Pflegeeltern von Yunus fürchten um ihr Leben

Yunus lebt bereits seit acht Jahren bei seinen Pflegeeltern, zwei Frauen. Damals, mit vier Monaten, war er mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Das Jugendamt entschied, dass seine Familie türkischer Herkunft fortan nicht mehr das Sorgerecht haben sollte.

Den Haag.  Der Streit um ein türkisch-stämmiges Pflegekind, das bei zwei lesbischen Frauen in den Niederlanden lebt, zieht politische Kreise. Er überschattet den für Donnerstag anstehenden Staatsbesuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in den Niederlanden. Denn: Türken und Niederländer führen hitzige Debatten über den neunjährigen Jungen Yunus.

Hasstiraden auf Facebook

Das Kind lebt bereits seit acht Jahren bei seinen Pflegeeltern, zwei Frauen. In der Auseinandersetzung um Yunus geht derart beleidigend zur Sache, dass Facebook eine türkische Seite gelöscht hat, auf der ungezählte anti-niederländische Hasstiraden zu lesen waren. Der Junge und die beiden lesbischen Frauen sind inzwischen an einen geheimen Ort in den Niederlanden gebracht worden. Sie fürchten um ihr Leben, erhalten Personenschutz von der Polizei.

Der türkische TV-Sender ATV hatte den „Fall Yunus“ so dargestellt, als sei das Kind von der holländischen Polizei entführt worden. „Polizisten dringen in dein Haus ein, reißen dir dein Kind aus deinen Armen. Später erfährst du, dass es misshandelt und vergewaltigt worden ist, dass man es drogensüchtig gemacht hat, dass es gefoltert wurde.“ Der Sender, der vom Schwiegersohn des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan betrieben wird, startete eine Kampagne. Tenor: „Stoppt den Kindesmissbrauch in den Niederlanden.“

Die Wahrheit ist: Yunus wurde im Alter von vier Monaten mit einem Armbruch und schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus in Den Haag eingeliefert. Jugendschützer hatten daraufhin beantragt, den leiblichen, aus der Türkei stammenden Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Ein unabhängiges Gericht gab diesem Antrag statt. Das Kind kam zu den lesbischen Pflegeeltern. Das Haager Jugendschutzamt stellt klar: „Wir haben die Pflegeeltern sorgfältig ausgesucht. Wir hätten Yunus auch gerne bei einer türkischen Pflegefamilie untergebracht. Aber wir fanden keine.‘‘

Nun, vor dem Staatsbesuch von Erdogan, trat Yunus’ leibliche Mutter im türkischen Fernsehen auf. Sie bat den Ministerpräsidenten um Hilfe. Sie will ihren Sohn zurück. Die Frau kritisierte, dieser werde von lesbischen Frauen erzogen, die auch noch Christen seien. Dies sei völlig inakzeptabel. Das meint auch der türkische Vize-Premier Bekir Bozdag, der für die im Ausland lebenden Türken zuständig ist. Er will den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.

„Ein Land, das sich so verhält, hat in der EU nichts zu suchen“, wettert der liberale niederländische Abgeordnete Hans van Baalen. Er ist Mitglied des EU-Parlaments und fordert: „Alle Verhandlungen mit der Türkei über einen möglichen EU-Beitritt müssen sofort gestoppt werden.“ Noch weiter geht der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders. Er fordert den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte auf: „Laden Sie Erdogan aus. Er ist hier nicht willkommen.“

 
 

EURE FAVORITEN