Pflege unter Palmen - Immer mehr Senioren gehen ins Ausland

Das Wetter spielt immer mit: Pflege unter Palmen auf Lanzarote.
Das Wetter spielt immer mit: Pflege unter Palmen auf Lanzarote.
Foto: Privat
Immer mehr Deutsche zieht es im Alter ins Ausland. Allein in Spanien und Portugal leben 50.000 deutsche Senioren. Die meisten kommen wegen des Wetters. Auf Lanzarote hat ein deutscher Pflegedienstanbieter „Betreutes Wohnen“ ins Leben gerufen.

Arrecife.. Lisette (95) streckt sich. Sie, die ewige Turnerin, lässt auch im Alter nicht locker: Mit den Füßen in der Luft Fahrrad fahren, kein Problem – wofür hat sie noch so elastische Beine? Sie atmet tief durch. Die Balkontür steht offen. Es riecht nach Sommer.

Lisette stammt aus Marburg, doch die letzten Jahrzehnte hat sie ihre Lieblingsinsel Lanzarote zur Heimat gemacht: betreutes Wohnen unter derart gleißendem Sonnenlicht, dass man sich fragt, wer das in dem Alter aushalten kann? Hier wächst kein Gras, Vulkaninseln haben einen herben Charme.

50.000 deutsche Senioren in Spanien und Portugal

Das Haus, in dem Lisette lebt, ist nicht weit vom Strand entfernt. Wobei – da geht sie sowieso nicht hin. Warum sie dann hier ist und nicht in Deutschland? Wegen des schönen Wetters, sagt Lisette.

Das schöne Wetter sei stets ein Grund, warum es mittlerweile über 200 000 Deutsche, so die Zahl der Deutschen Rentenversicherung, ins Ausland zieht. Die meisten bleiben in Europa – über 50 000 Über-Siebzigjährige leben alleine in Spanien und Portugal. Aber auch die USA und exotische Länder wie die Philippinen und Thailand zählen zu den begehrten Zielen für den Lebensabend.

Altenpflege ohne Zeitdruck

In der weißen Villa, in der Lisette ihr Zimmer mit vielen Erinnerungsstücken persönlich gestaltet hat, spricht man deutsch. Der Pflegedienst ist in den deutschen Händen von Thomas Kalisch, Koordinator beim Pflegedienst Curavital, und Jana Kaiser. Sie haben das Projekt auf Lanzarote vor sechs Jahren ins Leben gerufen. Die beiden sind weg aus Süddeutschland, weil sie sich einen Traum erfüllen wollten: eine Altenpflege auf die Beine stellen, die anders ist, als das, was sie in Deutschland kennengelernt haben. Sie wollen eine Pflege ohne Zeitdruck anbieten, eine Pflege der Zuwendung. Deshalb wohnen sie auch in direkter Nachbarschaft und seien immer ansprechbar.

Die Villa hat Platz für etwa 13 Senioren, die zwar über Einzel-, Zwei- und Dreibettzimmer und über sämtliche Hilfsmittel verfügt, aber so gar nicht nach Seniorenunterkunft aussieht. „Im Zimmer sind die meisten ja nur zum Schlafen“, sagt Jana Kaiser. Tagsüber sitzt man unterm Sonnendach auf der Terrasse. Oder arbeitet! Waschen, kochen – „die Leute sind froh, wenn sie Sinnvolles tun können“, sagt Jana Kaiser.

Elisabeth schält Kartoffeln, draußen in der ewigen Sonne der Insel. Sie kneift die betagten Augen zu, die Hände zittern ein wenig, aber es klappt. Einst kam sie wegen ihrer Tochter hierher, die auf Lanzarote leben wollte. Doch die Tochter starb, sie blieb. „Von dem Schicksalsschlag hat sie sich nie erholt. Aber wir tun alles, damit es ihr gut geht“, sagt Jana Kaiser. Sie ist examinierte Krankenschwester mit Zusatzausbildung in der Alten-Psychiatrie. Natürlich reden sie alle ein wenig wie aus Werbeprospekten. „Es ist auch vergleichsweise günstig“, sagt Kalisch. „Ein Monat in unserem betreuten Wohnen kostet etwa 2500 Euro. In Deutschland kann das durchaus bei 4000 bis 5000 Euro liegen.“

Verbraucherschützer warnen vor den kleinen Fallen

Windel und Schnabeltasse, dort alt werden, wo andere auf Flipflops und in Urlaubsstimmung das leichte Leben preisen? Warum nicht. Fast 30 Prozent der Deutschen, so jüngste Umfragen, können sich das gut vorstellen.

Das Risiko von unzureichender Pflege sei im Ausland größer als in Deutschland, sagen Verbraucherschützer. Zwar sei das Ausbildungsniveau der Pflegekräfte europaweit ähnlich hoch, allerdings könnten hier die Verwandten nicht mal schnell nach dem Rechten sehen.

"Unser Arzt spricht deutsch"

Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe sagt: „Immer wieder hört man, dass alte Menschen freiwillig nach Mallorca, Lanzarote oder Ibiza gehen, um dort gut versorgt zu sein. Und dann die Erfahrung machen, dass im Bedarfsfall die sichere ärztliche Versorgung, Medikamentengabe nicht gut funktioniert. Etliche sind dann doch wieder ins soziale deutsche Netz zurückgekehrt.“

Lisette wollte nie zurück. „Unser Arzt spricht deutsch.“ Ihr wichtigster Grund jedoch: Hier kann sie das ganze Jahr Sandalen tragen.

 

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