Blind Guardian: Mammut-Album „Legacy of the Dark Lands“ schickt Metal-Fans „auf eine einmalige Reise in die Dunklen Lande“

Blind Guardian veröffentlichen am 9. November ihr Mammutwerk "Legacy of the Dark Lands".
Blind Guardian veröffentlichen am 9. November ihr Mammutwerk "Legacy of the Dark Lands".
Foto: imago/snapshot

Am 8. November veröffentlichen Blind Guardian ein Mammutwerk, auf das Metal-Fans in Deutschland und aller Welt seit mittlerweile 20 Jahren warten.

„Legacy of the Dark Lands“ ist kein gewöhnliches Metal-Album. Blind Guardian entführen ihre Zuhörer mit der Hilfe von mehr als 90 Musikern der Prager Symphoniker, einem 32-köpfigen Chor sowie mehreren Sprechern ins Zentrum ihrer Fantasy-Welt.

Blind Guardian veröffentlichen „Legacy of the Dark Lands“

Mehr als zwei Jahrzehnte arbeiteten Blind Guardian an dem Projekt. Nun ist „Legacy of the Dark Lands“ endlich fertiggestellt.

DER WESTEN sprach mit Frontmann Hansi Kürsch über die komplexe Entstehungsgeschichte des gewaltigen Werks, Pläne zur Umsetzung von Live-Shows und traumhafte Band-Utopien.

DER WESTEN: Im Laufe der Zeit gesellten sich zu eurem rauen Speed Metal immer mehr melodische Elemente, und Motive der Fantasy-Literatur rückten in den Fokus. Diese Entwicklungen treibt ihr mit eurem Mammut-Projekt „Legacy of the Dark Lands“ auf die Spitze. Könnte man dieses Werk daher gewissermaßen als die „Seele“ von Blind Guardian begreifen? Die „Seele“, die euch in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat, in welche Richtung euer Metal gehen soll?

Kürsch: Ich verstehe es eher als unser grundsätzliches Kernstück, welches sehr viel über unsere kreative Philosophie verrät. In der Musik gibt es keine Grenzen und wenige Regeln, die Allgemeingültigkeit besitzen - vielleicht sogar gar keine. „Legacy of the Dark Lands“ offenbart in jedem Fall eine Menge Herzblut, und es steckt viel Seele in jedem einzelnen Song. Genau betrachtet ist das aber grundsätzlicher Ausdruck unserer kreativen Schaffensphilosophie und somit auch grundsätzlicher Bestandteil aller unserer anderen Alben. Ein Album oder auch nur ein Song, der nicht als Seele von Blind Guardian zu verstehen ist, wäre für uns undenkbar.

Ich glaube auch nicht, dass man „Legacy of the Dark Lands“ hören muss, um ein anderes Blind-Guardian-Album zu verstehen. Es gehört zu haben, kann aber sicherlich nicht schaden. (lacht)

Unbestreitbar ist aber trotzdem, dass der Schaffensprozess dieses speziellen Albums starken Einfluss auf das Klangbild der Alben hatte, die während der genannten Schaffensperiode entstanden sind. Wir sprechen hier immerhin von vier regulären Blind-Guardian-Alben, die in dieser Phase entstanden sind und veröffentlicht wurden.

Als wir vor etwas mehr als 22 Jahren beim Herumexperimentieren den ersten Song für dieses Werk komponierten, war uns klar, dass wir hier etwas Neuartiges geschaffen hatten. Es war auch klar, dass wir diese Art von „Klassischem Heavy Metal" separat von unseren „normalen“ Alben veröffentlicht wollten. Dass die Fertigstellung so viel Zeit in Anspruch nehme würde, hätten wir damals nicht gedacht. Wir waren von Anfang an von diesen andersartigen Klangcollagen absolut begeistert. Dass das Album in eine Zeit hinein veröffentlicht wird, in der Pop-, Rock- und Metalsongs gar nicht einfach und stereotyp genug sein können, macht die Veröffentlichung dieses Konterpunktalbums noch spannender. Wir wollen eine musikalische Geschichte erzählen, die Bilder beim Hörer erzeugt und Inspiration erweckt.

DER WESTEN: Du sprachst gerade den enormen Aufwand an. Welche besonderen Herausforderungen stellten sich bei der Umsetzung dieses Projekts? Gab es Momente, bei denen ihr das Gefühl hattet, dass ihr euch vielleicht ein bisschen übernommen habt und scheitern könntet?

Kürsch: Den größten Druck macht man sich in der Regel selbst. Das haben wir so gut es ging zu vermeiden versucht. Von daher nein, diesen Moment hat es tatsächlich nicht gegeben. Wir haben allerdings dummerweise kurz nachdem wir den ersten Song fertigkomponiert hatten, verlautbaren lassen, dass wir an einem solchen Album arbeiten würden. Das heißt, seit zwanzig Jahren warten die Leute auf dieses Album, und wir mussten während dieser zwanzig Jahre ständig auf später vertrösten.

