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Medienkritik

Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum

12.06.2012 | 11:36 Uhr
Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
Eine Studie über die Berichterstattung in der Causa Wulff verdirbt der „Bild“-Zeitung die Feierlaune kurz vor ihrem 60. Jubiläum.Foto: Axel Schmidt/dapd

Hagen.   Die Auszeichnung der „Bild“-Zeitung mit dem Henri-Nannen-Preis für die Berichterstattung über Christian Wulff hat die aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung nicht verhindert. Dennoch wirft die kritische Studie über die „Bild“-Zeitung dunkle Schatten auf das 60. Jubiläum des Boulevard-Blattes.

Ihr eigentliches Ziel hat sie nicht verhindern können. Die „Bild“-Zeitung erhielt den Henri-Nannen-Preis für ihre Rolle in der Staatsaffäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Dennoch entfaltet die Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung über Deutschlands auflagenstärkste Gazette Wirkung. „Bild und Wulff – ziemlich beste Partner“ verdirbt dem Springer-Verlag die Jubel-Stimmung kurz vor dem 60-jährigen Jubiläum des mächtigen Boulevard-Blattes.

Aber der Reihe nach. Wulff war im vorigen Winter in den Verdacht geraten, die Grenze zwischen Politik und Privatleben verwischt zu haben. Er reagierte zunehmend dünnhäutig auf die Berichterstattung, auch und gerade in der „Bild“-Zeitung. Das Blatt hatte lange als Hauspostille für sein Selbstmarketing verstanden. Schließlich ließ sich Wulff dazu hinreißen, auf der Mailbox von Chefredakteur Kai Diekmann eine Wut-Nachricht mit drohendem Unterton zu hinterlassen. Der Anruf markierte den Anfang vom Ende des vormals ersten Mann im Staat.

„Bild“ und Wulff - ziemlich beste Partner

Die promovierten Branchenkenner Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz nahmen den Fall zum Anlass für eine breitangelegte Studie. Sie wühlten sich durch mehr als 1500 „Bild“-Artikel über Wulff, entstanden zwischen 2006 und 2012. Danach kamen die Autoren der Studie zu der Erkenntnis, Wulff habe davon ausgehen können, zwischen ihm als Politiker und der Redaktion herrsche „eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung“. Der Christdemokrat habe in der Mailbox-Affäre deshalb so wütend reagiert, weil er glaubte, „Bild“ habe den Pakt „einseitig und zum Schaden Wulffs“ aufgekündigt.

Tatsächlich bringt die Studie Belege dafür, dass „Bild“ Wulff zunächst „in allen Lebenslagen glorifiziert“ habe: „Genau in der Zeit, in der Christian Wulff geschnorrt, möglicherweise das Parlament getäuscht und gegen das Ministergesetz verstoßen hat, hat ,Bild’ ihn in einer Endlosschleife als den wunderbarsten Menschen und erfolgreichsten Politiker gepriesen.“

Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung

Im Dezember 2011 jedoch bekam Wulffs Glanz-Bild immer mehr Risse. Die „Bild“-Zeitung, befinden Arlt und Storz, sei in jenen Tagen eine Getriebene gewesen. Sie habe vor der Wahl gestanden, als Helferin eines letztlich moralisch zweifelhaften Politikers dazustehen oder sich an die Spitze der Anti-Wulff-Bewegung zu setzen. „Bild“ entschied sich, in den Tagen vor Weihnachten „mit mehr Distanz und mehr Vernunft“ als andere Medien zu berichten – auch um nicht in den Ruch zu kommen, Wulff direkt aus dem Himmel in die Hölle zu schreiben.

Dennoch sehen die Autoren der Studie im Vorgehen von „Bild“ alles andere als eine Heldentat. Wer dieses Vorgehen als guten Journalismus lobe, müsse auch „Stalker für ihre Treue, Schwarzfahrer für umweltfreundliches Verkehrsverhalten und Schmuggler für das Überwinden von Grenzen auszeichnen“.

