Nationalheld wird zur Heldin

Bruce Jenner
Bruce Jenner
Foto: picture alliance / Newscom
Der frühere Zehnkampf-Star und Olympia-Sieger Bruce Jenner plant eine Geschlechtsumwandlung – vor laufender Kamera. Schlagzeilen machte er am Wochenende aber vor allem mit einem schlimmen Unfall.

Washington..  Dass seine Gesichtszüge weicher und die Haare länger geworden sind, dass der pralle Bizeps von einst vollständig verschwunden ist, blieb niemandem verborgen, der die Banalitäten der unsäglichsten amerikanischen Fernsehfamilie mitverfolgte.

Bruce Jenner, vor fast 40 Jahren bei den Olympischen Spielen von Montreal Goldmedaillen-Gewinner im Zehnkampf, übte sich bei den „Kardashians“ zuletzt nur noch in der Rolle des bemitleidenswerten Zausels. Umzingelt von kapriziösen Frauen, die dem einzigen Kerl im Haus mit ihren Kabalen zu Kopf steigen.

Damit ist nun Schluss. E!, der Haussender der von Millionen oft mit Fremdscham gesehenen Real-Familien-Saga, will ab Mai ein neues Format ins Programm hieven. Hauptrolle Mrs. Bruce Jenner in spe. Arbeitsuntertitel: Wie ein Nationalheld zur Frau wird.

Zentral-Organe für Klatsch und Tratsch wie „People“ oder „US Weekly“ schlagen seit Tagen die Trommel für ein Coming Out, bei dem Interessenverbände für Transgender-Menschen, die mitten in oder kurz vor einer Geschlechtsumwandlung stehen, ein flaues Gefühl beschleicht. Paparazzi halten jede Bewegung des in den Bergen bei Los Angeles stationierten Kardashian-Klans fest. Dabei kam es am Samstag an der Küste vor Malibu zu einem verhängnisvollen Verkehrsunfall, bei dem eine Auto-Fahrerin starb. Jenner, zentral an der Karambolage beteiligt, blieb unversehrt.

Der mittlerweile 65-Jährige wurde zuletzt häufig mit lackierten Fingernägeln, enthaarten Beinen, Brustansatz, roten Lippen und femininer Kleidung gesehen. Welche grundstürzenden Veränderungen in ihm vorgehen, seit wann und warum, weiß offiziell niemand.

Kim Kardashian, Gattin des Rap-Musikers Kanye West und millionenschwere Selbstvermarkterin sagte, ihr Stiefvater sei auf einer „sehr persönlichen Reise“. Um Spekulationen abzukühlen, dass Jenners „Frauwerdenwollen“ Grund für die Scheidung von Klan-Herrscherin Kris Kardashian ist, beeilten sich Kim und einige ihrer Schwestern, dem (Stief-)Papa „volle Unterstützung zu versichern“.

Dagegen knausert der sich für niedere Instinkte zuständig fühlende Fernsehsender Fox News mit Beifall. Als Frau könne Bruce Jenner nicht mehr Werbeträger für die landesweit beliebten „Wheaties“ sein, wagte sich ein Moderator moralinsauer hervor. Dabei handelt es sich um Frühstücksflocken, denen Jenner zu PR-Zwecken sein Antlitz leiht. Einträgliche Spätwirkung seines bei Olympia in Montreal 1976 mit 8616 Punkten aufgestellten Weltrekordes, der Bruce Jenner höchste Ehrungen eintrug. Und Händeschütteln im Weißen Haus.

Vorbild oder Exhibitionist?

Seit die Gerüchte über das neue Leben des früheren Super-Athleten die Runde machen, fragt die Transgender-Szene nach den Konsequenzen. Den Weg eines Menschen aus einem Körper, in dem er/sie sich fremd fühlt, in einen anderen nachzuzeichnen, vor einem Millionenpublikum und mit den exhibitionistischen Instrumenten der Kardashians, schrieb ein Blogger in San Francisco, „kann zur marktschreierischen Veranstaltung werden“. Dabei zeigte doch gerade die bei den Golden Globes ausgezeichnete Serie „Transparent“ mit einem alternden Transgender-Familienvater in der Hauptrolle, dass man dem Thema mit Würde begegnen kann. Nicholas Kristof, Kolumnist der New York Times, hält Jenner dagegen für ein „couragiertes Vorbild“ in schwerer Zeit. Transgender-Menschen würden in Amerika nicht selten ausgegrenzt, verfolgt, geschlagen und – von 14 Fällen in 2014 wissen Menschenrechtsorganisationen – sogar ermordet.

Jenner hingegen nährt den Verdacht, dass es vor allem um die kommerzielle Verwertung seiner vor einem Jahr mit einer Schönheits-Operation am Adams-Apfel eingeleiteten Verwandlung geht. Noch vor wenigen Monaten wiesen er und seine Ex-Frau Fragen dazu brüsk ab: „Unsinn“, hieß es. Inzwischen bestätigte selbst Jenenrs Mutter Esther (88) die bevorstehende Zäsur – und gab dem Projekt ihren Segen. „Ich bin noch stolzer auf meinen Sohn als damals bei der Goldmedaille. Er verdient jeden Respekt.“

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