Michael Schumacher: Familie, Freunde, Fans und Fremde

(ln/spot) (SpotOn)
Ein Jahr ist es bereits her, dass Michael Schumacher auf einer Skipiste verunglückte. Doch bis heute ist die Sorge und die Anteilnahme an dem Schicksal des wohl besten Rennfahrers aller Zeiten ungebrochen.

Ein nachdenklicher Held, ein Mann in seinen besten Jahren. Michael Schumacher (45) lächelt mit der ihm eigenen Mischung von Optimismus und Skepsis, sein Blick geht leicht ins Abseits. So blickt er von seiner offiziellen Website, die am 13. November dieses Jahres, 319 Tage nach seinem tragischen Skisturz, wieder aktiviert wurde. Die Homepage, so seine Managerin Sabine Kehm, "soll den vielen Fans weltweit, deren Anteilnahme nach seinem Unfall noch immer ungebrochen ist, eine Heimat geben". Dazwischen zehneinhalb Monate voller Ängste, Ungewissheiten und Hoffnungen. Schädel-Hirn-Trauma, Not-OP, Koma, lange Wochen auf der Intensivstation - und immer wieder die Frage: Schafft er es? Im September erwachte er endlich aus dem Koma und wird seitdem zuhause betreut.

Am 29. Dezember jährt sich der Unfall, bei dem Michael Schumacher durch eine kleine Unebenheit im Schnee auf der Piste von Méribel gegen einen Felsen geschleudert und aus seinem Alltag ins Abseits der Leere katapultiert wurde. Doch egal wie viele Monate vergingen - die Besorgnis um den besten Rennfahrer aller Zeiten war ungebrochen.

Laut Google-Jahresrückblick 2014 waren die Fußballweltmeisterschaft und Michael Schumacher die bestimmenden Themen in Deutschland. Und in der Kategorie "Personen" ist der Suchbegriff "Michael Schumacher" auf Platz eins vor Schlager-Queen "Helene Fischer", die im Vorjahr ganz oben stand.

Die Anteilnahme an seinem Leid ist nach wie vor überwältigend, gemessen an der Sensationsgier, die seinem Krankheitsverlauf hinterher hechelt. Der gelernte Automechaniker aus dem Rheinland, der zum König der Formel 1 aufgestiegen ist, wurde vom Magazin "Focus" zum "Kämpfer des Jahres" ausgerufen. Ein Mann, der mit seiner sprichwörtlichen Willensstärke alles erreichte und nun um seine Genesung kämpft. Wenn man so will, wird er dabei von Millionen von Menschen begleitet. Von seiner Familie und seinen Freunden, von den Fans, aber auch von Fremden, die sein Schicksal für ihre Zwecke ausnutzen. Hier eine Übersicht.


Die Familie


Michael Schumacher lebt nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wieder in seinem Wohnhaus in Gland im Schweizer Kanton Waadt. Seine Frau Corinna und die Kindern Gina-Maria (17) und Mick (15) kümmern sich um ihn. In einem anderen Trakt des Anwesens lebt Vater Rolf Schumacher. Die wohlhabende Familie, deren Vermögen Experten auf eine halbe Milliarde Euro schätzen, wird bei der Therapie von professionellen Betreuern wie Ärzten, Pflegern und Physiotherapeuten unterstützt. Für eine Genesung ist der tägliche Umgang mit der Familie enorm wichtig. Vor allem Schumachers Ehefrau sorgt aufopfernd für ihren Mann. "Die Frau hat alles dafür getan, damit er Fortschritte machen kann", sagt Prof. Jean-Francois Payen, einer der behandelnden Ärzte, dem französischen Radiosender "RTL France". Corinna habe "große und unglaubliche Willensstärke". Nach einer so schweren Kopfverletzung sei eine Genesung innerhalb von einem Jahr bis drei Jahren möglich. "Das Leben nach einem Hirntrauma verläuft in Etappen."


