Rebecca Reusch: Vermissten-Experte erklärt, was im Fall Rebecca schief gelaufen ist

Rebecca Reusch wird seit fünf Wochen vermisst.
Rebecca Reusch wird seit fünf Wochen vermisst.
Foto: dpa

Seit fünf Wochen ist Rebecca Reusch (15) aus Berlin verschwunden. Ein Albtraum für die Familie der Jugendlichen.

Lars Bruhns weiß, was die Familie von Rebecca Reusch derzeit durchmacht. Bruhns ist Leiter der „Initiative Vermisste Kinder“. Sie helfen Angehörigen, deren Kinder vermisst sind.

Rebecca Reusch vermisst: Experte über die schwierige Suche und was bei der Vermisstensuche besser laufen sollte

Im Interview spricht Lars Bruhns über den Fall Rebecca, die Schwierigkeiten bei der Suche nach Rebecca Reusch und was bei der Polizei-Suche nach vermissten Kindern und Jugendlichen dringend optimiert werden sollte.

Herr Bruhns, hatten Sie Kontakt zu Rebeccas Familie?

Ganz am Anfang haben wir unsere Hilfe angeboten. Wir haben uns kurz mit Vivien, der Schwester von Rebecca, ausgetauscht. Wir haben ihnen angeboten, was mir machen können, wie wir helfen können. Zu diesem Zeitpunkt brauchten sie unsere konkrete Hilfe nicht. Wir sind verblieben, dass sie sich zurückmelden, wenn es der Fall sein sollte. Zu diesem frühen Zeitpunkt war allerdings auch die Dimension und die Entwicklung des Falles noch nicht vorhersehbar.

Was halten Sie von der eigenständigen Suche der Familie?

Es ist ein ganz normaler Antrieb, über soziale Netzwerke zu suchen und selbst etwas zu tun. Die Familie ist natürlich sehr viel in den Medien. Das macht es besonders und die Aufmerksamkeit ist nicht üblich. Aber Rebeccas Schwester war schon vorher in sozialen Medien aktiv, da ist es normal, diese auch zur Suche zu nutzen. Sie hat mittlerweile auf Instagram 60.000 Abonennten. Es gibt ja auch viel Zuspruch und positive Rückmeldungen. Aber eben auch Spekulationen und Anfeindungen.

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Aktuell ermittelt die Polizei mit einer Mordkommission und großem Personalaufwand. Wie lange wird das noch weitergehen?

Die Bindung von so viel Personal kann nur einige Wochen andauern. Dass 10, 20 oder vielleicht 30 Ermittler daran arbeiten, funktioniert nur einen überschaubaren Zeitraum lang. Aber 2000 Hinweise abzuarbeiten dauert natürlich seine Zeit. Falls keine neuen und gewichtigen Hinweise mehr reinkommen, wird der Fall irgendwann zum Erliegen kommen. Das bedeutet aber nicht, dass es ein „Cold Case“ wird. Die Ermittlungen dauern weiter an. Aber auch die mediale Berichterstattung wird irgendwann abnehmen. Das ist dann nochmal ein einschneidendes Erlebnis für die Eltern.

Die Kommunikation zwischen Familie und Polizei scheint nach außen hin nicht die Beste zu sein. Kommt so etwas häufiger bei Vermisstenfällen vor?

Es ist natürlich nicht unproblematisch, wenn die Familie etwas in den Medien sagt und die Polizei dann eine eigene Darstellung abgibt. Man muss die Sache aber im Kontext sehen, dass der Schwager der Tatverdächtige ist. Diese Konstellation macht es schwierig für die Familie.

Auf der einen Seite ist die Polizei Hilfesteller für die Familie. Die Beamten sind diejenigen, die ihre Tochter finden sollen. Auf der anderen Seite ist der Schwager der Beschuldigte. Das ergibt zwangsläufig Reibereien, die nicht unproblematisch sind. Die Polizei sollte Wert darauf legen, dass sich das Verhältnis zur Familie erholt. Denn sie waren vermutlich die letzten, die Rebecca gesehen haben.

Sollte der Fall noch länger andauern und etwa nach einem Wechsel der Zuständigkeiten der Polizei neu aufgerollt werden, wäre es wichtig, dass die Polizei einen guten Zugang zur Familie hat.

In den USA zum Beispiel gibt es dafür extra sogenannte 'Family Liason Officer', das sind Opferschutzbeamte der Polizei, die für den Kontakt zwischen Polizei und Familie zuständig sind.

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Was müsste an der Kommunikation der Behörden verbessert werden?

