Rudolf Steiner – Bildner einer sehr heilen Welt

Rudol Steiner polarisiert auch heute noch. Foto: Getty Images
Rudol Steiner polarisiert auch heute noch. Foto: Getty Images
Foto: Getty Images
Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner im heutigen Kroatien geboren. 220 Waldorfschulen in Deutschland berufen sich auf ihn. Seine Lehren und Ideen sind nach wie vor umstritten. Dabei wurde er nicht als Bildungsreformer geboren. An ihm scheiden sich bis heute die Geister.

Essen.. Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner im heutigen Kroatien geboren. 220 Waldorfschulen in Deutschland berufen sich auf ihn. Seine Lehren und Ideen sind nach wie vor umstritten. Dabei wurde er nicht als Bildungsreformer geboren.

Tucholsky verspottete ihn als „Jesus Christus des kleinen Mannes“, doch die Menschen in der Frühzeit der Weimarer Republik strömten, um dem begnadeten Redner zuzuhören. An Rudolf Steiner, vor 150 Jahren im heutigen Kroatien geboren, scheiden sich bis heute die Geister.

Das Problem könnte im Selbstverständnis Rudolf Steiners liegen, der sich als Theologe und Wissenschaftler sah, in Wirklichkeit aber Mystiker und Künstler war. Ein äußerst fruchtbares Missverständnis allerdings - immerhin berufen sich 220 Waldorfschulen in Deutschland auf die Lehren Steiners, weltweit gibt es rund 1000 Waldorfschulen - ausgerechnet den Namen eines Zigarettenherstellers tragen sie um die Welt.

Studium ohne Abitur

Die Karriere als Schulgründer und Bildungsreformer war Steiner nicht in die Wiege gelegt; immerhin aber durfte der wissensdurstige 18-Jährige ohne Abitur an die Technische Hochschule Wien, studierte auch geisteswissenschaftliche Fächer. Vor allem Goethe faszinierte ihn, allerdings nicht als Literat, sondern als Naturwissenschaftler.

Steiner liest Schopenhauer, bewundert Nietzsche. Um die Jahrhundertwende wandelt sich sein Weltbild, die Kritik am Christentum verstummt, die Zeit als Vortragsredner der Theosophischen Gesellschaft beginnt. Steiner nimmt das Amalgam aus Gedanken des Rosenkreuzertums, des Okkultismus und der Wiedergeburt in sich auf, 1911 kommt es angesichts des Reinkarnationskultes zum Bruch.

Hochschule in der Schweiz

Steiner bleibt überzeugt: Der Mensch kann seine Sinne so entwickeln, dass ihm Erkenntnisse des „Übersinnlichen“ zu teil werden. Denn neben Körper und Intellekt gibt es ein „geistiges Auge“ mit dem wir spirituelle Wahrheiten erkennen können. In der Schweiz entsteht in Dornach eine entsprechende Hochschule für dieses Konzept, die er Goetheanum nennt, ein Entwurf Steiners, der die Fertigstellung nicht erlebt – er stirbt 1925.

Was bleibt, sind etliche Bücher und Vortragsmitschriften, die er in den meisten Fällen nicht autorisiert. Und da er oft nicht nur vortrug, sondern auch Fragen aus dem Publikum beantwortete, hat er zu fast allem etwas gesagt.

Alle können sich auf ihn berufen

Und so können sich heute Biolandwirte wie Ärzte sich auf Lehren Steiners berufen. Und die, die ihm eine verquere Rassenlehre vorwerfen, auch: Genau besehen hat Steiner wohl nur wiederholt, was zeitgeistig war, was in sein symbolgeschwängertes Weltverständnis passte, den Unfug, dass Aussehen und Hautfarben auch den Charakter bilden.

Steiner wollte eine sehr heile Welt schaffen, in der im Kleinsten sich noch das Größte spiegelt, der Mensch Teil einer kosmischen Gesamtschau ist. Steiner hat ein heiles Weltbild gemalt, keine analytische Wissenschaft betrieben. Das macht ihn in den Augen vieler gefährlich, weil verharmlosend.

Das ist das Problem mit Rudolf Steiner heute: Dass er zusammendachte, was analytisch getrennt gehört. Deswegen ist die Steiner-Waldorfwelt oft so kuschelig und heimelig – bis in die Architektur hinein. Für Kinder und kindliche Gemüter ist dies oft schön und meistens hilfreich. Steiner fordert: Der Lehrer möge nicht den Lehrplan, sondern das Kind lesen – und ihm geben, was es braucht. Was ist dies anderes als die so oft geforderte „individuelle Förderung“?

Verdienst und Gefahr

Steiners Verdienst: Vieles von dem, was 1919 an der ersten Waldorfschule innovativ, ja revolutionär war, ist heute an vielen Schulen Alltag geworden: Fächerübergreifender Unterricht nach Themen (bei Waldorfs: Epochen), Englisch vom ersten Schuljahr an, Zeugnisse ohne Noten, sondern mit individuellen Beurteilungen, die Lehre, dass körperliche und geistige Aktivität zusammen hängen.

Gefährlich werden kann Steiners Pädagogik vor allem da, wo seine individuellen Glaubensüberzeugungen als allgemeine wissenschaftliche Wahrheiten unhinterfragbar gemacht werden. Und wo der Wunsch, Kindern eine heilere Welt zu bieten in Weltentfremdung mündet.

 

EURE FAVORITEN