Die Freunde


Michael Schumacher pflegte während seiner aktiven Zeit nur wenige Freundschaften aus Formel-1-Kreisen. Engere private Kontakte knüpfte er nur zu Aguri Suzuki, von dem er das Tauchen lernte, Jos Verstappen, Ricardo Patrese, Felipe Massa, Sebastian Vettel und dem ehemaligen Ferrari-Teamchef und jetzigen FIA-Präsident Jean Todt. Seit seinem Unfall sorgen sich zahlreiche Kollegen um ihn, darunter auch sein ehemaliger Konkurrent David Coulthard (43). Der Brite, der vor 14 Jahren einen Flugzeugabsturz überlebte, fand in "The Telegraph" rührende Worte für Schumachers Schicksal: "Der Ski-Unfall hat Michael mit uns auf einem menschlichen Level verbunden, jetzt und für immer. Hier ist ein Vater, wie jeder andere, seine Frau und seine Kinder am Krankenbett, betend, dass er durchkommt." Jean Todt (68) besuchte ihn bei seiner Familie und sagte anschließend der "Gazzetta dello Sport": "Er hat eine außerordentliche Frau und Familie. Sein Kampf geht weiter."

Auch der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda (65) betet um die Gesundheit des Kollegen. In einem emotionalen Brief an Michael Schumacher schrieb der Österreicher: "Michael, ich verfolge jeden Tag die Nachrichten zu deinen Fortschritten. So bin ich jeden Tag nahe bei dir. Ich hoffe, dass ich sehr, sehr bald mit dir sprechen kann." Die beiden aktuellen Mercedes-Piloten Lewis Hamilton (29) und Nico Rosberg haben die vergangene Formel-1-Saison dem verletzten Schumi gewidmet. "KeepFightingMichael" stand auf ihren beiden Rennwagen. Und der neue Weltmeister Hamilton meinte: "Du bist immer in meinen Gebeten. Gebete der Hoffnung, dass du durch diese schwere Zeit durchkommst."

Als Schumacher im November mit dem Millenium-Bambi für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, hielt sein Freund Sebastian Vettel die Laudatio: "Michael hat all die Jahre die Menschen auf der ganzen Welt berührt durch die Art, wie er gefahren ist und wie er gejubelt hat. Er hat immer gekämpft, ist unbeirrbar jedem Ziel nachgegangen. Und natürlich hoffen wir, dass ihm jetzt auch diese Beharrlichkeit und dieser Kampfgeist helfen." Auch der Fußballnationalspieler und Weltmeister Lukas Podolski steht fest zu seinem Kumpel Michael Schumacher. Dem TV-Sender RTL sagte er: "Ich wünsche ihm ganz viel Kraft, dass er bald wieder auf den Beinen stehen kann. Den Pokal in Brasilien haben wir auch für ihn gewonnen." Und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton twitterte: "Ich denke an Michael Schumacher und bin dankbar für alles, was er getan hat. Meine Gebete sind bei ihm und seiner Familie." Ebenso halten Michaels Sponsoren wie etwa die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG) ihrem Partner die Treue. DVAG-Geschäftsführer Robert Peil zu "Bild": "Es ist für uns selbstverständlich, dass man auch in schlechten Zeiten zusammensteht."


Die Fans


Die Schumacher-Managerin Sabine Kehm ist gerührt von der Treue der Schumi-Fans und glaubt, dass sich der mediale Wirbel mittlerweile auch in einem erträglichen Rahmen hält: "Ich würde schon sagen, dass sich die Situation im Großen und Ganzen beruhigt hat. Die Leute haben verstanden, dass diese ganze Sache mit Ruhe und Geduld abgehen muss", sagte sie im Interview mit dem Sender RTL.