Zu erklären, woran man eigentlich konkret die ganze Zeit arbeitete, war auch kein einfaches Unterfangen. Wir haben uns den Mund fusselig geredet und versucht, so konkret wie möglich zu sein. Aber so nah wie Albrecht Dürer mit seinem Rhinozeros-Holzschnitt dem Nashorn sind wir dem Kern unserer eigenen Sache wohl eher nicht gekommen. Dieser Herausforderung waren wir also definitiv nicht gewachsen. Bei allen anderen Sachen waren wir allerdings sehr hartnäckig und haben alle Probleme mit Geduld aus dem Weg geräumt.

„Das Finden des richtigen Orchesters war so eine Sache“

Das Umsetzen unserer auf dem Computer programmierten Orchesterideen in für das Orchester lesbare Partituren bereitete uns für einige Zeit Bauchschmerzen. Nachdem wir auf einigen Umwegen mit Matthias Ulmer den perfekten Mann für dieses Unterfangen gefunden hatten, konnten wir den Orchesteraufnahmen des Filmharmonic Orchesters unter Leitung von Adam Clement in Prag beruhigt entgegensehen. Das Finden des richtigen Orchesters war übrigens auch so eine Sache, die uns eine Zeit lang beschäftigte. Die Prager waren unser dritter Versuch mit Orchester. Die vorherigen Orchester konnten uns aus unterschiedlichen Gründen musikalisch nicht abholen. Bei den Pragern war das vom ersten Ton an anders. Die Intention wurde sofort erfasst. Wir waren begeistert und hatten dadurch auch dieses Problem im Griff.

DER WESTEN: Diese Zusammenarbeit mit dem Orchester muss für dich persönlich als Sänger besonders herausfordernd gewesen sein. Du warst es mehr als zwei Jahrzehnte lang gewöhnt, in einer Metalband zu singen. Nun musstest du es mit einem ganzen Orchester „aufnehmen“. Welche Herausforderungen haben sich dahingehend im Speziellen für dich für dich ergeben?

Kürsch: Da wir die Nummern ja schon ohne Band konzipierten und unsere vorprogrammierten Arrangements schon sehr beeindruckend nach echtem Orchester klangen, hatte ich erst mal überhaupt keine Bedenken bei dem Gedanken, dass ich bei einem Orchester-Album ohne Metal-Album praktisch der einzige Fremdkörper sein würde. Mein Gesang ließ sich bei den vielen Vorproduktionen zu diesem Projekt sehr schön in die Musik einbetten, und ich hatte bei der Konzeption viel mehr Freiräume zum Erschaffen von diversen Stimmfarben und unterschiedlichen Dynamiken als das auf einem Blind-Guardian-Album der Fall ist.

Auf den letzten beiden regulären Blind-Guardian-Alben sind auch schon Songs mit echtem Orchester enthalten, allerdings verstärkt durch die reguläre BG Metal Wand. Ich war mir also zu Beginn der Aufnahmen ziemlich sicher, dass das Ganze von daher recht gut funktionieren würde und fühlte mich gut vorbereitet...Oh Wunder, wie kann es anders sein? Dem war dann doch nicht so.

„Das war hier und da schon mal schmerzhaft“

Das erste zu umschiffende Problem war die noch größere Dynamik eines live eingespielten Orchesters im Vergleich zu einem computergenau vorprogrammierten synthetischen Orchesters. Wenn also das Orchester ein wenig leiser als geplant gespielt hatte, so mussten dann auch zwangsweise meine Gesangslinien an solchen Stellen leiser gesungen werden. Bei den intensiveren Stellen verhielt es sich dann umgekehrt genauso. Das war hier und da schon mal schmerzhaft.

Anders als bei einer Metal-Produktion hatten wir die einzelnen Instrumente auch nicht im separaten Zugriff. Die Aufnahmen für das Orchester fanden in einer Live-Session im Prager Rudolfinum statt, der Gesang wurde dann separat in unserem Musikstudio in Grefrath Oedt aufgenommen. Nach der dritten Frage im Studio, ob man die viel zu lauten Trompeten nicht etwas leiser machen könnte, hatte ich es dann verstanden: „Nein, geht nicht.“ Hier hieß es nicht nur „Augen zu und durch“, sondern die Ohren auch gleich mit zu. Ich habe häufig geflucht.

Das richtige Timbre der Stimme musste dann ebenfalls zu jedem einzelnen Part je nach Performance des Orchesters angepasst werden. Mal brauchten wir die eher typische Metal-Zerre in meiner Stimme, dann wiederum war jedes bisschen Kratzen auf der Stimme schon zu viel. Das war arbeitsintensiv. Ich habe also viel gelernt und konnte meine Dynamik deutlich verbessern. Bein nächsten Mal bin ich schneller.

DER WESTEN: Kaum ist das Album fertig, da gibt's schon Überlegungen für Live-Shows. Für 2021 sind Shows in der Westfalenhalle geplant. Weil das Album so opulent inszeniert ist, fällt es mir schwer vorzustellen, wie ein Live-Auftritt wohl aussehen würde. Was können die Zuschauer dort erwarten?

