Rettet das Küken

Jedes Jahr werden in Deutschland 45 Millionen männliche Küken geschreddert oder vergast. Foto: A. Farkas
Jedes Jahr werden in Deutschland 45 Millionen männliche Küken geschreddert oder vergast. Foto: A. Farkas
Foto: afi/A. Farkas
In Deutschland werden jährlich laut Deutschem Tierschutzbund 45 Millionen männliche Küken geschreddert und vergast. Selbst die Biobranche beteiligt sich an dem kollektiven Massenmord. Mit einer Verbandsklage, wie sie im Düsseldorfer Landtag diskutiert wird, könnte der Deutsche Tierschutzbund gegen die Metzelei vorgehen. Sagt der Präsident Thomas Schröder.

Essen.. Ein Huhn würde Heinz Rühmann heute nicht mehr gerne sein wollen. Denn auf ein paar Eiern am Morgen und einen freien Nachmittag kann sich anno 2011 europaweit kein Huhn mehr ausruhen. Geradezu abstoßend gehen Hähnchenzüchter hinter ihren verschlossenen Mastställen mit den niedlichen Küken um, die alle Welt supersüß finden. 45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland am ersten Tag ihres Lebens zu Mus und Tierfutter zerschreddert, erstickt oder vergast – weil sie keine Eier legen und zur Mast nicht taugen.

Diese Grausamkeiten könnten bald beendet sein. „Denn gerade hier würde das vom Landtag NRW diskutierte Verbandsklagerecht greifen“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzverbandes. Nach Auffassung von Schröder werden die Tiere nutzlos abgeschlachtet. „Eine Tötung aus wirtschaftlichen Gründen ist weder ethisch vertretbar noch rechtens“, sagt er.

Schröder fordert neue Zuchtkriterien. Die Brüterzunft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von dem sogenannten Mehrnutzungshuhn verabschiedet. Vorbei sind die Zeiten als Brathähnchen und Legehenne noch Bruder und Schwester waren, als das Suppenhuhn erst im Topf landete, als es keine Eier mehr legte. Heute gibt es nur noch zwei Arten: Legehennen, die mehr als 300 Eier im Jahr erzeugen, und Masthühner, die in nur fünf Wochen ihr Schlachtgewicht erreichen. Bei ersteren braucht man keinen männlichen Nachwuchs und schreddert ihn kurzerhand weg.

Hochgezüchtete Tiere leiden an Kannibalismus

Gut geht’s dem überlebenden Federvieh allerdings auch nicht. „Die hoch gezüchteten Legehennen leiden häufig an Legestress und Eileiterentzündungen sowie einer Veranlagung zu Federpicken und Kannibalismus“, weiß Schröder. Masthühnerrassen erkrankten häufig an schmerzhaften Beindeformationen und Herz-Kreislauferkrankungen.

Was viele Verbraucher nicht wissen: Auch die Bio-Landwirtschaft ist betroffen. Laut Greenpeace bekommen Ökohühner zwar anderes Futter, mehr Platz und Zeit um zu wachsen. Allerdings: Sie stammen aus den gleichen Zuchtunternehmen, die auch konventionelle Geflügelzüchter beliefern. „Auch die Brüder von Bio-Legehennen werden nach dem Schlüpfen aussortiert“, sagt Greenpeace und macht die Branche für mindestens zwei Millionen geschredderte Küken pro Jahr verantwortlich.

„Die Tötung der Küken ist legal“

Die Zahl mag Friedhelm Deerberg, Fachberater für ökologische Geflügelhaltung bei Bioland, nicht bestätigen. Man versuche in den letzten Jahren die Küken zu verkaufen. „Das klappt aber nur im Promille-Bereich“, sagt er. Das gute alte Hühnchen, wie es Heinz Rühmann einst besang, wieder zurückzuzüchten sei schwierig. „Weltweit gibt es nur noch drei Zuchtfirmen“, die die Tiere für Mastbetriebe und Biohöfe gleichermaßen liefern.

„Wer sicher sein möchte, dass für sein Frühstücksei kein Küken getötetet wurde, muss sich ein eigenes Huhn anschaffen“, erklärt Christiane Riewerts, Pressesprecherin beim Zentralverband der deutschen Geflügelzüchter. „Die Tötung der Küken ist legal“, sagt sie. Das Schreddern sei über die Tierschutzschlachtverordnung abgedeckt.

Frühembryonalen Geschlechtserkennung

Dennoch suche man nach Alternativen: An der Universität Leipzig forscht ein Team von Wissenschaftlern an einer frühembryonalen Geschlechtserkennung bei den Küken. „Im Labor funktioniert das Verfahren bereits“, erklärt Riewerts. Mit ihr könnte man die männlichen Embryonen bereits vor der Geburt aussortieren.

Wann die Hightech-Untersuchung eingeführt werden kann, weiß Riewerts nicht. Schneller könnte der kollektive Küken-Mord beendet werden, wenn der Landtag das Verbandsklagerecht zulässt und die Tierschützer gegen den Massenmord auf dem Klageweg vorgehen. Bis dahin gilt: „Ich wollt, ich wär’ kein Huhn...“

 
 

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