Michelle, Hrvoje und ein Schatten

Die NRZ aus dem Jahr 1994.
Die NRZ aus dem Jahr 1994.

Sarajevo. Der Krieg in Bosnien hat nicht nur 100 000 Tote gekostet, er hat auch die Lebensläufe von Millionen Menschen radikal verändert oder zerstört. Michelle und Hrvoje haben den Krieg als junge Menschen erlebt. An den Folgen tragen sie bis heute.

Es ist Winter 1994. Hrvoje ist zwölf Jahre alt, er lebt nahe Travnik in der Mitte Bosniens. Im Haus gibt es weder Wasser noch Strom, also geht er an diesem 25. Januar mit seiner Mutter zum Wasserholen an den Brunnen nahe der Kirche. In jeder Hand hat er einen Kanister, er geht vorsichtig, der Weg ist eisig, seine Mutter ist etwas zurückgefallen. Wenige Schritte vor dem Brunnen explodiert die Welt. „Ich dachte, es sei eine Granate. Aber ich schau mich um, kein Einschlag, dann blicke ich auf mein Bein, alles voll Blut.“ Eine zweite Kugel durchschlägt in diesem Moment den Oberschenkel. Hrvoje stürzt zu Boden. „Ich dachte, das war’s. Ich hatte in den Tagen zuvor schon andere sterben gesehen.“

Zur gleichen Zeit sitzt Michelle in Sarajevo im Haus der Nachbarn und bereitet eine Brennnesselsuppe zu. Im zweiten Jahr der Belagerung durch die Serben gibt’s kaum noch etwas zu essen in der Stadt. Wer kein Geld hat, hungert, wer zu schwach wird, stirbt. Wir kommen schnell ins Gespräch, Michelle, zu der Zeit 24, spricht perfekt deutsch, sie wurde in Lippstadt geboren. Ihre Mutter hat dort als Krankenschwester gearbeitet, hat Michelle geboren, der Beatles-Song stand Pate. Ende der 80er geht sie nach Bosnien zurück. Die Tochter, längst mit Haut und Haaren dem Punk zugetan, zieht nach London. Dort ist die Szene aufregender als im Westfälischen. Als der erste Golf-Krieg beginnt und Saddam Hussein dem Westen droht, holt die Mutter die Tochter aus Angst nach Sarajevo. Michelle folgt und ist kurz darauf in der belagerten Stadt gefangen.

Kugel in die Hand

Hrvoje versucht zu laufen, dann zu kriechen. Nur in Sicherheit, raus aus dem Schussfeld. Seine Mutter rennt auf ihn zu, er streckt ihr den Arm entgegen, eine Kugel durchschlägt die geöffnete Hand. Hrvoje verliert das Bewusstsein. Die Mutter zerrt


den Sohn in Sicherheit, er wird zu einem Krankenwagen geschleppt, auf dem Weg zur Klinik tritt der Tod an Hrvojes Seite, doch ein Sanitäter holt ihn ins Leben zurück. Vier Stunden dauert die erste Operation, vier Jahre die Behandlung, der bosnische Patient reist durch Europa. Operation in Ulm, Operation in Rom.

Das Foto oben ist im März 1994 entstanden. Die Überschrift daneben erweist sich bald als verfrühter Optimismus. Zunächst kehrt allein der Tod zurück. Bei Granatanschlägen in der Altstadt werden noch viele Menschen sterben müssen. Michelle lebt in dieser Zeit mit ihrer Mutter Boika und der Großmutter Milka in dem „Dreimädelhaus“, wie sie es nennen. Milka ist 84 und hadert mit Gott, der sie nach zwei Weltkriegen mit einem dritten prüft. Die Familie ist besonders geschlagen, da sie serbischen Ursprungs ist. Das spielte früher keine Rolle, jetzt aber fliegen tagsüber die Granaten der serbischen Armee und abends die Steine der muslimischen Nachbarn. Die drei Frauen sind isoliert. Sie haben kein Geld. Sie hungern, sie verheizen ihre Möbel, um nicht zu erfrieren. Und sie werden die Belagerung überleben.

Spätherbst 2010. Hrvoje wohnt in Split, in Kroatien. Er ist 29 Jahre alt, Single, Videotechniker von Beruf. „Das bekommen ich alles mit meinem rechten Bein prima hin, auch wenn es zu 80 Prozent behindert ist. Ich kann ja normal laufen, nur eben nicht rennen. Als Junge war das schlimmer, kein Fußball mehr, kein Basketball. Den Verzicht musste ich lernen.“ Erst wollte er nie nach Bosnien zurück. Jetzt fährt er häufiger hin. „Meine Heimat lass ich mir von niemandem nehmen.“

Michelle lebt noch immer in dem kleinen Haus am Hang. Allein. Boika ist 1999 gestorben, Milka 2002. Michelle hat keine Freunde in der Stadt. „Ich finde nicht so schnell Kontakt. Die meisten Leute hier sind anders drauf als ich. Da höre ich lieber Musik oder geh ins Internet.“ Um sie herum wird kräftig gebaut. Mehrfamilienhäuser, sehr schmuck. „Ich habe nur Angst, dass da Spießer oder strenggläubige Muslims einziehen, denen mein altes Häuschen ein Dorn im Auge ist.“

Tatsächlich ist die Hütte in einem erbärmlichen Zustand, es regnet rein. Michelle aber hat kein Geld für Abhilfe. Sie übersetzt Werbetexte aus dem Deutschen oder Englischen. „Da verdiene ich so etwa 100 Euro im Monat. 150, wenn’s gut läuft.“ Immerhin hat ihr Alexander, ein Cousin, der eine Zeit bei ihr gelebt hat, in diesem Winter das Feuerholz bezahlt und geliefert. Ein Segen. Trost in der Einsamkeit. Michelle ist jetzt 40. Sie ist in Sarajevo immer eine Fremde geblieben. Sie ist gestrandet.

Der Sniper war eine Frau

Hrvoje ist viel unterwegs. Auf Montage. Montenegro. Dubrovnik. „Super Stadt. Und die schönsten Mädchen der Welt.“ Er hat um sein Leben gekämpft und gewonnen. Weiß er eigentlich, wer auf ihn geschossen hat? „Vermutlich eine Frau. Eine Sportschützin aus Zenica, die hatten da einen sehr guten Schützenverein. Europaweit bekannt. Dafür spricht auch die Präzision des Handdurchschusses. Und die Frauen sollen zu der Zeit auch an diesem Frontabschnitt gelegen haben. Aber mal im Ernst. Es interessiert mich nicht mehr. Ich möchte einem Menschen, der auf Kinder schießt, nicht mein Interesse widmen. Ich hasse keine Muslims, ich hasse keine Serben. Und ich bin furchtbar traurig, dass so viele Leute nach dem Krieg nicht besser geworden sind. Dass in ihren Seelen immer noch dieser böse Geist wohnt.“

Michelle und Hrvoje. Zwei Leben, auf die der Krieg seinen langen Schatten wirft.

 
 

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