Radiosender lädt Nazi-Rapper ein – und blamiert sich

Der Berliner Radiosender Kiss FM lud sich einen Neonazi als Talkgast ein – und war damit offensichtlich überfordert.
Der Berliner Radiosender Kiss FM lud sich einen Neonazi als Talkgast ein – und war damit offensichtlich überfordert.
Foto: imago stock&people
Der Nazi-Rapper Makss Damage war zu Gast bei einem Berliner Jugendsender. Auf kritische Fragen warteten Zuhörer allerdings vergebens.

Berlin..  Julian Fritsch macht kein Geheimnis aus seinen rassistischen Ansichten. Als Makss Damage rappt der 28-Jährige Sachen wie „Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ oder „Europa erwache! Deine Kinder warten, die weiße, die arische Rasse.“ Auf seiner Facebook-Seite schimpft er auf die „Systempresse“ oder den „Unrechtsstaat, in dem wir leben“. Ein einschlägig bekannter Neonazi, der Kampfsport anpreist, um „unsere Wehrhaftigkeit“ zu stärken – und der nun auch als Talkgast bei 98,8 Kiss FM sprechen durfte. Allerdings tat sich der Berliner Radiosender damit keinen Gefallen.

Denn nun, drei Tage nach der Sendung, reißen Spott und Kritik im Netz nicht ab. Auf der Facebook-Seite des Senders wird der „Facetalk“ vom 9. Oktober, dessen Aufzeichnung Kiss FM mittlerweile aus dem Netz genommen hat, unter anderem als „peinlich“ und „beschämend“ bezeichnet. Ein anderer Kommentator schreibt: „Wer journalistisch so dünne Bretter bohrt wie ihr, der sollte sich tunlichst nicht daran versuchen, mit Nazis auf Sendung zu gehen. Denn wenn man das schon für eine gute Idee hält, dann muss man wenigstens in der Lage sein, diese Leute zu demaskieren und bloßzustellen, sie auseinanderzunehmen nach Strich und Faden. Aber ihr seid nun mal nur ein jugendlicher Dudelsender und mit solchen Leuten komplett überfordert.“

„Isst du auch mal Pizza oder Döner?“

Die Zuhörer hatten vergeblich auf kritische Fragen des Moderatoren-Duos gewartet. Lukas und Toyah hatten Sachen gefragt wie „Bist du Neonazi?“, „Warum sind deine Texte so hasserfüllt?“ oder auch „Isst du auch mal Pizza oder Döner?“ – zwischendurch wurde Julian Fritsch sogar als „tolerant“ gelobt. Kiss FM muss sich nun mehrfach fragen lassen, wie es Fritsch so eine Plattform bieten konnte. Einem Neonazi, dessen Lieder die NPD auf CD an Berliner Schulhöfen verteilte, bei dem wegen seiner antisemitischen und gewaltverherrlichenden Texte auch schon mal die Polizei zur Hausdurchsuchung anrückte. Makss Damage wird derweil von – offenkundig rechten – Kommentatoren im Netz für die Sendung gefeiert.

Kiss-FM-Programmdirektor York Strempel hat am Mittwoch reagiert und eine Gegendarstellung veröffentlicht. Stempel stellt zunächst klar, dass jeder Hörer ja eh wisse, dass die Radiomacher des Senders „jegliches rechtes Gedankengut ablehnen, verurteilen und abscheulich finden“. Man sehe sich aber in der Pflicht, „harte und emotional aufreibende Themen nicht auszulassen“. Und schließlich habe man mit Dr. Ali Özgür Özdil ja auch einen Imam und mit Shahak Shapira sogar noch einen jüdischen Schriftsteller in der Sendung gehabt. Selbstkritik: Fehlanzeige.

Talkgast nennt Sendungsplanung „fahrlässig“

Apropos jüdischer Schriftsteller: Shahak Shapira hat in einem Beitrag auf „Vice.com“ seine Sicht auf die Sendung veröffentlicht. Er habe die Redaktion gefragt, ob die Einladung eines Neonazis wirklich eine gute Idee sei, er habe darum gebeten, auf jeden Fall parallel mit dem Nazi-Rapper auf Sendung gehen zu dürfen. Am Ende habe ihn die Redaktion nur als beliebigen Anrufer ins Studio stellen wollen, sie sei aber letztlich der Bitte von Makss Damage gefolgt, lieber keine Anrufer zu ihm durchzustellen.

Shapiras Fazit in seinem Beitrag: „Man muss ihm keine Plattform geben, doch ignorieren darf man ihn auch nicht. Entscheidet man sich dennoch dazu, seinem Publikum die hässlichste Seite der Menschheit zuzumuten, muss man auch die journalistische Kompetenz mitbringen, diese Menschen mit pointierten Fragen zu entschleiern—und das wäre im Falle des Makss Damage wirklich ein Leichtes gewesen. Alles andere ist schlichtweg fahrlässig.“ Das nahm Makss Damage wiederum zum Anlass für einen Facebook-Eintrag, adressiert an seinen „Lieblingsjuden“, als Antwort auf dessen „Hetzartikel“.

Nur Interviews mit „nationalistischen Medien“

Kiss FM hat für den kommenden Sonntag einen zweiten Teil des „Facetalks“ zum Thema „Deutschland, dein Land“ geplant. Auf weitere Interview-Beiträge von Julian Fritsch alias Makss Damage dürfte man nun noch eine Weile warten müssen. Schließlich erklärte der Rapper erst unlängst auf Facebook, dass er Interviews mit staatlichen Sendern und anderen Medien nur gegen Geld führe – „weil sie A) genug davon haben, B) ich es gut gebrauchen kann und C) ich ja schließlich auch meine GEZ-Zwangsabgaben an diese Verbrecherbande zahle“. „Nationalistischen Medien gebe ich Interviews selbstverständlich umsonst. Nicht, dass hier der Eindruck entsteht ich hätte eine Hakennase...“

 
 

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