Krawalle erfassen weitere Städte in Großbritannien

DerWesten
London hat in der Nacht zu Dienstag die dritte Nacht mit Plünderungen, Brandstiftungen und Gewalt in Folge erlebt. Randalierer zündeten unter anderem im Bezirk Croydon Wohnhäuser und Geschäfte an. (Foto: Getty)
London hat in der Nacht zu Dienstag die dritte Nacht mit Plünderungen, Brandstiftungen und Gewalt in Folge erlebt. Randalierer zündeten unter anderem im Bezirk Croydon Wohnhäuser und Geschäfte an. (Foto: Getty)
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In der Nacht zu Dienstag gab es erneut Plünderungen, Brandstiftungen und Gewalt in London. Die Unruhen erfassten außerdem auch in Birmingham, Liverpool und Bristol. Der Premierminister brach seinen Urlaub ab, Fußballspiele wurden abgesagt.

London. Die schweren Ausschreitungen in London sind in der Nacht auf Dienstag eskaliert. In London nahm die Polizei drei Personen unter dem Verdacht auf versuchten Polizistenmord fest. Der Beamte war am frühen Dienstagmorgen in Brent im Norden der Hauptstadt angefahren worden und musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Gemeinsam mit einem Kollegen - der leichte Verletzungen davon trug - hatte er nach der Plünderung eines nahe gelegenen Elektronikgeschäfts mehrere Fahrzeuge angehalten. Dabei sei ein Auto davon gefahren und habe den Beamten erfasst, teilte die Polizei mit. Das Fahrzeug sei später erneut gestoppt und drei Personen festgenommen worden.

Die Krawalle weiteten sich unterdessen auf weitere Landesteile aus. Nach London gab es in der Nacht zum Dienstag erstmals auch Plünderungen, Brandstiftungen und Randale in Birmingham, Liverpool und Bristol. Premierminister David Cameron brach wegen der angespannten Lage seinen Urlaub ab.

In den Bezirken Croydon, Peckham und Lewisham im Süden Londons standen Gebäude in Flammen, während plündernde Jugendliche durch die Straßen von Hackney im Osten der britischen Hauptstadt, Clapham im Süden, Camden im Norden und Ealing im Westen zogen. In Croydon brannte ein ganzer Häuserblock, meterhohe Flammen züngelten in den Nachthimmel. Anwohner mussten evakuiert werden. Der „Guardian“ zitierte einen Polizisten mit den Worten: „Wir kommen nicht dagegen an. Wir haben die Zerreißgrenze überschritten.“ Dem Fernsehsender Sky zufolge erlitt ein Mann bei den Unruhen Schusswunden.

Randalierer fallen in Gourmetrestaurant ein

Auch in Clapham kämpfte die Polizei gegen einen schweren Großbrand, nachdem Plünderer durch ein frisch renoviertes Einkaufszentrum gezogen waren und es angezündet hatten. Im noblen Londoner Stadtteil Notting Hill drangen Randalierer in ein Gourmetrestaurant ein und stahlen Gästen Mobiltelefone sowie Teller von den Tischen. In ganz London wurden 1700 zusätzliche Polizisten mobilisiert, um den Randalierern die Stirn zu bieten. Seit Samstag wurden insgesamt 239 Verdächtige festgenommen, darunter ein Elfjähriger. Gegen 45 von ihnen sei Anklage erhoben worden, hieß es. 35 Polizisten wurden bei den Krawallen am Wochenende verletzt.

Aber auch in Birmingham griffen Dutzende Personen Geschäfte an, 87 Jugendliche wurden festgenommen, nachdem sie Schaufenster eingeworfen und Auslagen geplündert hatten. Eine Polizeiwache wurde den Angaben zufolge von Randalierern in Brand gesetzt. In Liverpool wurden laut Polizei mehrere Autos in Brand gesetzt, in Bristol versuchten Polizisten, eine randalierende Meute von rund 150 Jugendlichen in Schach zu halten.

„Wir verteilen den Wohlstand um“

Im Londoner Stadtteil Hackney attackierten hunderte Jugendliche Geschäfte und zündeten Autos an. Plünderer erbeuteten Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten und Toilettenpapier. „Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse. Wir verteilen den Wohlstand um“, sagte der 28-jährige Bryan Phillips, der sich selbst als Anarchist bezeichnet.

Viele der zumeist kleinen Gruppen von Jugendlichen nutzen SMS, Instant Messenger und Twitter, um ihre Angriffe zu koordinieren und sich einen Vorsprung vor der Polizei zu verschaffen. Diese wies auf mögliche Festnahmen hin, falls jemand Nachrichten in Sozialen Medien veröffentliche, die zur Gewalt aufriefen.

Fußball-Länderspiel England gegen Niederlande abgesagt

Angesichts der weiterhin schweren Ausschreitungen in London wurde das für Mittwoch geplante Länderspiel zwischen England und den Niederlanden abgesagt. Das teilte der englische Verband FA am Dienstagvormittag nach einem Treffen mit Vertretern der Polizei mit. Das Spiel zwischen dem Fußball-Mutterland und dem Vize-Weltmeister sollte am Mittwochabend (21.00 Uhr MESZ) im Londoner Wembley-Stadion stattfinden.

Zuvor waren bereits kurzfristig vier für den Abend geplante Partien des Ligapokals abgesagt worden. Die Spiele in London von West Ham United gegen Aldershot Town, Charlton Athletic gegen den FC Reading und Crystal Palace gegen Crawley Town wurden auf Anraten der Polizei ebenso auf einen unbestimmten Zeitpunkt verlegt wie die Begegnung von Bristol City mit Swindon Town.

Premierminister David Cameron brach am Montag seinen Urlaub ab und sollte noch in der Nacht nach London zurückkehren. Dort wollte er eine Sitzung des Krisenzentrums leiten und Beratungen mit Innenministerin Theresa May und dem amtierenden Polizeichef führen. Auslöser der Krawalle war der Tod eines Mannes, der bei einem Polizeieinsatz im Londoner Stadtteil Tottenham unter noch ungeklärten Umständen erschossen worden war. (afp/dapd/sid)