Schatzsuche in Polen - Gibt es den Nazi-Goldzug oder nicht?

Einer der Tunnel aus dem großen Stollensystem rund um Walbrzych - in so einem Tunnel könnte auch der "goldene Zug" stehen.
Einer der Tunnel aus dem großen Stollensystem rund um Walbrzych - in so einem Tunnel könnte auch der "goldene Zug" stehen.
Foto: Arno Burgi
Wir haben mit dem Historiker Dr. Ingo Loose über die Chance eines Sensationsfunds im niederschlesischen Waldbrzych gesprochen.

Berlin.. Keine Woche ohne neue Spekulationen um den angeblichen Nazi-Zug im polnischen Walbrzych. Zwei Hobbyarchäologen wollen ihn entdeckt haben. Dr. Ingo Loose erforscht seit über 20 Jahren die Geschichte der Nationalsozialisten in Polen. Der 44-jährige Historiker vom Institut für Zeitgeschichte in München schätzte für uns den Wahrheitsgehalt der Gerüchte ein.

Mal ganz direkt: Gibt es den „Gold-Zug“ oder gibt es ihn nicht?

Dr. Ingo Loose: Wenn ich meine Position als Wissenschaftler verlasse, mich zurücklehne und einfach nur mal als Otto Normalmensch darüber nachdenke, kann ich sagen: Es gibt ja schon viele Sachen, die in diesem Szenario zusammenpassen könnten. Es wäre natürlich eine Riesensensation. Als Wissenschaftler sehe ich das allerdings anders. Diese Geschichte wird zwar an einigen Stellen breitgeklopft wie ein Schnitzel, aber so richtig valide Informationen haben wir nicht. Daher bin ich eher skeptisch, so lange nicht wirklich etwas gefunden wird.

Dann lehnen Sie sich mal zurück. Was könnte denn zusammenpassen?

Loose: Die Nationalsozialisten haben viele ihrer Schätze gegen Kriegsende verlagert, auch in Gebieten, die seit Kriegsende zu Polen gehören. Hinzu kommt, dass es in dieser Region viele Stollen und Tunnel gibt, von deren Existenz man nichts weiß. Man kann einfach nicht komplett ausschließen, dass ein Schatz noch irgendwo unterirdisch versteckt liegt.

Und was sagt der Skeptiker in Ihnen?

Loose: Bedeutende Kunstgegenstände, wie sie zum Beispiel die Amerikaner nach Kriegsende wiedergefunden haben, wurden erst in der allerletzten Kriegsphase verlagert. Und für diese Phase wäre es extrem unwahrscheinlich, dass die Nationalsozialisten in einer Region hätten etwas Wertvolles verstecken wollen, von der sie zu diesem Zeitpunkt längst annehmen mussten, dass die Rote Armee sie einnehmen wird. Auf polnischem Territorium wurden eher Bibliotheken und Archive bewegt. Beispielsweise wurde ein Teil der Berliner Staatsbibliothek nach 1945 in Polen gefunden. Deswegen halte ich es zumindest für verfrüht, wenn nicht für illusorisch, anzunehmen, dass sich dort ein größerer Schatz finden lässt, sollte sich überhaupt etwas finden lassen. Diese ganzen Legenden von einem Schatzzug; die Geschichte, dass jemand auf dem Sterbebett das Versteck preisgibt - das klingt eher nach belletristischer Dramatik als nach plausiblen Informationen.

Aber es soll ja Georadarbilder geben, die den Fund belegen.

Loose: Bei dem ersten Bild, das an die Öffentlichkeit gelangte, hat es aber auch nicht lange gedauert, bis es als Fälschung erkannt wurde. Nun soll es ein zweites geben, aber ich bezweifle, dass das als Beweis gelten kann. Denn dass zwei Hobby-Forscher mit wenig professionellem Gerät ein Georadarbild machen können, auf dem man zweifelsfrei einen unterirdischen Zug erkennen kann, noch dazu einen Panzerzug mit Geschützen, halte ich für unwahrscheinlich. Zumindest habe ich noch kein Georadarbild gesehen, dass ein unterirdisches Objekt so detailliert zeigen konnte. Und gerade mit der Annahme, dort stehe ein Panzerzug, der etwas Wertvolles beschützen sollte, steht und fällt dieses Kartenhaus. Selbst wenn die Bilder echt sein sollten, ist alles weitere nur Spekulation. Im Moment ist das, was vieles befeuert, wohl nur die Hoffnung, dass dort etwas sein könnte.

Sie sprachen das Stollensystem rund um Walbrzych an. Es scheint, als wisse niemand so richtig, was die Nazis da bauen wollten.