Jürgen Overkott


Kommentare
12.06.2012
19:02
Ähm - wie ist das eigentlich mit dem Verkauf von WAZ-Anteilen an Springer?
von nachdenken | #5

So vor einem halben Jahr?
Von der einen Erbenfamilie....
Ist das eigentlich über die Bühne gegangen?
Und ist das jetzt Kritik im eigenen Hause?
Nur mal so für den Überblick.

12.06.2012
18:04
Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
von gamleman | #4

@dummberger (#3):

Welche Medien kritisieren denn? Hier wird doch nur ganz sachlich und neutral festgestellt, dass das grosse Vorbild einen kleinen Kratzer am Lack hat. Mehr nicht, ein einiges Mal haben sie sicht nicht mit Ruhm bekleckert.

Nichts spricht dagegen, sich auch weiter diesem Vorbild in Stil, Inhalt und Vorgehensweise anzupassen. Wir erleben es täglich. Solange uns Berichte der BLÖD als "seriös" untergejubelt werden, wird sich das nicht ändern.

12.06.2012
17:01
Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
von dummmberger | #3

Die Medien, die in den letzten Jahren mehr und mehr Stil und Inhalte der BILD kopieren, sollten mit Kritik sehr vorsichtig sein.

Ich weiß nicht, wie oft ich hier in den letzten Jahren lesen durfte "Wie die BILD-Zeitung berichtet....."

12.06.2012
13:37
Welch eine Farce
von jokel | #2

der Bild repektive der Redaktion den Henry Nannen Preis zu verleihen. Aber gut mache halten den Focus auch für ein Nachrichtenmagazin und N24 für einen Nachrichtensender. Einzig die Redakteure der SZ haben Rückrat bewiesen und wollten keinen Preis mehr.

12.06.2012
12:47
"BILD" ist der Januskopf der Merinungsfreiheit!
von jcm | #1

Laut Gerichtsurteil darf sich die "BILD" nicht als Zeitung titulieren. Warum wird "BILD" dann hier ständig als Zeitung geadelt? Zumal auch ohne diesen Zusatz JEDER wissen dürfte, wer bzw. was gemeint ist.
Wie schon in den 60er-/70er-Jahren ist "BILD" politisch manipulativ unterwegens - nur die Methoden sind inzw. - perfide - "verfeinert" worden. Und wird weiterhin von Zeitgenossen goutiert, welche lediglich vereinfachte, oberflächliche Informationen verdauen können.
Derart gesättigt und im Glauben, nunmehr - obwohl übelst manipuliert - komplexe Sachverhalte beurteilen und einstufen zu können, sind sie für gesellschaftliche Diskurse nur marginal von Nutzen und mehren das Heer der quasi ahnungslosen Lemminge.

Was diese mit max. Halbwissen ausgestatteten Mitmenschen nicht daran hindert,
besonders bei populistischen Themen wie die Heuschrecken etwa in die Kommentarspalten dieser Seiten hier ein zu fallen - und vernunftbegabte Gedankenträger mundtot zu machen. Bspw. beim Thema Sarrazin...

3 Antworten
Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
von Ismet | #1-1

@jcm
Vielen Dank für Ihre Zeilen die Sie hier verfasst haben.
Besser hätte ich es auch nicht sagen ähm. Tippen können.
In diesem Sinne...

Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
von Pyrexx | #1-2

Nicht das ich die Bild verteidigen würde, aber das ist so nicht richtig.

"Laut Gerichtsurteil darf sich die "BILD" nicht als Zeitung titulieren. "

Solch ein angebliches Urteil fällt unter den Begriff moderne Legende.

Neue Studie verdirbt „Bild“-Zeitung das 60. Jubiläum
von jcm | #1-3

Dass die BILD aus "Marketing-Gründen" (wikipedia) irgendwann auf den Zusatz "Zeitung" verzichtet hat, darf wohl ebenfalls als Legende verstanden werden, wahrscheinlich auch noch von der "BILD" selbst verfasst.
Andererseits: vllt. haben die ja selbst ein gesehen, dass sie mit ihrem Machwerk keine journalistische Arbeit abliefern, welche diesen Namen verdient...

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