Schimanskis trauriger Abgesang mit Haudrauf-Einlagen

Jürgen Overkott
Götz George ist in seinem neuen Schimanski-Fall für sein Alter sehr actionreich unterwegs.
Götz George ist in seinem neuen Schimanski-Fall für sein Alter sehr actionreich unterwegs.
Foto: WDR/Uwe Stratmann
Götz George nimmt als Schimanski Koks-Dealer in den Schwitzkasten und vermöbelt Finsterlinge - doch in seinem neuen Fall (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) entspricht das nicht mehr seiner Altersklasse. Letztlich bleibt der Streifen kaum mehr als billiges Vergnügen mit Haudrauf-Einlagen.

Duisburg. Er ist in eine fremde Wohnung eingedrungen, hat eine Zeugin beeinflusst, ist in einen Mordfall verwickelt, und obendrein hat er einen ehemaligen Kollegen verprügelt. Ist „Schimanski“ (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) noch Freund, oder ist er schon Feind? Hänschen (Chiem van Houweninge) ist genervt von den anarchischen Extratouren seines ehemaligen Kollegen von der Polizei Duisburg.

Der pensionierte Gesetzeshüter kennt auch im Fall Nr. 17 nur ein Gesetz, und das ist sein eigenes. Leider will Schimanski (Götz George) auch beim Älterwerden seine eigenen Regeln aufstellen. Zwar kokettiert er beim Streitgespräch mit Hänschen damit, er könne unmöglich die Tür eingetreten haben: „Ich bitte dich! In meinem Alter.“

Tatsächlich jedoch feiert der Krimi von Kaspar Heidelbach (Regie) und Jürgen Werner (Drehbuch) nichts anderes als die scheinbar ewige Jugend des im Sommer 75 Jahre alt gewordenen Hauptdarstellers. George lässt nichts aus, um die Kraft der zwei Herzen zu demonstrieren. Zu Beginn vermöbelt er gleich zwei Finsterlinge im Bud-Spencer-Stil.

Einen Koks dealenden Schüler nimmt Schimanski-George in den Schwitzkasten. Zudem versucht er einen Ford Mustang mit breiter Brust zu stoppen, um in letzter Sekunde ins Gebüsch zu hechten, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

George ist fit, ihm fehlt aber die Dynamik

George ist noch immer bemerkenswert fit, keine Frage. Doch die Action-Szenen entsprechen nicht mehr seiner Altersklasse. George fehlt logischerweise die erforderliche Dynamik für derlei Sperenzchen. Und so wirken die Hau-drauf-Einlagen wie trauriger Abgesang auf das Rebellentum, das Schimanski vor mehr als 30 Jahren zu einer unverzichtbaren Ikone des deutschen Fernsehens machte.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der alternde Schimanski mit einer gewissen Selbstironie als Handy-Novize daherkommt, der nicht weiß, wie er Bild-Dateien öffnen soll und gelegentlich das Mobiltelefon schlicht falsch herum ans Ohr hält.

Und der Fall? Schimanski sucht im Auftrag eines einsitzenden Luden (Marek Wlodarczyk) nach dessen verschwundener Tochter. Alsbald hat es der Ex-Bulle mit der unvermeidlichen Schimanski-Jacke mit einem toten „Loverboy“ (Episodentitel) zu tun, und natürlich hängt das eine mit dem anderen zusammen.

„Loverboy“ im billigen Kolportage-Stil

Was ein „Loverboy“ ist, erzählt der Krimi im billigen Kolportage-Stil einer Illustrierten. „Lover­boys“, so wird referiert, sind Männer, die unsichere, pubertierende Mädchen mit vorgetäuschter Liebe und handfester Gewalt abhängig machen, um sie in die Prostitution zu schicken. Rocker, wohlfeiles Zugeständnis an lokale Themen, haben auch irgendwie damit zu tun.

Das blutarme Drehbuch kratzt bestenfalls an der Oberfläche des Milieus, dem enge Verbindungen nach Rotterdam nachgesagt werden. Als kenntnisreiche Führerin durch die niederländische Rotlicht-Szene erweist sich eine Frau, die ihre Tochter ebenfalls an den bezahlten Sex verloren hat. Gespielt wird sie von Anna Loos, die, wie so oft in jüngster Zeit, mit melancholischer Miene in einer Betroffenheitsrolle zu sehen ist.

Anna Loos soll Götz George besser in Szene setzen

Letztlich ist die Rolle von Anna Loos nur dazu da, Götz George besser in Szene zu setzen – ebenso wie der Fall dem Helden dient und keineswegs umgekehrt. Der Krimi interessiert sich nicht für gesellschaftliche Entwicklungen und deren Ursachen. Dem 90-Minüter geht es nur um Unterhaltung. Mag sein, dass der Film teurer Spaß war, aber er bietet kaum mehr als ein billiges Vergnügen.

Immerhin versöhnt der humorige Schluss ein bisschen mit einem hingeschluderten Krimi, der über weite Strecken so farblos ist wie die Optik der Bilder. Statt „Loverboy“ hätte ein anderer Titel besser gepasst: „Bonjour, tristesse“.