Nach Zug-Kollision - Staat soll Arbeitszeit auf Lok prüfen

Die Ermittlungen zum Zugunglück in Mannheim laufen. Im Fokus steht der Lokführer des Güterzugs.
Die Ermittlungen zum Zugunglück in Mannheim laufen. Im Fokus steht der Lokführer des Güterzugs.
Foto: dpa
35 Verletzte, vier davon schwer. Das ist die Bilanz des Zugunglücks, das sich Anfang August am Mannheimer Hauptbahnhof ereignete. Inzwischen ermittelt der Staatsanwalt gegen den Lokführer des Güterzugs, der in die Flanke eines Intercitys krachte. Er hat offenbar mehrere Haltesignale missachtet.

Essen.. Wie das „menschliche Versagen“ aussah, das den Güterzug 40635 Duisburg-Sopron am Abend des 1. August im Mannheimer Hauptbahnhof in die rechte Flanke des Intercity Graz-Saarbrücken krachen ließ, ist jetzt offenbar nachvollziehbar.

Der 60-jährige Lokführer sollte um kurz vor 21 Uhr ins Gleis 3 einfahren. Weil das noch nicht freigegeben war, erhielt er per Signal die Order, Tempo zu drosseln. Doch der Zug mit sieben Wagen, einem mit ätzender Flüssigkeit beladen darunter, kam nicht ganz zum Stehen. Eine automatische Zwangsbremsung erfolgte.

35 Menschen wurden verletzt

Was dann passierte, ist auch Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen: Ohne Grund muss der Lokführer wieder angefahren sein, ohne Halt noch zwei weitere Rotlicht-Signale überfahren haben. Dann rammte Zug 40635 den Intercity 216 in einer Flankenfahrt.

Zwei vollbesetzte Waggons kippten auf die Seite. 35 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Es hätte, bei höherem Tempo, eine der größten Bahnunfälle der letzten Zeit werden können. Doch Dank der geringen Geschwindigkeit im Bahnhofsbereich gab es keine Toten.

Lokführer war als Zeitarbeitskraft beschäftigt

Die Ermittlungen sind in vollem Gang. Im Fokus der Staatsanwälte steht das Verhalten des Lokführers, der als Zeitarbeitskraft beschäftigt war. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG beteiligt sich mit kritischen Fragen an der Aufklärung des Unfalls.

Sie will vom Eisenbahnunternehmen ERS wissen, „welche Befähigungen und Streckenkenntnisse der Lokführer vorweisen kann, wie lange dieser im Dienst war und wann er welche Pausen eingelegt hat“. Bis zum Freitag soll ERS, das in einer eigenen Erklärung den Unfall „zutiefst bedauert“, die Fragen beantworten. Andernfalls behält sich die Gewerkschaft „rechtliche Schritte“ vor.

Höchstarbeitszeit schwankt zwischen acht und zwölf Stunden

Der Verdacht der Arbeitnehmer-Vertreter: Hier handelt es sich um einen Vorfall, zu dem es auch dank fehlender Vorschriften kam, zum Beispiel der fehlenden ausreichenden Erfassung der Lenk- und Ruhezeiten für Lokführer. Bei der Bahn AG gibt es einen Vertrag darüber. Bei vielen privaten Bahnunternehmen offenbar nicht. So schwanken die Höchstarbeitszeiten im Führerstand zwischen acht und zwölf Stunden.

Bunt organisiert war dieser Güterzug vom Bahnhof Duisburg-Ruhrort Hafen, wo er um 13.30 Uhr gestartet war, bis nach Ungarn tatsächlich unterwegs. ERS ist ein niederländisches Unternehmen, das einem britischen Konzern gehört und das für die Tour eine österreichische Lok gemietet und bei einem Personaldienstleister den zugehörigen (deutschen) Lokführer geliehen hatte.

Gewerkschaft fordert einheitliche Ausbildung für Lokführer

„Der politisch gewollte Wettbewerb nimmt mittlerweile beängstigende Formen an“, sagt die EVG. Vorstandsmitglied Reiner Bieck präzisiert die Forderungen: Die Gewerkschaft will die europaweit gültige elektronische Fahrerkarte, auf der alle Fahr- und Ruhezeiten und die Qualifikation des Lokführers digital erfasst sind. Sie will eine einheitliche Ausbildung des Lokpersonals durch eine bundesweite Prüfungsordnung garantiert haben. Sie will nicht, dass Lokführer, die „selbstständig“ ihre Arbeitsleistungen anbieten, unterwegs sind, und die dann auf die eigene Arbeitszeit keine Rücksicht nehmen.

Und auch Leih-Lokführer sollen „die Ausnahme“ sein und nicht die Regel, sagt Bieck. Vor allem: „Für alle müssen die Anforderungen mit der gleichen Messlatte gemessen werden. Was für den Lkw-Fahrer auf der Straße gilt, muss auch für den Lokführer gelten“.

Der Güterverkehrs-Markt ist heiß umkämpft

20.000 Lokführer sind in Deutschland bei Betrieben der staatseigenen Bahn AG unterwegs, 7000 weitere bei rund 100 privaten Bahnen oder Tochtergesellschaften ausländischer Staatsbahnen. Der Güterverkehrs-Markt ist heiß umkämpft, die Marktanteile der Nicht DB-Bahnen wachsen. Bei rund 29 Prozent liegen sie inzwischen, sagt die Organisationen der DB-Konkurrenz Mofair und NEE.

Inzwischen hat sich auch noch einmal das niederländische Unternehmen ERS Railways gemeldet. Es wolle an der „vollständigen Aufklärung“ mitarbeiten. Und es werde auch analysieren, „welche zusätzlichen Maßnahmen in unserem Unternehmen eingeführt werden sollten, um das bestehende Sicherheitsniveau weiter zu erhöhen“.

 
 

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