Von der Außenwirkung wäre es besser, wenn die Polizei regelmäßig Updates geben würde. Das könnte ganz unkompliziert über die Social-Media-Kanäle der Polizei funktionieren. Es ist ganz wichtig, dass die Bevölkerung ein Gesicht mit der Suche verbindet, einen Ansprechpartner hat.

Spekulationen fördern nicht bei Ermittlungen

Denn so gibt es abseits der polizeilichen Ermittlungen ständig Spekulationen. Das fördert nicht unbedingt die Ermittlungen. Der Auftritt bei Aktenzeichen XY bringt natürlich eine große Reichweite, war aber einfach zu spät. Die Stunden nach dem Verschwinden sind entscheidend. Bis ein eingegangener Hinweis über eine Dienst- oder Leitstelle von einem Bundesland zum anderen geleitet wird, vergeht im Zweifel einige Zeit. Zeit, die gerade am Anfang nicht mehr einholbar ist.

In anderen Ländern gibt es Warnsysteme, wenn Kinder und Jugendliche verschwinden. Wie funktioniert ein solches Alarmierungssytem?

In den USA gibt es den sogenannten 'Amber Alert'. Der stammt aus einer Initiative, nachdem in Texas ein Mädchen namens Amber entführt und ermordet wurde. Bei der Vermisstensuche brauchen wir die Bevölkerung. Wir reden dabei von Stunden, maximal wenigen Tagen. Die Öffentlichkeit und nur ein einziger Zeuge kann der Schlüssel, der Lebensretter sein. Wenn er eben rechtzeitig erreicht wird.

Der Grundgedanke dahinter: Der ermittelnde Polizeibeamte vor Ort gibt, beispielsweise über die bestehende Einspeisung in das polizeiliche Informationssystem INPOL, eine Ersteinschätzung ab. Eine Einteilung in Risikoklassen wie in der Notfallmedizin könnte hierbei helfen, das mögliche Risiko schneller und besser zu identifizieren: Rot, Gelb, Grün. Stufe 1: keine akute Gefährdung für das Kind. Stufe 2: es könnte eine Gefährdung vorliegen. Stufe 3: konkrete Indizien für den Akutfall und Lebensgefahr. Dann könnte eine Nachbewertung auf Grundlage der vorhanden Ersteinschätzung und der vorliegenden Information durch geschulte Polizeibeamte erfolgen, die im Akutfall mit der Vermisstenmeldung sehr schnell über abgestimmten Kanäle an die Öffentlichkeit gehen.

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Warn-Apps könnten bei Vermisstensuche helfen

Hierzu bedürfte es eines überörtlichen Lage- oder Kompetenzzentrums für vermisste Kinder, welches bis dato in Deutschland nicht existiert. Ein solches könnte als technische Schnittstelle dienen, um bei einem Verschwinden eines Kindes Alarm auszulösen und eine gesamtheitliche Ansprache zu fahren. Kanäle wie die bereits vorhanden Warn-Apps NINA oder KATWARN sind mehr als sinnvoll dafür, weil man so regionalisiert die Leute erreichen kann.

In England werden neben den klassischen Medien etwa die Postboten erreicht, in den Niederlanden digitale Werbetafeln in Geschäften und im öffentlichen Raum. Dort können bereits heute elf von 17 Millionen Menschen in kürzester Zeit erreicht werden.

In Hessen wurde im vergangenen Jahr die Öffentlichkeitsfahndung nach vermissten Kindern und Jugendlichen mit in die offizielle Warnapp KATWARN aufgenommen.

Warum tut sich Deutschland so schwer damit, ein solches Alarmsystem einzuführen?

Man muss klar sagen: Ein Fahndungsalarm ist das effektivste Mittel, aber auch der massivste Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Er fügt Schaden zu, aber wenn es um Leben und Tod geht, muss man das zurückstellen.

Das ist keine Kritik an der Polizei, sondern an den höheren Stellen. Ich erlebe, dass die Beamten bei Vermisstenfällen fast genauso leiden wie die Familie selbst. Sie haben jedes Interesse, so effektiv wie möglich zu sein. Aber die Strukturen müssten von oben geändert werden.

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Das ist die „Initiative Vermisste Kinder“

Der Verein wurde 2008 gegründet und ging aus einer Initiative betroffener Eltern hervor, die seit 1997 unter dem Namen „Elterninitiative Vermisste Kinder“ existierte. Initiiert wurde die erste Initiative durch die Kampagne Wir helfen suchen der Fernsehsendung Schreinemakers TV. Geleitet wird die Organisation von Lars Bruhns, dem Sohn der 2005 verstorbenen Gründerin Monika Bruhns.

