Neil Young rockt gegen die Ölmultis

Jörg Michel
Foto: Richard Lautens

Edmonton.  Er ist einer der bekanntesten Kanadier und einer der erfolgreichsten obendrein. Er hat Millionen Alben verkauft, Grammys gewonnen und ist Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame. Neil Young gehört zu den größten Musikern aller Zeiten und trägt den höchsten Orden seines Landes.

Doch nun erhebt der Musiker seine röhrende Stimme ausgerechnet gegen eines der Lieblingsprojekte der kanadischen Regierung – und handelt sich damit Ärger bei Politikern und Fans ein. Young spricht sich gegen den umstrittenen Abbau von Ölsanden in seiner Heimat aus und unterstützt den Kampf der Ureinwohner gegen neue Förderprojekte.

Die Ölsand-Förderung sei eine Schande für Kanada, wetterte Young in Toronto zum Auftakt einer Kurz-Tournee, die ihn diese Woche durch vier kanadische Großstädte führt. Die Erlöse will er den Chipe­wyan-Indianern zukommen lassen, die in der Nähe der gigantischen Abraumhalden leben und seit Jahren gegen die Umweltzerstörungen kämpfen.

Young schließt sich damit einer ganzen Reihe von Prominenten an, die gegen die Ölsand-Förderung protestieren – oder gegen die Keystone-XL-Pipeline, die das Öl einmal durch die USA leiten soll. Zu ihnen gehören unter anderem der Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, die Schauspieler Robert Redford und Pamela Anderson und der Regisseur James Cameron („Titanic“).

Die Kritik der Rocklegende könnte dabei kaum schärfer sein. Im Herbst hatte Young mit einem Elektromobil die kanadischen Erdölfelder besucht und war schoc­kiert. Er nannte die Region um die Öl-Stadt Fort MacMurray danach einen „der hässlichsten Orte, den ich je gesehen habe“ und sprach von einem Ödland „wie in Hiroshima“. Am Sonntag zum Konzertauftakt ergänzte der 68-Jährige: „Und das war noch milde ausgedrückt.“

Bei Umweltschützern und Wissenschaftlern steht der Abbau seit Jahren auf dem Index. Die Fördergebiete entsprechen laut Greenpeace der Größe Englands und werden großflächig zerstört. Beim Auswaschen der Böden entstehen Abraumhalden zum Beispiel mit Schwefel, verseuchte Absetzteiche und Wolken mit Umweltgiften. Laut Umweltgruppen verursacht die Ölsand-Förderung dreimal mehr Klimagase als die normale Ölgewinnung.

Öl-Konzerne wollen die Produktion in den nächsten Jahren verdreifachen

Die Chipewyan-Indianer klagen über Gesundheitsprobleme wie Krebs, Lupus und Asthma, die sie auf die Verschmutzung der Gewässer und Luft zurückführen. „Die Entwicklung der Ölsande ist völlig außer Kontrolle geraten“, meinte Häuptling Allan Adam, als er in Toronto von Young auf die Bühne gebeten wurde. Die Konzerne wollen die Ölsandproduktion in den nächsten Jahrzehnten annähernd verdreifachen. Im Norden der Provinz Alberta schlummern riesige abbaubare Ölvorkommen. Kanada betrachtet diese als strategische Reserven, als eine Garantie des Landes zum Aufstieg zur Rohstoff-Supermacht.

Entsprechend verärgert reagierte Premierminister Stephen Harper auf die Anti-Ölsand-Konzerte Neil Youngs. „Sogar der Wohlstand eines Rockstars hängt in einem gewissen Maße davon ab, dass Tausende hart arbeitende Kanadier die Ressourcen heben“, ließ er über einen Sprecher mitteilen.

Eine Radiostation in Fort MacMurray protestierte auf ihre Weise gegen die Kritik Youngs: Nach einer Umfrage unter ihren Hörern, viele davon Minenarbeiter, boykottierte der Sender alle seine Songs. „Bleib beim Singen und halt’ sonst Deine Klappe“, meinte ein Rockfan in Internet.