Riesen-Zoff um den Sarotti-Mohr – darf er nicht mehr so heißen?

„Sarotti Mohr“ auf einem Werbeschild im Foyer des Mannheimer Kulturzentrums.
„Sarotti Mohr“ auf einem Werbeschild im Foyer des Mannheimer Kulturzentrums.
Foto: Uwe Anspach/ dpa
  • „Sarotti-Mohr“ im Kreuzfeuer - emotionale Debatte um Alltagsrassismus
  • „Mohrenköpfe“, „Mohrenstraße“, „Mohren-Apotheke“ - sind das harmlose, historisch gewachsene Bezeichnungen oder diskriminierende Überbleibsel aus Kolonialzeiten?
  • In Mannheim macht sich die Diskussion an der Theken-Dekoration eines Kulturzentrums fest

Mannheim. Am „Sarotti-Mohr“ scheiden sich die Geister. Das erfährt gerade das Mannheimer Kulturzentrum Capitol: Über seiner Theke prangen zwei „Mohren“-Embleme, die in der Quadratestadt zu erbitterten Diskussionen führen.

Für die einen ist der kleine schwarze Kerl mit Pluderhose, Schnabelschuhen und Tablett eine süße Kindheitserinnerung an Schokoladengenuss - für andere ist der „Sarotti-Mohr“ kolonialrassistisches Symbol und Zeichen mangelnden Feingefühls gegenüber dunkelhäutigen Menschen.

Auslöser der Debatte war eine Veranstaltung zum Thema Alltagsrassismus im vergangenen Oktober, bei der Teilnehmer die Dekoration im Foyer beanstandeten. Allein im Internet prallen inzwischen Argumente zu Hunderten aufeinander.

Den Kritikern der Dekoration wird krankhafte politische Korrektheit vorgeworfen. Dunkelhäutige Menschen beschweren sich wiederum darüber, immer wieder erklären zu müssen, was Rassismus ist. Das Thema wühlt auf - auch mehr als 100 Jahre nach Erfindung der Werbe-Figur.

Ärger um „Sarotti-Mohr“: Hersteller weist rassistische Deutung zurück

Deren rassistische Deutung weist der Produzent der Sarotti-Schokolade, die Firma Stollwerck aus Norderstedt, zurück. „Aus unserer Sicht gibt es keine Veranlassung, die Marke Sarotti in diese fragwürdige Interpretation zu bringen“, heißt es in einem Statement des Unternehmens, das zur belgischen Baronie-Gruppe gehört.

Doch ganz unberührt von öffentlicher Diskussion agiert das Unternehmen nicht: Seit 2004 gibt es den „Sarotti-Mohren“ als Markenzeichen gar nicht mehr. Aus dem „Botschafter des guten Geschmacks“ in Diener-Habitus wurde ein auf einer Mondsichel balancierender „Magier“ mit goldener Haut, der nach den Sternen greift.

Der Begriff „Mohr“ hat nach Überzeugung einer Unternehmenssprecherin keinen negativen Beigeschmack. Anders bewertet das der Sprachwissenschaftler Henning Lobin. „Mohr“ habe sich seit dem 19. Jahrhundert von einem eher neutral verwendeten Wort in ein abfälliges verwandelt.

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„Heute gibt es neutralere Wörter zur Bezeichnung schwarzer Menschen“

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) sagt: „Das kann man zum einen daran erkennen, dass das Adjektiv, das in Textkorpora am häufigsten mit "Mohr" kombiniert wird, "kohlpechrabenschwarz" lautet, zum anderen an der Tatsache, dass es heute offensichtlich andere, neutralere Wörter zur Bezeichnung schwarzer Menschen gibt.“

Wer „Mohr“ sage, übe zugleich indirekt Kritik daran, dass man dieses und weitaus beleidigendere Wörter zur Bezeichnung von Menschen nicht mehr verwenden dürfe.

Ähnliche Diskussionen wie in Mannheim gab es auch andernorts schon: In Frankfurt hatte der Ausländerbeirat im vergangenen Jahr - vergeblich - die Umbenennung zweier „Mohren-Apotheken“ gefordert. In den Niederlanden sind der Stein des Anstoßes die schwarz geschminkten „Zwarten Pieten“ („Schwarzer Peter“), die Helfer des Nikolaus'.

Für viele sind sie ein rassistisches Symbol, für andere gehört die Figur zur niederländischen Identität wie Tulpen und Käse.

Was macht das Capitol angesichts der Unversöhnlichkeit der Ansichten?

Nach sechs Veranstaltungen zum Thema „Kein Platz für Rassismus“ mit 700 Teilnehmern haben die Betreiber entschieden, die Figuren weiter zu zeigen. „Ihre Haltung wird aber verändert. Sie soll zum Symbol für unseren Wunsch werden, mit unseren Gästen dauerhaft im Gespräch zu bleiben.“ W

eiter heißt es: „Eine Irritation des Betrachters ist hier gewünscht und beabsichtigt, diese soll den Dialog anregen.“

Ruhan Karakul befürchtet eine „karnevaleske Verzerrung“ der Figur, etwa durch antirassistische Aufkleber. Die Rechtsanwältin und Ex-Co-Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschlands hat als einziges Mitglied im Beratergremium des Capitols für einen Verzicht auf die Retro-Werbung plädiert. Durch den Erhalt werde Rassismus reproduziert.

Auch das Antidiskriminierungsbüro Mannheim betrachtet die Sarotti-Werbung als ein inakzeptables „Paradebeispiel von wiederkehrender Alltagsdiskriminierung“. Gemeinsam mit Karakul kritisiert der Verein, dass dem Beratergremium - neben der Moderatorin und Autorin Mo Asumang - zu wenige schwarze Menschen angehört haben.

Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) sieht das Capitol auf dem falschen Weg

Auch die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) sieht das Capitol auf dem falschen Weg. Es versuche, es allen recht zu machen. „Da fühlen sich Leute diskriminiert, wo ist das Problem, die Figuren abzuhängen?“, fragt Verbandssprecher Tahir Della. Auch ohne sie lasse sich weiter über Rassismus debattieren, etwa auch über die „Mohrenstraßen“ in vielen deutschen Städten.

Mit Spannung wird erwartet, mit welcher Haltung das Kulturzentrum die „Mohren“ in den nächsten Wochen präsentieren wird. Bislang ist noch keine Idee des Capitol-Kreativteams an die Öffentlichkeit gedrungen. (dpa)

 
 

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