Mutmaßlicher Attentäter von Toulouse ist tot

Mit Explosionen vor dem Haus des mutmaßlichen Attentäters von Toulouse wollte die französische Polizei diesen dazu bewegen, sich zu ergeben. Hunderte schwer bewaffnete Polizisten hatten das Gebäude des 23-jährigen Verdächtigen umstellt.
Mit Explosionen vor dem Haus des mutmaßlichen Attentäters von Toulouse wollte die französische Polizei diesen dazu bewegen, sich zu ergeben. Hunderte schwer bewaffnete Polizisten hatten das Gebäude des 23-jährigen Verdächtigen umstellt.
Foto: afp
Der mutmaßliche Serienattentäter von Toulouse ist tot. Das verlautete am Donnerstag von Seiten der Polizei. Der Mann leistete zuvor noch Widerstand, nachdem Eliteeinheiten seine Wohnung gestürmt hatten. Merah sei aus dem Fenster gesprungen und habe auf Polizisten geschossen.

Toulouse. Der mutmaßliche Serienattentäter von Toulouse ist tot. Der 23-Jährige starb nach Polizeiangaben am Donnerstagvormittag, nachdem eine Eliteeinheit seine Wohnung gestürmt hatte. Der französische Innenminister Claude Guéant hat den Tod bestätigt. Bei dem Einsatz gab es demnach einen Schusswechsel, bei dem 300 Patronen abgefeuert wurden. Merah sei aus dem Fenster gesprungen und habe auf Polizisten geschossen. Ein Polizist wurde den Angaben zufolge verletzt, zwei weitere erlitten einen Schock; zunächst war von drei verletzten Polizisten die Rede gewesen. Der Mann soll eine Tasche bei sich gehabt haben, über deren Inhalt zunächst nichts bekannt wurde.

Die Elitepolizisten waren kurz vor elf Uhr in die Wohnung von Mohammed Merah eingedrungen und hatten sich dort langsam vorgetastet. Innenminister Claude Guéant hatte angeordnet, den 23-Jährigen möglichst lebend zu fassen, um ihn vor Gericht zu stellen. Der 23-Jährige hatte nach Angaben des französischen Innenministeriums erklärt, "mit seinen Waffen in den Händen sterben zu wollen".

Mohammed M. soll für Tod von sieben Menschen verantwortlich sein

Vor dem belagerten Gebäude in Toulouse waren am Donnerstagvormittag drei laute Explosionen zu hören, wie Zeugen berichteten. Der mutmaßliche Serienmörder hat sich in einem Haus in der südfranzösischen Stadt verschanzt. Er soll für den Tod von sieben Menschen verantwortlich sein, darunter drei Kinder.

Die französische Polizei hatte nach Angaben von Innenminister Claude Gueant seit Mittwochabend keinen Kontakt mehr zum eingekreisten Attentäter von Toulouse. "Wir hoffen, dass er noch lebt", sagte Gueant am Donnerstagmorgen dem RTL-Radio. Als die Polizei Granaten vor dem umstellten Gebäude gezündet habe, seien zwei Schüsse gehört worden. Trotz verstärkter Bemühungen um Kontakt sei dieser nicht zustande gekommen.

Die drei Explosionen ereigneten sich gegen 23.35 Uhr, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP vor Ort berichteten. Zu sehen war auch ein Aufblitzen an der Fassade des Hauses. In den Minuten nach den Detonationen waren keine Schüsse zu hören.

Attentäter soll Kontakt zu Salafismus gehabt haben

Der mutmaßliche Serienattentäter von Toulouse soll sich durch Kontakt mit dem salafistischen Islam radikalisiert haben. Weltweit beobachten Sicherheitsbehörden die Ausbreitung des Salafismus mit Sorge. Vor allem junge Muslime werden offenbar von der religiösen Propaganda angezogen, die auch über das Internet verbreitet wird.

Salafisten wollen an eine stark idealisierte Frühzeit des Islam anknüpfen. Sie geben vor, sich nur am Koran, dem Propheten Mohammed und den "Altvorderen" - arabisch "salaf" - zu orientieren. Damit verwerfen sie die über Jahrhunderte gewachsene islamische Theologie. Obwohl eine ursprüngliche Denkrichtung des Salafismus von einer Vereinbarkeit von Islam und Moderne ausgeht, steht der Begriff heute meist für einen extrem rückwärtsgewandten Islam.

Ermittler wollen mit Explosionen den Druck erhöhen

Ermittler sagten, den Druck auf den schwer bewaffneten Mohammed Merah erhöhen zu wollen: "Er hat gesagt, dass er sich stellen will, er hat seine Meinung geändert, wir erhöhen den Druck, damit er aufgibt", hieß es zu dem Zeitpunkt. Gegen 2 Uhr war erneut eine Detonation zu hören, der möglicherweise mehrere abgefeuerte Schüsse vorausgingen, wie AFP-Reporter berichteten.

