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Newtown-Attentäter Adam Lanza war fasziniert vom Morden

Newtown-Attentäter Adam Lanza war fasziniert vom Morden

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Connecticut Community Copes With Aftermath Of Elementary School Mass Shooting
Adam Lanza, der an der Sandy Hook-Grundschule 26 Kinder und Lehrer erschossen hat, pflegte eine wahre Obsession für Amokläufe, Gewalt-Videospiele und Waffen. Zudem war er psychisch schwer krank – wurde aber nie behandelt. Eine Erklärung, warum er zum Massenmörder wurde, ist das alles jedoch nicht.

Washington. 

Den Familien der 20 erschossenen I-Männchen und sechs getöteten Lehrer und Mitarbeiter der Sandy Hook-Grundschule sind die grauenvollen Ergebnisse schon vor einigen Tagen schonend im persönlichen Gespräch nahegebracht worden. Die Öffentlichkeit erfuhr erst jetzt, fast ein Jahr nach dem Massaker in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut, zum ersten Mal offiziell Einzelheiten zu einer Bluttat, die Amerika bis heute aufwühlt. Nach Lektüre der 48-seitigen Zusammenfassung, auf die Staatsanwalt Stephen Sedensky die vielen tausend Seiten des Ermittlungsberichts kondensiert hat, bleibt die Schlüsselfrage allerdings weiter unbeantwortet: Warum?

Nach heutigem Stand, so Sedensky, werden die Hintergründe, die den 20-jährigen Adam Lanza am 14. Dezember 2012 um 9.30 Uhr mit einem Schnellfeuergewehr vom Typ Bushmaster XM15-E2S und 300 Schuss Munition zum Massenmörder werden ließen, für immer ein Mysterium bleiben. Eine Minute nach Eintreffen der ersten Polizisten hielt sich Lanza eine Pistole der Marke Glock an den Kopf und drückte ab. Trotz Vernehmungen in dreistelliger Zahl: Nirgends konnten die aus fast zwanzig Behörden rekrutierten Experten und Fahnder bisher ein unabweisbares Motiv festmachen. Allenfalls Indizien.

26 Tote innerhalb von elf Minuten

Mit chirurgischer Kühle listet der Bericht den Ablauf der Tragödie auf, die von Anfang bis Ende elf Minuten dauert. Auf dem Gang zu den Unterrichtsräumen erschießt Lanza um kurz nach halb zehn Direktorin Dawn Hochsprung (47) und Schulpsychologin Mary Scherlach (56). Zwei weitere Mitglieder des Kollegiums werden angeschossen, überleben. In den Klassenräumen Nr. 8 und Nr. 10 eröffnet Lanza das Feuer und tötet vier Lehrer und 18 Kinder. Zwei Schüler sterben später im Krankenhaus. Zwölf Mädchen und Jungen, die das Blutbad aus unmittelbarer Nähe mitansehen mussten, bleiben unversehrt. Ein Wunder angesichts von über 150 sichergestellten Patronenhülsen.

Die erst nach öffentlichen Druck auf die Staatsanwaltschaft freigegebenen Mosaiksteine aus dem Leben des Täters ergeben das Bild eines psychisch kranken Außenseiters, der eine Obsession zu Schusswaffen, Gewalt verherrlichenden Videospielen und Amokläufen entwickelt hatte.

Ego-Shooter und „Dance Revolution“

Im zwei Kilometer vom Tatort entfernten Haus in der Yogananda Straße, in dem Lanza kurz vor dem Massaker seiner schlafenden Mutter Nancy (52) mit einem Gewehr viermal in den Kopf schoss, stellten die Fahnder massenhaft Material sicher, das um ein Thema kreist: Tod und Verderben. Darunter eine Sammlung von Zeitungsartikeln, die Massenmorde seit dem 1891 beschreiben. Lanza hatte eigens eine Tabelle angelegt. Insbesondere mit dem Schul-Massaker von Littleton/Colorado beschäftigte sich der menschenscheue, hagere Mann intensiv. Im April 1998 starben in der Columbine Highschool 15 Schüler, darunter die 17 und 18 Jahre alten Täter. Bereits als Fünftklässler beschäftigte sich Adam Lanza mit einem von der Schule geleiteten Projekt, in dem der Hauptcharakter eine Waffe in seinem Spazierstock trug und damit Menschen erschoss. In seinem Zimmer wurde neben einschlägigen Gewalt-Videospielen wie „Doom“, „Call of Duty“ und „Grand Theft Auto“ auch ein Produkt sichergestellt, in dem der Akteur am Computer einen Amokläufer steuert, der in einer Schule Kinder erschießt. Titel: „School Shooting“. Aus dem Rahmen fällt da fast ein Hobby, dem Lanza an den Wochenenden regelmäßig in der Lobby eines Kinos mehrere Stunden am Stück frönte: „Dance Dance Revolution“. Ein familienfreundliches Musik-Videospiel, in dem der Spieler auf einer Tanzmatte steht, vorgegebene Bewegungen nachahmt – und dabei gefilmt wird.

Ein Mörder mit Asperger Syndrom

Lanza, bei dem 2005 das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde, eine psychische Störung aus dem Bereich Autismus, lebte im Haus seiner ihn alleinerziehenden Mutter wie ein Solitär. Nancy Lanza durfte sein Zimmer nicht betreten. Lanza pflegte diverse Marotten. Er ekelte sich davor, Türgriffe anzufassen und selbst angefasst zu werden. Weihnachten und Geburtstage waren ihm ein Graus. Er wechselte mehrfach am Tag die Kleidung und bestand darauf, verschiedene Speisen ausschließlich auf bestimmtem Geschirr zu sich zu nehmen. Zuletzt verkehrte er mit seiner Mutter im Haus nur noch per E-Mail, ging nicht mehr vor die Tür und klebte die Fenster von innen mit schwarzen Müllsäcken zu. Ob Lanza von seiner Mutter oder Dritten Hilfe erhielt oder in psychische Betreuung geschickt wurde? Der Abschlussbericht stellt dazu nur knapp fest: Nein.

Außerdem: Es gab definitiv keinen zweiten Täter, keine Hintermänner und – soweit heute bekannt – keine Mitwisser. Lanza stand laut Autopsie nicht unter Wirkung von Medikamenten, Alkohol oder Drogen. Sämtliche Waffen, inklusive Munition, waren von Mutter Nancy, selbst eine Waffen-Närrin gewesen, legal gekauft. Die von Lanza vorher mit großem Aufwand zerstörten Festplatten seiner Computer konnten von den Experten der Bundespolizei FBI nicht rekonstruiert werden.

Und zu Weihnachten eine Pistole

Fest steht für das Team um Staatsanwalt Sedensky, dass Adam Lanza, der am Tag der Tat abgesehen von einer grünen Weste und gelben Ohrstöpseln von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet war, seine Vorhaben akribisch geplant haben muss. Darauf deuteten die mitgebrachten Waffen im Auto, das Übermaß an Munition und eine auf seinem mobilen Navigations-Gerät festgestellte Route hin. Am Tag vorher hielt sich Lanza mindestens 20 Minuten in unmittelbarer Nähe der Sandy Hook auf, wo er von 1998 bis 2003 selbst Lesen und Schreiben gelernt hatte. Zuhause wartete da schon ein Scheck für ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter auf ihn. Für eine Pistole vom Typ CZ 83. Er hat ihn nicht mehr eingelöst.