Michaels Familie wendet sich deshalb direkt an die Schumacher-Fans. Auf der offiziellen Website heißt es: "Eure Wünsche bauen uns auf! Noch immer erreichen uns täglich Genesungswünsche für Michael, und noch immer macht uns das Ausmaß der Anteilnahme sprachlos. Wir können nur immer wieder Danke sagen dafür, dass ihr mit ihm und uns gemeinsam weiter kämpft. Wir bleiben zuversichtlich und hoffen das Beste für Michael. Eure Kraft hilft uns dabei, ihn weiterhin in seinem Kampf zu unterstützen." Am 3. Januar 2015 wird Michael Schumacher 46 Jahre alt. Ein Fanclub wird in Michaels Heimatort in der Gaststätte Alt-Kerpen groß feiern - zu den Klängen des Schumi-Songs "Born to fight". Der Musiker Sascha Herchenbach hat das Lied geschrieben und mit zwei Gospelchören aufgenommen. "Ich habe den Song innerhalb von drei Tagen komponiert und eingespielt - als Zeichen der Hoffnung", sagte er der Kölner Zeitung "Express".


Die Fremden


Das ungewisse Schicksal Michael Schumachers zieht auch fremde Glücksritter jeglicher Couleur an. Sensationsreporter, Kriminelle, die sich in die behandelnde Klinik eingeschlichen haben, aber auch Ärzte, die medizinische Statements abgeben, ohne den Kranken jemals gesehen zu haben. Der ehemalige Formel-1-Arzt Gary Hartstein warf Managerin Sabine Kehm sogar eine "zynische Art von Sprache" vor, als sie Anfang April 2014 mitteilte, dass der 45-Jährige "Momente des Erwachens und des Bewusstseins" habe. Dabei werde ein Eindruck von Schumachers Zustand vermittelt, der "nahezu sicher falsch" sei, schrieb Hartstein in seinem stark kritisierten Blog.

Auch der Zürcher Neurologe Erich Riederer dämpfte in aller Öffentlichkeit die Hoffnungen der Familie, der Freunde und Fans mit einer schonungslosen Prognose. In einem Interview mit der britischen Zeitung "The Independent" prophezeite Riederer im Juni: "Er wird für den Rest seines Lebens Invalide bleiben" und kaum jemals wieder ohne fremde Hilfe leben können. Wesentlich rabiater gingen einige wenige Journalisten vor. Mehrfach versuchten Reporter - mal als Arzt verkleidet, mal als Polizist und als Priester - an das Krankenbett des komatösen Schumachers zu gelangen um vermeintlich sensationelle Fotos zu schießen. Einer gab sich sogar als Schumachers Vater aus.

Eine deutsche Zeitschrift glaubte, Millionen von Fans foppen zu können, indem sie im November 2014 einen völlig entspannten Schumacher mit Sonnenbrille auf der Titelseite zeigte, dazu die Schlagzeile: "Was für ein Glück! Er sitzt in der Sonne". Ganz klein daneben die Fotozeile: "St. Moritz 26.1.2013" , also gut elf Monate vor Schumis Skiunfall. Im Text dazu hieß es: "Corinna könnte ihn an milden Herbsttagen im schweizerischen Gland auf die Terrasse schieben. Und dann, dann streichelt die Sonne seine Haut! Wärme, die Körper und Seele gut tut. Ist das nicht wunderbar?" Dann eine weitere Bildunterschrift: "So wie auf diesem Foto könnte Schumi die Sonne genießen." Das gleiche Heft war bereits im März mit dem Schumi-Titel "Aufgewacht!" erschienen; damals lag der Patient noch im Koma. In der wesentlich kleineren Unterzeile hieß es dazu: "Drei Menschen berichten: Wie es ihnen erging, als sie aus dem Koma erwachten." Bei "Focus online" verurteilte der Medienethiker Christian Schicha den "ausgesprochen geschmacklosen Täuschungsversuch". Hier werde "versucht, auf Kosten eines Kranken Geschäfte zu machen".

Richtig kriminell wurde es im Juni 2014: Aus Schumachers Klinik in Grenoble wurde ein Teil seiner Krankenakte gestohlen und unter dem Namen "Kagemusha" verschiedenen Medien zum Kauf angeboten. Dazu erklärte der Deutsche Journalisten-Verband (DJV): "Die Veröffentlichung wäre ein vollkommen inakzeptabler und äußerst schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von Michael Schumacher." In diesen Fällen wurde die Würde des Patienten Michael Schumacher, dessen Schicksal so viele Menschen so aufrichtig bewegt, von einigen wenigen mit den Füßen getreten.