Nach Winnenden: Was tun gegen Amokläufe an Schulen?

Essen. Politiker, Polizei, Psychologen - alle haben eine Meinung und, wie schon nach vergangenen Amokläufen, hagelt es Vorschläge: Was muss in Zukunft anders werden, auf dass der Schrecken sich nicht wiederhole. Wir haben die Debatte um die Konsequenzen von Winnenden zusammengefasst.

Verschärfung des Waffenrechtes

Immer wieder angemahnt: die Verschärfung des Waffenrechts. Nach dem Amoklauf von Erfurt wurde bereits das Mindestalter für den Waffenkauf auf 21 Jahre heraufgesetzt, außerdem müssen Käufer unter 25 Jahren ein medizinisch-psychologisches Gutachten vorlegen.

Im Fall von Winnenden hatte der Täter die Mordwaffe allerdings nicht legal erworben, sondern seinem Vater entwendet. Dieser war Sportschütze und bewahrte Waffen und Munition zu Hause auf. Auch bei Freizeitschützen gelten allerdings strenge Regeln: Waffen müssen im Tresor aufbewahrt werden, Munition und Waffen an getrennten Orten. Der Vater des Täters wird verdächtigt, diese Vorschriften nicht eingehalten zu haben. In einem solchen Fall kann die Waffenerlaubnis widerrufen werden und dem Besitzer droht ein Strafverfahren.

Kontrolle von Waffenbesitzern

Eine solche Vernachlässigung ist aber schwer nachzuweisen. Das größte Problem: Zu viele Waffen in privaten Haushalten. Ein weiteres: unangemeldete Überprüfungen sind natürlich nicht erlaubt, denn das hieße: Sportschützen müssten jederzeit mit einer Hausdurchsuchung rechnen.

Genau hier setzt Bundeskanzlerin Angela Merkel an: Sie tritt für stärkere Kontrollen von Waffenbesitzern ein; unangemeldete Überprüfungen könnten dabei helfen. „Wir müssen alles tun, um zu schauen, dass Kindert nicht an Waffen kommen.“ sagte sie.

Die SPD hingegen sprach sich gegen unangemeldete Kontrollen aus. Ein solches verfahren sei rechtlich nicht zulässig, sagte der sozialdemokratische Vorsitzende des Innenausschusses, Sebastian Edathy. Man könne nicht ohne konkreten Verdacht Hausdurchsuchungen durchführen.

Verbot von Waffenbesitz

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Walter Scheer, in dessen Wahlkreis Waiblingen der Amoklauf geschah, fordert sogar ein Verbot von privatem Waffenbesitz. Dies sei die einzig effektive Prävention gegen Amoktäter. Vertreter des Deutschen Schützenbundes hingegen wehren sich dagegen, Waffen ihrer Schützen gesammelt in Vereinsheimen aufzubewahren, wegen Einbruchgefahr.

Bodo Ramelow, Mitglied des Bundesvorstandes der Linken, forderte ein zentrales Waffenregister in Verbindung mit fälschungssicheren Waffendokumenten und einen Waffenführerschein, der von einer staatlichen Stelle ausgegeben wird und in Zeitabständen wie beim TÜV erneuert werden muss. Man werde nicht darum herum kommen, das Waffenrecht deutlich restriktiver zu gestalten, so Ramelow.

Auch eine breite Mehrheit der Bundesbürger sprachen sich für ein Verbot von Waffen in Privathaushalten aus. Am Tag nach dem Amoklauf von Winnenden befragte das Meinungsforschungsinstitut Emnid 501 Personen, 78 Prozent stimmten für ein solches Verbot.

Verschiedene Politiker, unter ihnen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und SPD-Innenexperte Sebastian Edathy (SPD), sprachen sich gegen eine Verschärfung der Waffengesetzte aus. Auch die schärfsten Waffengesetzte könnten nicht verhindern, dass dagegen verstoßen werde, sagte Schäuble. Mehr als um die Frage des Waffenrechts gehe es um die Frage, was in unserer Gesellschaft los sei.

„Roter Knopf“ für Killerspiele

Auch die sogenannten „Killerspiele“ geraten nach Amokläufen immer wieder in die Kritik. Das EU-Parlament forderte nach dem Amoklauf von Winnenden jetzt einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor schädlichen Videospielen. Es könne ein «roter Knopf» an den Konsolen geschaffen werden, der so genannte Killerspiele und Videos mit Gewaltszenen blockiert, regte das Straßburger Parlament an.