Kürsch: Ob es die Westfalenhalle, eine andere Halle in unserer Region oder aber sogar einige Konzerte in diversen passenden Konzerthallen geben wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Es wird auf alle Fälle sehr arbeitsaufwendig und für uns ist es klar, dass bei solch einer Produktion die gesamte Aufmerksamkeit auf der Inszenierung von „Legacy of the Dark Lands“ liegen muss. Der Besucher soll auf eine einmalige Reise in die Dunklen Lande mitgenommen werden. Das ist das erklärte Ziel.

Auf der einen Seite muss von daher die Geschichte des Albums konzeptionell perfekt wiedergegeben werden, wofür wir Schauspieler und Sprecher benötigen werden, und auf der anderen Seite müssen wir einem circa 90-köpfigen Orchester mit 32-köpfigen Chor gerecht werden. Das ist ambitioniert. Ganz zu schweigen vom Bühnenbild und den Bühneneffekten.

„Gastsänger werden das Projekt auf eine andere Stufe bringen“

Aber das kriegen wir hin. Es braucht in der Ausarbeitung allerdings noch ein bisschen Zeit. Die nehmen wir uns. Wir haben über die Jahre die richtigen Leute um uns versammelt und haben eher zu viele als zu wenig Ideen für die Umsetzung. Unsere Köpfe rauchen bereits, und in unserer Phantasie sieht schon jetzt alles super aus. Ihr dürft also gespannt sein. Bei den Liedgesängen werden wir übrigens auf die Hilfe von Gastsängern zurückgreifen. Das wird das ganze Projekt noch mal auf eine andere Stufe bringen und uns in Bezug auf die dramatische Geschichte neue Möglichkeiten offenbaren. Aber einen Schritt nach dem anderen.

DER WESTEN: Wie geht es sonst noch mit diesem Projekt weiter? Können Fans sich vielleicht auf eine Metal-Fassung des Werks freuen? Gibt’s vielleicht sogar eine Verfilmung?

Kürsch: Auch hier ist noch nicht aller Tage Abend. Mit der Veröffentlichung des Albums soll auch unser erster Videoclip „War Feeds War“ veröffentlicht werden, der uns eine erste sehr starke visuelle Idee vermitteln wird, wohin die Reise gehen könnte. Das ganze Projekt als riesiger Videoclip wäre natürlich schon toll. Darüber hinaus können wir uns alles vorstellen. Mit Markus Heitz diskutieren wir auf alle Fälle die Möglichkeit einer eventuell sogar vom Blind Guardian Twilight Orchestra getrennten Bühnenaufführung. „Legacy of the Dark Lands“ würde auch als sehr komplexes Musical durchgehen. Über die Metal Vertonung haben wir in den vergangenen Jahren immer mal wieder gesprochen. Auch das ist eine Möglichkeit.

Das Umgestalten auf die Komponente "Metalband mit Orchester" ist aber in jeder Beziehung sehr aufwändig, da die Orchesterarrangements so umgestaltet werden müssten, dass sie Freiräume für die Band schaffen. Das wiederum hätte Einfluss auf die Gesangssettings, die sich eher wieder der Metalband anpassen müssten. Das Ganze ist keine Quantenphysik, kann aber auch nicht mal eben neben der anstehenden Orchester-Veröffentlichung und dem nächstem regulärem Blind-Guardian-Studioalbum abgefrühstückt werden. Wir schauen mal.

DER WESTEN: Abschließend würde ich den Blick dann 20 Jahre nach vorne werfen: Mit welchem Mammutwerk begeistert ihr die Fans im Jahr 2039?

Kürsch (schmunzelt): 20 Jahre in die Zukunft zu schauen, erscheint mir mittlerweile ein wenig ambitioniert, aber warum nicht? Was machen wir in 20 Jahren? Wir werden Zeugen der 25.000sten Theateraufführung von „Legacy of the Dark Lands“. Das Werk ist mittlerweile Weltkulturerbe und läuft nach wie vor, nunmehr im zwanzigsten Jahr, am Broadway. Nach diversen Soundtrackblockbustern, die wir mittlerweile erfolgreich arrangiert haben, erhalten wir endlich bei der dritten Oscarnominierung unserer Karriere für den Tolkien-Klassiker „Akalabeth" die begehrte Trophäe für den besten Soundtrack.

Mit Blind Guardian erfüllen wir uns den lang gehegten Wunsch und absolvieren unsere erste Unplugged-Tour. Das im gleichen Jahr veröffentlichte Live-Akustik-Album „Mordor Interludes“ wird zum weltweit erfolgreichsten Album des Jahres 2039. Im Jahr 2040 erscheint dann endlich Blind Guardian Twilight Orchestra’s zweites Werk „Somewhere in the Dark Lands, Jazzterday“. Keine Ahnung. ob dieses Album erfolgreich wird - bei Metal mit Saxophon, Kontrabass und Klarinett - aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

 
 

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