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 60.000 Kinder als vermisst gemeldet. Weit mehr als 90 Prozent tauchen nach kurzer Zeit von selbst wieder auf. Seit 2011 betreibt die Initiative die Hotline 116000, wo sich Eltern vermisster Kinder hinwenden können und Hinweise angenommen und an die Polizei weitergeleitet werden.

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Der Fall Rebecca: Eine Chronologie

Was ich auch kritisch sehe, ist, dass bei Polizeifahndungen nach Vermissten mit vollem Namen und Wohnort gesucht wird. Den Nachnamen in der Öffentlichkeit braucht es nicht. So ist für jedermann einfach, die Person oder Angehörige ausfindig zu machen. Dass es aber trotzdem oft noch praktiziert wird, ist einfach einer Dienstvorgabe geschuldet, die vielfach nicht hinterfragt wird.

Was raten Sie Eltern, wenn ein Kind verschwindet. Wie reagiert man am besten?

Man sollte sich auf jeden Fall nicht scheuen, sofort zur Polizei zu gehen. Manche Eltern haben vielleicht eine Hemmschwelle. Die darf man nicht haben. Die Polizei kennt solche Fälle und nimmt sie ernst.

+++ Katharina B. nach 43 Tagen wieder da – hier versteckte sich die 15-Jährige die ganze Zeit +++

Gleichzeitig sollte man mögliche Anlaufstellen absuchen, Freundes- und Bekanntenkreis abklappern. Es sollte jederzeit jemand zu Hause sein und auch der für das Kind bekannte Telefonanschluss sollte frei und erreichbar sein.

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Rebecca Reusch in Berlin vermisst: Die Chronologie der Suche

  • 18. Februar: Rebecca Reusch (15) aus Berlin verschwindet spurlos. Sie hatte bei ihrer älteren Schwester und deren Familie im Stadtteil Britz übernachtet. In der Schule kam sie morgens nie an.
  • 21. Februar: Die Polizei geht mit der Suche an die Öffentlichkeit. Ihre Schwester wendet sich im Internet an die Bevölkerung und bittet um Hilfe
  • 23. Februar: Die Polizei veröffentlicht Fotos und Infos über die Kleidung. Eine Gewalttat gegen die Jugendliche wird nicht mehr ausgeschlossen. Eine Mordkommission wurde eingerichtet.
  • 26. Februar: Mit Flugblätter suchen Schwester und Freunde im Stadtteil Rudow.
  • 28. Februar: Der 27-jährige Schwager von Rebecca wird von der Polizei als Verdächtiger festgenommen.
  • 1. März: Die Spurensicherung durchsucht das Haus der Schwester. Der Schwager kommt wieder frei. Ein Tatverdacht besteht nach Ansicht des Richters nicht.
  • 4. März: Der Schwager wird nun doch verhaftet. Ein Haftbefehl liegt wegen des dringenden Verdachts des Totschlags vor. Der 27-Jährige kommt in Untersuchungshaft.
  • 6. März: Die Polizei veröffentlich Fotos des Schwagers und seines Autos. Der Wagen wurde nach dem Verschwinden von Rebecca und am Abend des nächsten Tages auf der Autobahn A 12 zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) von Kameras erfasst. Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ befasst sich mit dem Fall.
  • 7.-9. März: Die Polizei durchkämmt mit einer Hundertschaft und Hunden ein Waldgebiet nahe dem Ort Kummersdorf südöstlich von Berlin. Auch Leichenspürhunde und Suchhunde für lebende Menschen sind im Einsatz.
  • 12./13. März: Bei dem Ort Rieplos nahe der Autobahn suchen Kriminaltechniker mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW). Sie vergleichen Reifenspuren.
  • 16. März: Die Polizei sucht mit Hunden entlang der Autobahn zwischen Berlin und der Grenze zu Polen.
  • 18./19. März: Die Mordkommission nimmt sich den Wolziger See südlich der Autobahn vor. Hundeführer aus Nordrhein-Westfalen fahren mit Leichenspürhunden auf einem Boot über den See. Die Hunde können Leichen durch aufsteigende Verwesungsgase riechen.
  • 20. März: Die Polizei sucht den Grund des Sees mit einem Echolot von einem Boot aus ab. Taucher steigen ins Wasser.
  • 21. März: Erneut werden Spürhunde an der Autobahn eingesetzt.
  • 22. März: Der Schwager von Rebecca kommt wieder frei. Der Haftbefehl wurde aufgehoben.
  • 27. und 28. März: Die Polizei stoppt erneut ihre Suche.

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