Nach Brandkatastrophe: Türken bleiben misstrauisch

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Ludwigshafen. Vor einem Jahr brannte in Ludwigshafen ein Mehrfamilienhaus aus. Neun türkischstämmige Menschen kamen ums Leben. Noch immer ist die Ursache für das Feuer ungeklärt. Obwohl es keine Anhaltspunkte für einen rechtsextremistischen Anschlag gibt, bleibt die türkische Gemeinde misstrauisch.

Ein Jahr nach dem Feuer steht die Brandruine am Danziger Platz in Ludwigshafen unverändert da. «Es sieht aus wie ein Mahnmal», sagt Ahmed. Der 32 Jahre alte Sohn türkischer Eltern steht direkt vor dem Haus, in dem bei der Brandkatastrophe am 3. Februar 2008 insgesamt neun türkischstämmige Menschen ihr Leben verloren und 60 weitere verletzt wurden. «Dass die Ursache für das Feuer noch immer ungeklärt ist, kann sich hier niemand erklären», sagt Ahmed, der in Ludwigshafen geboren wurde. Das heize natürlich die Spekulationen an, fügt er noch hinzu. Welche Spekulationen, will er nicht sagen. Ahmed zuckt mit den Schultern: Er müsse jetzt weiter, einkaufen, sagt er.

Das, was Ahmed nur andeutet, hat die Staatsanwaltschaft Frankenthal gerade ausgeschlossen: Für einen Brandanschlag, gar einen rechtsextremistisch motivierten, gebe es nicht den geringsten Anhaltspunkt, bilanzierte die Behörde nach Abschluss ihrer Untersuchungen vor etwa einem halben Jahr. Ursache des Feuers sei ein Schwelbrand gewesen, der durch ein «wie auch immer geartetes fahrlässiges Verhalten» ausgelöst wurde.

"Seltsam, dass in Deutschland immer die Häuser von Türken brennen"

An den Ermittlungen hatten seinerzeit auch Spezialisten aus der Türkei teilgenommen - eine vertrauensbildende Maßnahme, um mögliche Zweifel am Ermittlungsergebnis von vorneherein auszuschließen. Wer sich nun, ein Jahr später, mit Türken oder den Kindern türkischer Migranten in Ludwigshafen unterhält, stellt fest, dass die meisten nur ungern über die Brandkatastrophe sprechen. Und wenn doch, so sind die Antworten nicht selten geprägt von Zweifeln und Misstrauen.

«Es ist doch seltsam, dass in Deutschland immer die Häuser von Türken brennen», sagt etwa Demir Sejmus, der seit 1972 in Ludwigshafen lebt. Der 65-Jährige hebt beschwörend die Hände. Nein, er wisse es auch nicht besser. Und doch: Dass die Ermittler nicht herausgefunden hätten, wieso das Feuer konkret ausbrach, sei quälend, betont er. Normalerweise seien solche Untersuchungen doch nicht so schwierig. Das zumindest habe er immer gedacht.

Türöffner für türkische Gemeinde

Ein junger Obstverkäufer im Stadtteil Hemshof erzählt, viele seiner türkischen Landsleute seien beunruhigt über die Aktivitäten der Rechtsradikalen in der Stadt. Erst Anfang Januar demonstrierte ein Bündnis aus Parteien und antifaschistischen Organisationen gegen zwei Geschäfte in der Stadt, die Bekleidung und Tonträger für die rechte Szene anbieten. «Ich war auch auf der Demonstration, nur um zu sehen, wie viele Leute kommen», berichtet der Obstverkäufer, der allerdings weder seinen Namen noch sein Alter nennen möchte. Dass mehrere hundert Leute gekommen waren, sei zwar ein gutes Zeichen, mache aber auch den Ernst der Lage deutlich, sagt er.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Rheinland-Pfalz, Cumhur Steinbrecher, sieht die Situation positiver. Sein Eindruck sei, dass sich das Zusammenleben von Türken und Deutschen seit den Ereignissen des vergangenen Jahres schon verbessert habe, sagt er. Seither stoße die türkische Gemeinde mit ihren Anliegen seinen Beobachtungen zufolge viel schneller auf offene Ohren als zuvor. «Doch für diese Offenheit hätte es nicht erst einer Brandkatastrophe bedürfen müssen», sagt Steinbrecher.

"Deutsche kommen so gut wie nie vorbei"

Die Stadt hat zum Jahrestag des Brandes am Dienstag zu einem kommunalen Integrationsgipfel eingeladen, um über das deutsch-türkische Miteinander in Ludwigshafen zu diskutieren. «Wir wollen über Erfolge und über offene Fragen sprechen und wir wollen Fundamente für eine gemeinsame Zukunft formulieren», sagt Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU).

Wenige Meter von dem ausgebrannten Haus entfernt, hängen im türkischen Kulturverein Atlantik eine türkische und eine deutsche Flagge. «Aber Deutsche kommen so gut wie nie vorbei», sagt der 46 Jahre alte Mann, der hinterm Tresen steht. Auf die Frage, ob er sich als Türke in Ludwigshafen wohl fühlt, zuckt er die Schultern: «Dort, wo man lebt, lädt man keinen Müll ab.»

Als der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan vor einem Jahr in die Industriestadt kam, um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, hat auch der 46-Jährige ihm zugehört. «Es war eine gute Rede, die er hielt. Aber die Toten wurden davon auch nicht wieder lebendig», sagt er. Am besten sei es, die Sache zu vergessen: «Man kann nichts mehr ändern, außer endlich die Ruine abzureißen.» (ddp)

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