Loose: Das „Projekt Riese“ ist eines der Projekte, bei dem es darum ging, Rüstungsproduktion unter die Erde zu verlagern, um sie unangreifbar für Luftangriffe zu machen. Diese Information gilt als sicher. Der hauptsächliche Teil dieses Systems liegt etwa 20 Kilometer südlich von Walbrzych. Aber es gibt in der Region auch andere Stollen, die dem System zugeordnet werden. Das System unter dem Schloss Fürstenstein zum Beispiel, von dem auch gesagt wird, es hätte ein alternatives Führerhauptquartier werden können, liegt einige Kilometer nördlich von Walbrzych. Das Ganze stellt uns immer noch vor eine Reihe von Rätseln, weil seit 1945 bis zum heutigen Tag keine zusammenhängenden Pläne oder Unterlagen aufgetaucht sind. Man weiß wenig bis gar nichts. Auf polnischer Seite geht man davon aus, dass man nur 30 Prozent des ganzen Systems kennt. Das alles trägt natürlich noch eher zur Gerüchteküche bei, als dass es bei der Aufklärung helfen könnte.

Aber die polnischen Behörden hätten doch wohl nicht reagiert, wenn sie nicht zumindest halbwegs seriöse Hinweise bekommen hätten.

Loose: Da wäre ich etwas skeptischer. Nur weil da jetzt die Gegend gesäubert und vorbereitet wird für ein weiteres Expertenteam, heißt das nicht, dass dort etwas sein muss. Die Behörden haben sich, und das nicht wirklich klug, in eine Zwangslage gebracht. Dass sich der oberste Denkmalschützer ohne äußere Not vor die Presse gestellt und gesagt hat, er sei zu 99 Prozent überzeugt, dass dort ein Zug stehe, hat dazu geführt, dass alle möglichen Leute mit dem Spaten aus der Garage angefangen haben zu buddeln. Ein etwaiger Stollen ist aber ein Sicherheitsrisiko, durch das Gebiet führt eine Bahnstrecke. Da müssen die Behörden nun schlichtweg auch die Sicherheitslage überwachen. Sollte es zu Ausgrabungen kommen, wird sich das überhaupt noch länger hinziehen. Je nachdem, ob es einen Anlass geben wird oder nicht, wird wohl frühestens nächstes Jahr mit der richtigen Suche gestartet.

Trotz alledem gibt’s schon Leute, die Besitzansprüche anmelden. Wem würden denn die Schätze gehören, wenn sie dort gefunden würden?

Loose: Bei Kunst aus staatlichem Besitz, zum Beispiel bei Bildern aus deutschen staatlichen Sammlungen, wäre der polnische Staat als Rechtsnachfolger auch Eigentümer. Anders ist es mit Beständen aus Privatbesitz, die man den Eigentümern auch zuordnen kann. Da würde man versuchen, es diesen zurückzugeben. Sollte es staatlicher Besitz aus Ländern sein, die nicht auf der Seite Deutschlands standen, wäre auch eine Rückgabe rechtsverbindlich. Das prominenteste Beispiel, um mal ins Blaue zu sprechen, wäre zum Beispiel das Bernsteinzimmer. Das würde wieder an Russland gehen. Aber natürlich ist das alles sehr hypothetisch. Mal abgesehen davon, dass es gut sein kann, dass nach den Jahrzehnten einfach nur verrottete Rahmen mit ein wenig Staub übrig sein könnten.

Aber wir sprechen nicht wirklich davon, dass in Walbrzych das Bernsteinzimmer gefunden werden könnte.

Loose: Im Moment spricht mehr dafür, dass Sie zweimal vom Blitz getroffen werden, als dass sich das Bernsteinzimmer in Walbrzych befindet.

Aber generell dürfte es doch noch genug Kunstgegenstände geben, die seit der Nazi-Zeit vermisst werden .

Loose: Wenn man den offiziellen Verlustlisten folgt, sind es noch rund 500.000, und da sind die nicht erfasst, die aus privatem Besitz gestohlen wurden. Man muss davon ausgehen, dass vieles davon zerstört wurde. Aber es bleibt immer noch eine Menge übrig.

Nur wahrscheinlich nicht in Walbrzych.

Loose: Wenn etwas gefunden wird, hätte ich als Historiker die stille Hoffnung, dass es sich um ein Archiv handelt, ein paar Tausend Aktenordner. Wenn ein Zug gefunden werden sollte, halte ich es aber für wahrscheinlicher, dass er zum Beispiel Rohstoffe für das Projekt Riese gelagert hatte. Metall oder Maschinenanlagen. Große Kunstsammlungen oder einen Goldschatz eher nicht. Aber für den Tourismus in der Region ist es ja auch so schon eine Goldgrube.

 
 

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