Mord an Politikerin Jo Cox versetzt Briten in Schockzustand

Jo Cox war bei Politiker-Kollegen aus allen Parteien beliebt. Am Donnerstag starb sie nach einem Angriff.
Jo Cox war bei Politiker-Kollegen aus allen Parteien beliebt. Am Donnerstag starb sie nach einem Angriff.
Foto: dpa
Nach dem Mord an der Politikerin Jo Cox ist Großbritannien fassungslos. Der mutmaßliche Täter ist gefasst – sein Motiv ist unklar.

Birstall..  Der Mord an der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox erschüttert die Menschen in Großbritannien. Englische Zeitungen berichten am Freitag seitenfüllend auf der Titelseite über die Bluttat vom Donnerstag, bei der die 41-jährige Abgeordnete für den Wahlkreis in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf dem Weg zu ihrer Sprechstunde mit Bürgern der Stadt Birstall erschossen wurde. „Sie glaubte an eine bessere Welt und dafür kämpfte sie jeden Tag.“ Dieses Zitat von Jo Cox’ Ehemann Brendan machten viele Zeitungen wie der „Guardian“ oder der „Daily Telegraph“ zu ihren Schlagzeilen.

Der Mord an der beliebten Politikerin trifft Großbritannien in einer ohnehin emotional aufgeladenen Situation. Das bevorstehende Referendum über einen Austritt des Königreichs aus der EU spaltet die Nation in Brexit-Befürworter und EU-Anhänger. Beide Lager stoppten nach dem Mord am Donnerstag bis auf weiteres ihre Kampagnen. Jo Cox war Verfechterin eines klaren Pro-EU-Kurses. In Großbritannien wird nun bereits spekuliert, ob ihr gewaltsamer Tod einen Einfluss haben könnte auf den Ausgang des Votums am 23. Juni.

Spekulationen über Mordmotiv gehen weiter

Gleichzeitig gehen die Spekulationen über das Motiv des Täters weiter. Der Mann hatte vor Cox’ Büro in der Market Street von Birstall auf sein Opfer gewartet. Er zog eine Handfeuerwaffe und schoss mehrere Male auf die Frau. Außerdem stach er mit einem Messer auf sie ein. Rettungswagen trafen 15 Minuten nach der Tat ein, konnten aber nichts mehr für die Politikerin tun. Die Polizei nahm einen 52-jährigen Mann fest, der als mutmaßlicher Täter gilt. Er wird in britischen Medien als Tommy M. benannt. Der Festgenommene werde von der Polizei weiter intensiv vernommen, berichtete der Sender BBC am Freitagmorgen.

Ein Zeuge, der den Vorfall miterlebte, beschrieb die Brutalität des Täters. Der Café-Besitzer Clarke Rothwell hörte einen „lauten Knall, als ob ein Ballon zerplatzt. Als ich mich umsah, stand da ein Mann, rund 50 Jahre alt, mit weißer Baseballkappe und Jacke und einer altmodisch aussehenden Pistole in seiner Hand. Er schoss auf die Dame und dann noch einmal, und als sie auf dem Boden lag, beugte er sich vor und schoss ihr ein drittes Mal ins Gesicht. Jemand versuchte, ihn zu packen, und kämpfte mit ihm, und dann schwang der Täter ein Messer und stach ein halbes Dutzend Mal auf die Dame ein.“

Politiker trauern um Cox

Premierminister David Cameron schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Wir haben einen Star verloren. Jo war eine engagierte Abgeordnete mit einem großen Mitgefühl und Herzen. Meine Gedanken sind bei ihrer Familie.“

Der Chef der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, war den Tränen nahe, als er erklärte, dass er „zutiefst schockiert über die Nachricht vom Angriff auf Jo Cox“ war und ihre politische Arbeit lobte. Die Labour-Politikerin Harriet Harman erklärte: „Jos Tod ist eine absolute Tragödie. Sie war dynamisch und furchtlos. Vor nur einem Jahr gewählt, stach sie heraus unter der neuen Generation von jungen weiblichen Labour-Abgeordneten.“

Die Mutter zweier junger Kinder war nicht nur unter den eigenen Genossen, sondern auch bei Kollegen anderer Parteien beliebt. In ihrer kurzen Parlamentskarriere hatte sie sich einen Namen als Verfechterin der Menschenrechte und als Anwältin für die Opfer des syrischen Bürgerkriegs gemacht. Sie galt als leidenschaftliche Europäerin und war eine Befürworterin des Verbleibs Großbritanniens in der EU.

Jo Cox erhielt schon vor Monaten Drohungen

Am Freitag wurde bekannt, dass Jo Cox vor ihrem Tod Drohungen erhalten hatte. Die Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie „bösartige Mitteilungen“ erhalten habe, erklärten die Sicherheitsbehörden. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang bereits im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Bei ihm handle es sich allerdings nicht um den 52-Jährigen, der nach dem Mord als Verdächtiger in Gewahrsam genommen worden sei.

Der Bruder des mutmaßlichen Täters sagte dem „Telegraph“, sein Bruder habe „eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen“, deshalb aber auch Hilfe in Anspruch genommen. „Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch.“ Der Mann soll keinen festen Job haben, hin und wieder aber Gartenarbeiten für Nachbarn erledigt haben. „Ein Mann von wenig Worten“, sagte ein Nachbar der BBC. Die 62-jährige Nachbarin Kathleen Cooke erklärte gegenüber dem „Telegraph“: „Er lebt hier seit mehr als 40 Jahren und hat niemals Probleme gehabt oder Ärger gemacht. Ich glaube nicht, dass er einer politischen Partei angehört und habe ihn niemals politische Ansichten über Europa oder so äußern hören.“

Bisher nur Spekulationen

Britische Medien berichteten, der Mann soll bei seiner Festnahme die Worte „Britain First“ gerufen haben. Dies ist aber von der Polizei nicht bestätigt. „Großbritannien zuerst!“, das ist die Parole einer gleichnamigen rechtsextremen und nationalistischen Gruppe. „Britain First“ erklärte noch am Donnerstag auf ihrer Internet-Webseite, dass man nichts mit dem Anschlag zu tun habe.

Die Medien, so die Erklärung, würden „verzweifelt versuchen, die Bewegung zu inkriminieren“, man sei „nicht involviert und würde solch ein Verhalten niemals unterstützen.“ Der Ehemann von Jo Cox erklärte dagegen auf Twitter, dass seine Frau sich wünschen würde, „dass wir uns alle vereinen in dem Kampf gegen den Hass, der sie getötet hat.“

Brendan Cox teilte am Donnerstagnachmittag auf Twitter ein Foto seiner verstorbenen Frau.

Gewalttätige Angriffe auf Abgeordnete sind selten, aber in Großbritannien schon vorgekommen. Der letzte Vorfall passierte 2010, als ein Student auf den Labour-Abgeordneten und Kabinettsminister Stephen Timms einstach. Im Jahr 2000 war der liberaldemokratische Nigel Jones von einem Mann mit einem Samurai-Schwert angegriffen worden. Beide Männer überlebten, trugen aber langwierige Verletzungen davon. (mit dpa)

 
 

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