Richard Oetker spricht über seine Angst als Geisel

Foto: Geno Bank

Essen.. Der Unternehmer Richard Oetker erzählte in einer Essener Bank vor Publikum über seine Entführung vor 33 Jahren. Noch immer leidet der 58-Jährige unter den Folgen der brutalen Tat. Mit seinem Schicksal will er auf das unterschätzte Leiden von Verbrechens-Opfern hinweisen.

Der Mann hat Mumm. Gerade erst hat er im Vorgespräch erwähnt, wie schwer ihm Stehen und Gehen auch nach so langer Zeit noch fallen. Und jetzt redet er schon über eine Stunde. Und steht dabei. Sein Ansporn und seine Belohnung: die 100 geladenen Gäste in den Räumen der Essener Geno-Bank sind gebannt und verpassen kein Wort des 58-Jährigen. Das liegt am Charisma des Redners und an der Brisanz der Erzählung.

Denn es geht um einen der spektakulärsten Kriminalfälle des vorigen Jahrhunderts. Eine Geschichte mit gutem Ende und bitterem Beigeschmack, von der so viele Details nicht bekannt sind. Weil der Mann über 30 Jahre geschwiegen hat. Richard Oetker wollte sein Schicksal „nicht zum Gegenstand der Unterhaltung machen“. Er hat seine Meinung geändert, allein um für den „Weißen Ring“ zu werben, um auf das unterschätzte Leiden der Menschen hinzuweisen, denen es ergeht wie ihm: die ein Opfer werden.

Es ist der 14. Dezember 1976 um 18.45 Uhr: Richard Oetker, 25 Jahre alt, verlässt seine Fakultät in Weihenstephan. An seinem Auto wartet ein Maskierter, bedroht ihn mit einer Pistole. „Er zwang mich in einen VW-Bully und dann in eine Kiste, die nur 1,46 cm lang und schulterbreit war. Ich maß damals noch 1,94 m, konnte also nur wie ein Embryo darin liegen. Ich habe am ganzen Körper gezittert. Vor Angst und vor Kälte.“

„Nenn’ mich Checker“

Doch schnell übernimmt der Optimist in ihm das Ruder. „Ich habe mir selbst Mut gemacht. Und der Mann redete mit mir. Erklärte mir über das Babyphon, das wir zum Reden benutzten, er sei drogensüchtig und habe deshalb mitmachen müssen. Das beruhigte mich, weil er selbst ein Opfer zu sein schien.“

Oetker weiß um das Stockholm-Syndrom, die emotionale Verbindung zwischen Täter und Opfer. „Ich wollte das steigern und für mich nutzen. Deshalb bot ich ihm an, mich zu duzen. Er sagte ‘okay Richard’. Ich hatte meinen Humor noch nicht verloren und fragte ihn ‘und Du?’. Das hat er mir natürlich nicht gesagt, sondern mich aufgefordert, ihm einen Namen zu geben. ‘Ich nenn’ dich Checker’. So hieß mein bester Jugendfreund. Er war misstrauisch, aber ich erklärte ihm, dass er in dieser Situation ja wirklich mein bester Freund sei. Und in der Tat hatte ich damals ein sympathisches Bild von ihm.“

Oetker ist an Armen und Beinen mit Handschellen gefesselt, außerdem ist er mit Kabeln an einen Stromkreis angeschlossen, der aktiviert werden würde, wenn er schreit. Als sein Peiniger nach einigen Stunden zurückkehrt, kommt es zur Katastrophe. Durch Unachtsamkeit wird ein brachialer Stromschlag ausgelöst. „Wäre ich nicht gefesselt gewesen, hätten meine Glieder ausgeschlagen. So aber brach mir meine eigene Muskulatur zwei Wirbel und beide Hüften.“ Oetker hat derart Schmerzen, dass er kurz den Tod herbeiwünscht.

Zwei Wirbel und die Hüften

Der Täter hört das Stöhnen. Er öffnet die Kiste, gibt Oetker neben dem sonst üblichen Traubenzucker eine trockene Semmel und ein Stück Schaumstoff als Polster. Ein Fehler. „Der Preis war mit Filzstift darauf gemalt: 13 Mark 48, glaub ich. Ich hab mir das eingeprägt. Später brachte das die Kripo auf eine erste Spur.“

Inzwischen ist am Münchner Stachus das Lösegeld übergeben worden. 21 Millionen Mark. Der Entführer kehrt zurück, fährt Oetker in einen Wald, verschwindet. „Ich konnte ja leider nicht selbst fahren. Also habe ich das Radio angemacht. Es liefen Weihnachstlieder. Dann habe ich so lange die Lichthupe betätigt, bis die Polizei kam.“ Nach 48 Stunden ist er frei.

Mit der Freiheit beginnt der Kampf um sein Leben. Die Lunge ist so eingequetscht, dass die Ärzte das Schlimmste fürchten. Die zertrümmerten Glieder bleiben deshalb zunächst unversorgt. Um sie mit einem Streckverband zu stabilisieren, muss dem Patienten ein Loch in jedes Knie gebohrt werden. „Wegen der Lunge aber war weder eine Narkose noch eine örtliche Betäubung möglich. Die Änästhesistin, die hilflos daneben saß, hat mich viele Jahre später mal angesprochen. Auf ihre Frage im OP, wie es mir gehe, hätte ich nur gesagt: Wie’s einem geht, dem gerade Löcher ins Knie gebohrt werden. Ich weiß aber nicht, ob’s stimmt. Ich weiß nur seither, dass wir Menschen viel mehr aushalten, als wir denken. Das ist beruhigend.“

Auch seelisch. „Ich habe nie Albträume gehabt, nie Ängste deshalb.“ Die zunächst lästigen Gesprächsmarathons mit der Polizei über Monate stellen sich im Nachhinein als Segen heraus. „Ich habe mir alles von der Seele geredet. Und deshalb psychisch keinen Schaden genommen. Anfangs aber war es für mich sehr belastend, dass jeder in Verdacht stand, auch Freunde, sogar ich selbst.“ Das endet erst, als der Täter drei Jahre später festgenommen wird. Dieter Zlof wird 1980 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er bestreitet die Tat, bis er nach der Entlassung mit einem Teil des Lösegelds in London geschnappt wird. Der Rest, mehrere Millionen, ist in einem Waldversteck verfault.

Kein Hass, keine Rache

Oetker leidet in den Jahren nach der Tat weniger unter den Wunden, sondern mehr unter dem Verhalten der Umwelt. „Bekannte wechseln die Straßenseite, Freunde und auch einige Familienmitglieder haben bis heute nicht mit mir gesprochen. Es ist einfach nur Unsicherheit. Niemand weiß, wie er mit Opfern umgehen soll. Und für das Opfer ist nichts schlimmer als diese Ausgrenzung. Deshalb auch mein Engagement beim ‘Weißen Ring’.“

Oetker hasst Zlof nicht, er sinnt nicht auf Rache, er will sich auch nicht über die Länge der Haftstrafe äußern. „Mir war immer nur wichtig, dass niemand mit so einer Tat durchkommt. Denn nur das verhindert Nachahmer.“

Die Gäste in der Geno-Bank applaudieren lange. Oetker verlässt das Rednerpult, geht etwas vorsichtig zum Stuhl am Tisch. Geschafft. Er hat‘s wieder durchgestanden.

 
 

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