Kultkrimi im Überfluss

Köln/Wien..  Eine Frau regiert in Deutschland, ein Papst kann zurücktreten, im Fernsehen gibt es Dutzende Programme... Kaum etwas scheint heute noch so zu sein wie vor 45 Jahren. Nichts mehr wie früher? Doch! Ein etwas psychedelisch wirkender Vorspann im Ersten Deutschen Fernsehen. Am Sonntag, 20.15 Uhr, ist er wieder zu sehen. Da kommt in der ARD der 950. „Tatort“. Es ist ein österreichischer Krimi mit dem Titel „Gier“.

In der Jubiläumsfolge aus Wien geht es um Aufstieg und moralischen Verfall der Fabrikantenfamilie Wendler. Ausgangspunkt ist ein Unfall mit Flusssäure in einer Chemiefabrik, der eine schwangere Laborantin das Leben kostet. Sie war das Patenkind des Vorgesetzten der Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Schnell wird klar, dass ein mangelhafter Schutzanzug schuld ist am Tod der jungen Frau. Die Schutzanzüge stammen von einem Unternehmen, das zum Wendler-Konzern gehört.

Immer wieder neu erfunden

Der Vorspann der Krimireihe ist in all den Jahren vertraut und für viele längst Kult: Ein Augenpaar in Nahaufnahme, das rechte Auge im Fadenkreuz, ein Mann hebt abwehrend die Arme. Beine rennen auf nassem Asphalt. Als Kinostar Til Schweiger vor seinem Start als Hamburger „Tatort“-Kommissar diesen Vorspann mal als „dämlich“ bezeichnete, gab es einen Aufschrei. Auf Kritik an ihrem Sonntagsgottesdienst-Ersatz reagiert die säkularisierte TV-Nation Deutschland offensichtlich empfindlich.

Der „Tatort“ sei „eine Sendung, von der man sagen kann, dass das Volk sie am Lagerfeuer guckt“, sagt in Köln der WDR-Fernsehspielchef und ARD-„Tatort“-Koordinator Gebhard Henke. „Und über die man dann am nächsten Morgen spricht und streitet. Das ist Kitt für die Gesellschaft. Und wenn Sie mich jetzt fragen, warum das so ist, dann muss ich Ihnen sagen: Weiß ich nicht.“

Klar scheint: Der „Tatort“ hat sich seit 1970 immer wieder neu erfunden, Orte und Teams wechseln alle paar Jahre. Er ist oft sozialkritisch und gesellschaftspolitisch, manchmal aber auch nur Psychothriller oder Film-Experiment. Gefühlt kommt jeden Tag irgendwo eine „Tatort“-Wiederholung im Fernsehen. Die Erstausstrahlungen am Sonntag sehen regelmäßig mehr als 10 Millionen Zuschauer.

In den vergangenen Jahren stieg die Zuschauerzahl wieder, nachdem es in den 90er Jahren und nach 2000 eine Delle gegeben hatte. Im Jahr 2014 waren durchschnittlich 8,8 Millionen bei den mehr als 30 neuen Filmen dabei, 2009 waren es im Schnitt noch eine Million weniger.

Übrigens: Hardcore-Fans wie die Experten von „tatort-fundus.de“ zählen bereits 963 „Tatorte“, weil sie 13 Krimis aus den Jahren 1985 bis 1989 verbuchen, die der ORF außerhalb der Gemeinschaftsarbeit mit der ARD produzierte und die als Erstausstrahlung nur in Österreich zu sehen waren.

Das nächste große Jubiläum - der 1000. „Tatort“ - steht aber offiziell erst in 50 Folgen an, voraussichtlich Ende 2016. Der „Tatort“-Koordinator Henke sagt dazu bereits jetzt: „Den 1000. werden wir natürlich feiern, da ist bereits ein Team ausgeguckt worden, das das Jubiläum bestreitet, aber Einzelheiten darf ich noch nicht verraten.“

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