Partyvolk oder „Schwarzer Block“? So schildern Schanzen-Gastronomen ihre Sicht auf die G20-Krawalle

Szene aus der Krawallnacht während des G20-Gipfels in Hamburg: Partyvolk wie auf dem Schlagermove oder „Schwarzer Block“?
Szene aus der Krawallnacht während des G20-Gipfels in Hamburg: Partyvolk wie auf dem Schlagermove oder „Schwarzer Block“?
Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS
  • Die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg sorgen auch Tage später für Diskussion
  • Geschäftsleute haben einen offenen Brief verfasst
  • Dem „Schwarzen Block“ die Schuld zu geben, sei zu verkürzt, sagen sie

Hamburg.  Nach den Krawallen im Hamburger Schanzenviertel während des G20-Gipfels sitzt der Schock, die Wut, die Fassungslosigkeit vor allem bei den Anwohnern noch immer tief. Während Politiker, Aktivisten, Polizei und Medien noch immer hitzig diskutieren, wie die Gewalt derart eskalieren konnte, haben sich ein paar Hamburger Gastronomen und Geschäftsleute Zeit genommen, einen sehr besonnenen offenen Brief zu schreiben und zu den Geschehnissen Stellung zu beziehen.

Angesichts der tobenden Menge, der geplünderten Läden, der brennenden Barrikaden falle es ihnen noch immer schwer, „darin die Artikulation einer politischen Überzeugung zu erkennen“, heißt es in der Stellungnahme. Die volle Komplexität der Dynamik sehen die Verfasser im öffentlichen Diskurs nicht erfasst.

Nicht nur der „Schwarze Block“ habe in Hamburg gewütet

Zu verknappt scheint es ihnen, dass im Zusammenhang mit der Krawallnacht nur der „Schwarze Block“ gewütet haben soll. Zerborstene Scheiben, herausgerissene Parkautomaten, zerschlagene Bankautomaten, aufgerissene Pflaster – das alles habe es durchaus gegeben, die Zerstörungen seien aber nur zu einem kleinen Teil vom „Schwarzen Block“ ausgegangen.

„Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo“, heißt es in dem Schreiben.

Mischung aus Wut, Alkohol und Frust führten zur Eskalation

Die Rede ist weiter von Besoffenen, die sich selbst überschätzten. „Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch Alkohol, der Frust über die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel – durch alle anwesenden Personengruppen hindurch –, die sich hier Bahn brach.“

Zudem hätten „offenbar gut organisierte, schwarz gekleidete Vermummte“ Anwohnern geholfen, Hab und Gut in Sicherheit zu bringen, hätten Feuer gelöscht und andere davon abgehalten, durch die zerbrochenen Scheiben in Geschäfte einzudringen.

Verfasser kritisieren Olaf Scholz

In der Stellungnahme üben die Verfasser Kritik an der Polizei und vor allem an der Politik des Hamburger Senats und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Scholz habe zwar Recht, wenn er von „Verrohung“ spreche, pflichten sie ihm bei. http://G20-Proteste-_Über_diese_sechs_Szenen_reden_jetzt_alle{esc#211196419}[video]

Gleichzeitig schränken sie ein: „Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesellschaft ist, in der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich bekämpft wird, darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben.“

Offener Brief wurde tausendfach geteilt

Den Beitrag, den 13 Schanzen-Geschäfte unterzeichnet haben, ist am Mittwoch auf der Facebook-Seite des Bistros Carmagnole veröffentlicht worden. Bis Donnerstagmorgen wurde er fast 8400-mal geteilt und mehr als 11.200-mal mit Reaktionen markiert. (jkali)

 
 

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