“ Dass die Formate „Scripted Reality“ seien, „kennzeichnen wir mit Einblendungen deutlich und ausreichend. Man mag darüber streiten, ob ‘Scripted Reality’ guter Geschmack ist. Wir sind der Meinung, es ist gutes Fernsehen, weil es die Zuschauer als Unterhaltungsprogramm am Nachmittag erreicht.“

In der Prime-Time, im Abendprogramm, seien, so Körner, alle Dokus unverfälscht. Eine Aussage, die nach den jüngsten Vorwürfen gegen die Vera-In-Veen Messie-Doku „Mietprellern auf der Spur“ bezweifelt wird (die WAZ berichtete).

Jeder fünfte Zuschauer zweifelt: Real oder nicht?

Eine Emnid-Umfrage der im Bereich „Scripted Reality“ erfolgreichen Kölner Produktionsfirma „filmpool“ (u.a. „X-Diaries“, „Zwei bei Kallwass“), ergab, dass 20 Prozent der Zuschauer nicht wissen, ob Doku-Soaps real sind oder nicht. Doch man wolle die Zuschauer nicht mit „erhobenem Zeigefinger“ belehren. „Das“, so berichtet „filmpool“-Geschäftsführer Stefan Oelze, „würde uns die riesige Mehrheit der Zuschauer übel nehmen, die wissen, dass alles geschrieben ist.“ Medienpsychologe Jo Goebel hingegen findet, ein „paar mehr Einblendungen sinnvoll. Dass muss ja kein Dauerhinweis sein.“

Und was ist dran am Vorwurf, die Formaten seien eine „systematische Vermischung von Fakt und Fiktion“ (Pörksen)? „Vielleicht hilft es einigen Fernsehkritikern wirklich mal, öfter S- oder U-Bahn zu fahren, um andere Normalitäten zu erleben“, verteidigt Oelze seine Erfolgsformate.

 
 

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