Allerdings verbietet das Strafgesetzbuch bereits jetzt die Verbreitung und Herstellung von Spielen, „die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnlichen Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt». Verstöße können mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Europaweit ergibt sich dabei aber ein Problem: Regelungen wie Altersbeschränkungen und Verbote sind bei Videospielen nicht einheitlich. Das macht es Nutzern leicht, Verbote zu umgehen. Auch hier will das EU-Parlament jetzt Abhilfe schaffen.

Internetzensur

Bundeskanzlerin Angela Merkel trat außerdem für ein weitreichendes Verbot von Gewaltvideos ein. Dabei verwies sie auf die von Jugendministerin Ursula von der Leyen geplante Sperrung von Kinderporno-Seiten. Gegen diese Form der Zensur hat das Justizministerium allerdings verfassungsrechtliche Bedenken angemeldet, vor allem weil von der Leyen die Sperrung ohne gesetzliche Grundlage in Kooperation mit Telekommunikationsunternehmen vornehmen will. Die Kanzlerin stellte sich jetzt bei diesem Vorhaben hinter sie: „Einfach nur mit der Freiheit des Internets zu argumentieren, wird uns letztlich nicht weiterhelfen“, so Merkel.

Chatrooms als Plattform für Amokläufer?

Am schwierigsten gestaltet sich die Kontrolle in Chatrooms. Die Chatbetreiber könnten nicht alle virtuellen Gespräche komplett mitlesen, sagte eine Sprecherin der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM). Deshalb seien sie auf die Sensibilisierung ihrer Nutzer angewiesen. Anbieter unter dem Dach der FSM haben auf ihren Seiten einen „Alarmknopf“, über den Nutzer problematisches Verhalten melden können.

In mehreren Fällen hatten Amokläufer ihre Taten vorher in Chatrooms angekündigt, waren aber von ihren Gesprächspartnern nicht ernst genommen worden.

Krisenpläne

Als erfolgreiche Maßnahme wertet die Polizei, auch im Hinblick auf den jüngsten Amoklauf, die Erstellung von Krisen- und Rettungsplänen für Schulen. Diese Maßnahme war nach dem Amoklauf von Emsdetten von den Kultusministerien der Länder beschlossen worden. Auch die Albertville-Realschule fertigte einen solchen Plan an.

Die Prinzipien: sofortiges Eingreifen der Polizei bei einer Gefahrenlage, die gründliche Schulung von Direktoren und Lehrern über Krisenteams sowie das Ausarbeiten und Einüben eines individuellen Notfallplans für jede einzelne Schule.

Als in Winnenden am Mittwochmorgen bei der Polizei um 09.33 Uhr der Notruf eines Schülers einging, war der erste Streifenwagen nur zwei Minuten später an der Albertville-Realschule in Winnenden. Anders als vor sieben Jahren in Erfurt warteten die drei Polizisten nicht auf Verstärkung, sondern gingen gleich in die Schule, um einzugreifen. Innerhalb einer Viertelstunde trafen dann 240 weitere Polizisten ein.

So konnte nach Einschätzung der Polizei ein weitaus schlimmeres Blutbad verhindert weden.

Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen

Nach wie vor hingegen nicht sehr beliebt: verstärkte Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen an Schulen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte, Schulen dürften keine „waffenstarrenden Festungen“ werden. Während SPD-Innenexperte Edathy in Einzelfällen den Einsatz von Metalldetektoren befürwortete, brachte die Gewerkschaft der Polizei Chipkarten für eine verbesserte Einlasskontrolle ins Gespräch.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sprach sich gegen übertriebene Überwachungsmaßnahmen aus. Dies sei nicht gut für eine Einrichtung, in der sich Heranwachsende frei entfalten sollten. Außerdem gaukelten sie eine Sicherheit vor, die es nicht gebe.

Gewaltprävention

Bleiben Maßnahmen zur Prävention. In diesem Bereich ist laut Schüler- und Lehrerverbänden noch viel zu tun; am meisten bemängeln sie die geringe Zahl von Schulpsychologen. Diese könnten dazu beitragen, Gewalttaten zu verhindern. Derzeit kommen, nach Zahlen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Bundesdurchschnitt auf einen Psychologen 16.500 Schüler.

Auch Landesbischöfin Margot Käßmann plädiert für Prävention; sie nimmt vor allem die Eltern in die Pflicht. „Erziehungskompetenz bedeutet heute auch medienpädagogische Kompetenz“, so die hannoversche Bischöfin. Eltern müssten hinschauen, wenn sich Kinder in ihre Computerwelt zurückziehen.

Schulen benötigten laut Käßmann bessere Bedingungen: kleinere Klassen und mehr Zeit für Einzelgespräche. Außerdem sollten an Schulen vermehrt Sozialpädagogen beschäftigt werden.

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