Schwarz-Rot-Gaga – So absurd sind die Fanartikel für die EM

Stilsicher ist anders: Unsere Autoren Jana Hannemann und Bastian Angenendt.
Stilsicher ist anders: Unsere Autoren Jana Hannemann und Bastian Angenendt.
Foto: FUNKE Zentralredaktion Berlin
Bald ist Fußball-EM. Und wer als Fan dazugehören will, braucht mehr als nur Schal und Trikot. Wir haben uns auf Shoppingtour begeben.

Berlin..  Es dauert nicht lange bis zum ersten mitleidigen Blick. „Sie wollen die wirklich haben?“, fragt die Verkäuferin. Und sie kichert. Offenbar hat sie keine Ahnung von Fußball, von EM-Fieber. Egal. „Ja, wollen wir“, sagen wir bestimmt. „Haben Sie noch mehr von diesem Zeug?“

Es ist Anfang Juni, kurz vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Die Zeiten, in denen es reichte, seine Sympathie fürs Nationalteam ganz simpel mit Trikot und Schal auszudrücken, sind lange vorbei. Spätestens seit dem Sommermärchen 2006, dem Geburtsjahr der großen Fanmeilen. Wer dazu gehören will, trägt Schwarz-Rot-Gaga. Wir wollen dazu gehören. Und jetzt stehen wir in einem Ramschladen und halten eine schwarz-rot-gelbe Vokuhila-Perücke in der Hand. Mike Werner wäre stolz auf uns. „Viel Spaß damit!“ Wieder kichert die Verkäuferin ihr ungläubiges Kichern. Wenn sie wüsste, was noch kommt …

Schon nach dem dritten Krimskramsladen ist unsere Tüte gut gefüllt. Eine Maske wie aus „Eyes Wide Shut“, die sich nach zwei Minuten in eine Gesichtssauna verwandelt, haben wir mitgenommen. Den Fan-Schnurrbart auch – nicht neu, darf in so einer geschmacklosen Kollektion aber nicht fehlen. Lauter Nippes fürs Handgelenk, ein T-Shirt mit drei Croissants in Schwarz-Rot-Gold. So werden Klischees bedient. Alles in allergemeinster Ramsch-Qualität. Es scheint wirklich keinen Fanartikel zu geben, den es nicht gibt.

Für das Auto bekämen wir längst nicht mehr nur ein Fähnchen, sondern auch Hussen für die Außenspiegel, den Tankdeckel, das Lenkrad, für die ganze Motorhaube. Alles in Schwarz-Rot-Gold. Genauso wie der „Rad-Bikini“ für die Radkappen, die Quietscheentchen und die Bettwäsche. Nicht zu vergessen: das 1,5 Meter große Thomas-Müller-Wandtattoo, Handschellen, Kunstwimpern, Planschbecken, künstliche Fingernägel, das feuchte Klopapier in der EM-Edition. Und natürlich der Raumduftspender „Germany“ mit der Aufschrift „Beer, Sausage and Football“ – Bier, Wurst und Fußball. Wir wollen gar nicht wissen, wie das riecht.

Kauflaune hat sich veschlechtert

Dabei ist das Ganze gar nicht mehr so angesagt. Wie das „Manager Magazin“ berichtet, hat sich die Kauflaune der deutschen Fußballfans vor den großen Turnieren zuletzt rapide verschlechtert – zumindest was Fanartikel angeht. Für das Sommermärchen haben die Deutschen noch 70 Euro pro Kopf für Schland-Schmuck ausgegeben. 2010 zur WM in Südafrika waren es nur noch 36 Euro pro Kopf, und für unseren Weltmeistertitel in Brasilien 2014 schmückten sich die deutschen Fans nur noch für durchschnittlich 12,75 Euro. Diese Marke haben wir allerdings längst geknackt. Weil der schwarz-rot-goldene Hut mit Pailletten (!) unbedingt mit musste.

Es ist eine einsame Shoppingtour. Rund eine Stunde ist vorbei, und außer uns hat sich eigentlich noch niemand durch die schwarz-rot-gelben Plastikmassen gewühlt. „Bis jetzt scheint sich noch niemand so richtig für das Turnier zu interessieren“, sagt Andreas Wagner. Er verkauft schon seit rund 20 Jahren Fanartikel. Gerade 2006, auch 2010 und 2012 sei die Nachfrage eine ganz andere gewesen. Und heute, wenige Tage vor dem Turnierstart? „Man merkt, dass eine Übersättigung da ist“, sagt Wagner. „Die Leute bekommen die Sachen in jedem Supermarkt. Und sie haben schon viel von den letzten Turnieren im Schrank.“ Wir nehmen trotzdem noch schnell schwarz-rot-gelbe Hosenträger mit.

Wo ist der Nachfolger der Vuvuzela?

Was wir nicht finden, ist dieser eine Artikel, die große Innovation auf dem Markt, mit der man die EM in Frankreich noch in zwei Jahren verbinden wird. Während es 2006 kaum ein Auto gegeben hatte, an dem nicht mindestens eine Autoflagge wehte, und während 2010 die Vuvuzela millionenfach über die Ladentheke ging, sucht man in diesem Jahr vergeblich nach dem einen Artikel des Turniers. Schon 2014 hatte es ihn nicht gegeben. Ein großer Elektromarkt hatte mit einer noch größeren Werbekampagne das „Sambamärchen“ ausgerufen und seine Regale massenhaft mit „Combinho“ gefüllt – eine Kombination aus Trommel, Pfeife, Rassel und Ratsche. Der Absatz war alles andere als märchenhaft.

Anders als „Combinho“ haben wir unser Ziel erreicht. Zuletzt haben wir uns für schwarz-rot-gelbe Hasenohren für die Dame und für eine Fliege für den Herrn entschieden. Nun stehen wir mit dem letzten Artikel an der Kasse: Schnürsenkel. Schwarz-Rot-Gaga von Kopf bis Fuß. Die EM kann kommen.

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