Am Abend hatte Innenministers Claude Guéant gesagt, der Mann wolle sich bald ergeben. Er hoffe, dass eine Erstürmung des Hauses, in dem sich der Mann verschanzt hält, verhindert werden könne. Dieser solle nach Möglichkeit "lebendig" gefasst werden, damit er "verurteilt werden" könne, sagte Guéant.

Mutmaßlicher Mörder will nicht den Märtyrer-Tod sterben

Zuvor hatte der Staatsanwalt von Paris, François Molins, gesagt, Merah selbst habe angegeben, "dass er keine Märtyrer-Seele hat, er zieht es vor zu töten und selbst am Leben zu bleiben". Der 23-Jährige bekannte sich laut Staatsanwaltschaft zu den drei Angriffen, bei denen in den vergangenen Tagen in Toulouse und Montauban sieben Menschen getötet wurden, darunter drei jüdische Kinder.

Merah hielt sich seit Mittwoch 3 Uhr in der Wohnung verschanzt. Mehrere Versuche, die Wohnung in der Nacht zum Mittwoch zu stürmen, scheiterten: Der schwer bewaffnete Mann schoss durch die Tür auf die Polizisten und verletzte zwei von ihnen leicht.

Mitglied des islamistischen Terrornetzwerks Al-Kaida

Am Mittwochmorgen hatte der Mann gesagt, er sei Mitglied des islamistischen Terrornetzwerks Al-Kaida. Der mutmaßliche Serien-Attentäter zeige "keinerlei Reue", vielmehr bedauere er, dass er nicht noch mehr Menschen habe töten können, erklärte die Staatsanwaltschaft. Seine Attentate glorifiziere er mit den Worten, er habe "Frankreich in die Knie gezwungen". Der 23-Jährige plante demnach, einen weiteren Soldaten sowie zwei Polizisten zu töten.

Der mutmaßliche Serienattentäter hatte am 11. März zum ersten Mal zugeschlagen: Er erschoss in Toulouse auf offener Straße einen Fallschirmjäger in Zivil. Wenige Tage später tötete er im nahegelegenen Montauban zwei weitere Fallschirmjäger. Wieder in Toulouse tötete er am Montag bei einem Angriff auf eine jüdische Schule drei Kinder und einen Lehrer. Innenminister Guéant sagte dem Fernsehsender LCI am Mittwochabend, der Mann habe die jüdische Schule nach eigenen Angaben nur angegriffen, weil er keinen weiteren Soldaten zum Töten "gefunden" habe.

"Ein untypisches Profil salafistischer Selbstradikalisierung"

Staatsanwalt Molins bestätigte, dass Merah zweimal in Afghanistan und in Pakistan war, dass er aber "ein untypisches Profil salafistischer Selbstradikalisierung" aufweise. Er sei mit eigenen Mitteln und nicht über die bekannten Netzwerke nach Afghanistan gekommen. Der Mann habe auch behauptet, von Al-Kaida in Waziristan im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausgebildet worden zu sein.

Wegen seiner Reisen nach Afghanistan und Pakistan war Merah im November 2011 in Toulouse vom französischen Inlandsgeheimdienst befragt worden, wie Innenminister Guéant dem Sender TF1 sagte. Er habe aber von einer touristischen Reise gesprochen und dies mit Fotos untermauert.

Sarkozy gewinnt nach Toulouse-Anschlägen in Wählergunst

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat nach den Anschlägen von Toulouse in der Wählergunst zugelegt. In der ersten Umfrage nach dem Angriff auf eine jüdische Schule lag der Staatschef zumindest für den ersten Wahlgang am 22. April in Führung: Danach würde er seinen sozialistischen Herausforderer Francois Hollande mit 30 zu 28 Prozent schlagen. Den entscheidenden zweiten Durchgang am 6. Mai würde Hollande der am Donnerstag veröffentlichten Umfrage zufolge allerdings unverändert mit einem Vorsprung von acht Prozentpunkten gewinnen.

Seit den Anschlägen eines mutmaßlichen Islamisten auf die jüdische Schule und mehrere französische Fallschirmjäger hat sich der in Bevölkerung ansonsten unpopuläre Sarkozy als Hüter der inneren Sicherheit präsentiert, während Hollande beiseitetreten musste. Sarkozys Krisenmanagement könnte Demoskopen zufolge daher wahlentscheidend sein. Allerdings hatte der Staatschef auch in vorangegangenen Umfragen zu seinem sozialistischen Rivalen aufgeschlossen.(afp/rtr/dapd)