„Mütter-Porno“ bricht alle Rekorde

Autorin E.L. James (r.) ist eine gefragte Frau, ihr Erotikbuch fasziniert die Frauen. Foto: Getty
Autorin E.L. James (r.) ist eine gefragte Frau, ihr Erotikbuch fasziniert die Frauen. Foto: Getty
Binnen sechs Wochen hat sich ein erotisches Erstlingswerk in den USA zehn Millionen Mal verkauft. Im Juli kommt E.L. James auch in Deutschland in den Handel. Vor allem Mütter zwischen 30 und 60 interessieren sich für das erotische Buch.

Washington. Noch nie sind so viele Amerikanerinnen so zahlreich und ausdauernd auf den literarischen Erotik-Heimtrainer gestiegen. Binnen sechs Wochen hat sich „Fifty Shades of Grey“, das in drei Bänden daherkommende Erstlingswerk der Engländerin E.L. James, in den USA zehn Millionen Mal verkauft. Weil bevorzugt Mütter zwischen 30 und 60 zur körpersafthaltigen Trilogie über das Sado-Maso-Verhältnis zwischen einer Studentin und einem Milliardär greifen, spricht die Branche bereits von „Mommy Porn“, „Mütter-Porno“. Ab 9. Juli nimmt Frau James auch die deutschen Leser(innen) ins übersetzte Schoßgebet.

Erschaudern, stöhnen und das F-Wort

Neulich in der Barnes-&-Nobles-Filiale in Bethesda nördlich von Washington. Auf dem Podium der Buchhandlung eine etwas pummelige, blasse Engländerin. Auf den eng gestellten Stuhlreihen solide gebräunte und auffallend aufgekratzte Mittfünfzigerinnen und Frauen höheren Alters. Das Verhältnis zwischen vorne und hinten ist schnell klar. Wenn E.L. James in der Pose der Feuchtgebieterin vorliest aus den von machen und mit sich machen lassen geprägten Eskapaden von Anastasia Steel und Christian Grey, können die Zuhörerinnen fast jeden Satz leise mitsprechen. „Erschaudern“, „Stöhnen“ und das F-Wort kommen am häufigsten vor. Von wegen prüdes Amerika.

Sodom und Gomorrha

Kimberley Boyle, seit 18 Jahren verheiratet, trägt ein Amulett aus kleinen Handschellen um den Hals. Auf ihrem T-Shirt steht: „Sei still und liebe Christian Grey“. Wie ihr Mann das findet? „Er fragt mich jeden Abend, ob ich wieder in meinem Buch gelesen habe“, sagt die Frau aus Elkridge und giggelt, „für uns ist das wie Flitterwochen.“

Alfred Kinsey und Ruth Westheimer, zwei Ikonen der unterleibsbezogenen Bewegung, die einst den Puritanismus aus amerikanischen Ehebetten vertreiben wollte, hätten wohl ihre Freude an E.L. James. Kein Buch seit Erica Jongs Debütroman „Angst vorm Fliegen“, in dem sich die Heldin Isadora Wing vor 40 Jahren auf die seinerzeit skandalöse Suche nach spontanen Liebesakten mit einem Fremden machte, wurde seither so begierig verschlungen und kontrovers diskutiert. Während der liberale Teil im Land der unbegrenzten Silikon-Brüste ungläubig den Kopf schüttelt über den mutzenbacherischen Zehnkampf, den die Hauptfiguren wie in einer Labor-Versuchsanordnung absolvieren, sieht die Abteilung Tugendwacht bereits wieder Sodom und Gomorrha vor den Toren. Was zu bemerkenswerten Staus führt.

Lange Wartelisten in den Bibliotheken

In hunderten Stadt-Bibliotheken im ganzen Land übersteigen die Wartelisten auf ein Exemplar von „Fifty Shades of Grey“ alle Erfahrungen. Wer’s ausgeliehen hat, gibt’s ungern wieder her. Darum bekam Dom Walker auch landesweit Schlagzeilen, als in seinem Brevard County/Florida der Rückwärtsgang eingelegt und E.L. James wegen Pornografie-Verdachts aus den Regalen genommen und dem Trieb eine Abfuhr erteilt wurde. Mit Zensur habe das nichts zu tun, nur mit „Qualitätssicherung“.

Dass sich über Qualität streiten lässt, weiß man in Amerika nicht erst, seit Hugh Hefner den Kellnerinnen seiner Playboy-Klubs weiße Puschelschwänze ans Hinterteil kleben ließ. Selbst an Lady Chatterley, Fanny Hill und Catherine Millet geschulte Feministinnen sind sich in einschlägigen Internet-Blogs uneins darüber, wie gesellschaftstheoretisch zu bewerten ist, dass Herr Grey seiner Miss Steele im Buch einen Vertrag abringt, in dem quasi notariell festgeschrieben ist, welchen Sexualpraktiken man sich konsensual künftig zu widmen hat.

Und welchen, aua!, nicht. Unterdessen wundern sich in Fernsehshows und Zeitungs-Essays sensible Geister darüber, dass in der amerikanischen Mittelschicht Pornographie plötzlich offen sozial akzeptiert ist. Wo doch noch kürzlich eine Brustwarze von Janet Jackson im Fernsehen ausreichte, um einen bigotten Sturm der Entrüstung loszutreten.

Clooney kann nur „Blümchensex“

Ähnliches könnte passieren, wenn E.L. James’ literarische Stoßrichtung demnächst die Leinwand erreicht. Die Film-Rechte sind für stolze fünf Millionen Dollar verkauft worden. Im Internet wird bereits abgestimmt, wer die männliche Hauptrolle spielen soll. Michael Douglas, sagt Kimberley Boyle und spielt mit ihrem Handschellen-Amulett, ist „viel zu alt“. Und George Clooney kann nur „Blümchensex“. Freiwillige vor.

 
 

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