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Krankheit lässt Kälber Blut „schwitzen“

Die Kälber bluten aus kleinsten Wunden, oft fließt das Blut sogar aus der unversehrt erscheinenden Haut. Bislang sind mehr als 100 Kälber, unter anderem in NRW, an der Krankheit gestorben. Tierärzte und Landwirte stehen vor einem Rätsel. (Symbolfoto: Imago)
Die Kälber bluten aus kleinsten Wunden, oft fließt das Blut sogar aus der unversehrt erscheinenden Haut. Bislang sind mehr als 100 Kälber, unter anderem in NRW, an der Krankheit gestorben. Tierärzte und Landwirte stehen vor einem Rätsel. (Symbolfoto: Imago)

München/Erlangen. Die Kälber bluten aus kleinsten Wunden, oft fließt das Blut sogar aus der unversehrt erscheinenden Haut. Bislang sind mehr als 100 Kälber, unter anderem in NRW, an der Krankheit gestorben. Tierärzte und Landwirte stehen vor einem Rätsel.

Als ob die Kälber Blut schwitzten, beschreiben Beobachter das tödliche Phänomen, das Landwirte und Tiermediziner derzeit nicht erklären können. Mit einem gemeinsamen Forschungsprojekt wollen Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München und des bayerischen Landesamts für Gesundheit (LGL) den Ursachen des rätselhaften Kälbersterbens nun auf den Grund gehen.

Bislang seien 110 Fälle verbluteter Kälber in Bayern bekannt, sagte LGL-Sprecherin Katrin Grimmer. Es sei aber mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen, da die Krankheit noch nicht meldepflichtig sei. Bereits im Frühjahr 2007 waren erste Einzelfälle bekannt geworden, in den vergangenen Monaten hatten sich die Todesfälle gehäuft. Der Tiergesundheitsdienst in Grub meldet seit Anfang 2008 eine Häufung der Berichte über Kälber, die an den Symptomen des «Blutschwitzens» sterben.

Auch in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und in Belgien sind Fälle erkrankter Kälbchen bekannt.

Viele Tiere sind innerlich verblutet

Die unstillbaren Blutungen treten nicht nur äußerlich durch die Haut, an Maulschleimhäuten oder Lidrändern auf. Der Leiter der Klinik für Wiederkäuer an der Universität München, Wolfgang Klee, konnte bei pathologischen Untersuchungen immer wieder feststellen, dass die Tiere innerlich verblutet waren.

In Internetforen tauschen sich besorgte Landwirte über die rätselhafte Krankheit aus. «Die Kälber haben Blut verloren über Darm, Schleimhäute und durch Wunden. Ihre Nasen und Mäuler waren ganz blass. Wir hatten Angst, sie zu spritzen, weil sie dann erst recht verbluten. Das wünsche ich keinem anderen Landwirt», schreibt ein Bauer. «Wir haben auch so ein Kalb», berichtet eine Bäuerin. «Ich habe ihm die Ohrmarken gezwickt. Am nächsten Tag waren die Ohren blutverschmiert.» Direkten Kontakt mit der Presse scheuen die betroffenen Landwirte.

Meist werde der Blutfluss von hohem Fieber begleitet, sagt LGL-Sprecherin Grimmer. Etwa 80 Prozent der Tiere würden trotz veterinärärztlicher Behandlung oft schon nach ein bis zwei Tagen verenden. «Von den 25 bisher bei uns eingelieferten lebenden Kälbern konnten wir erst fünf nach längerem Klinikaufenthalt nach Hause entlassen», fügt Veterinärmediziner Klee hinzu. Noch sei es kaum möglich, die Tiere längerfristig zu heilen, denn die Ursachen für die mysteriöse Krankheit seien noch nicht erforscht, sagt Klee. «Wenn die Tiere blutarm sind, verabreichen wir Bluttransfusionen, die aber meist nur eine vorübergehende Besserung des Zustands bringen.»

Schwere Schädigung des Knochenmarks

Bekannt ist, dass es sich bei der Ursache der Blutungsneigung um eine schwere Schädigung des Knochenmarks handelt. Die Anzahl der Blutplättchen, die für die Blutgerinnung sorgen, sei bei den betroffenen Kälbern viel geringer als normal. Worauf jedoch diese Knochenmarkschädigung zurückzuführen sei, wisse man noch nicht, sagt Klee.

Immerhin können einige Krankheiten bereits ausgeschlossen werden. Es handele sich vermutlich nicht um eine Infektionskrankheit, denn bisher habe es keine Hinweise auf Übertragung gegeben. Auch eine genetische Veranlagung komme wohl nicht in Betracht, «weil Kälber verschiedener Rassen betroffen waren», berichtet Grimmer vom LGL. Von einem Virus oder einer Seuche wie der Blauzungenkrankheit könne auch noch nicht die Rede sein, denn dann müsse die Ursache eine Infektion sein und dafür lägen keine Anhaltspunkte vor, ergänzt Klee. «Wir haben alle Kälber, die zu uns in die Klinik kamen, auf das Virus der sogenannten Bovinen Virusdiarrhoe untersuchen lassen. Von dem Virus ist bekannt, dass es zu Blutungsneigung führen kann. Keines der untersuchten Kälber war jedoch daran erkrankt.»

Im Forum wird von einem Kalb berichtet, das homöopathisch geheilt werden konnte. Klee weist diese Möglichkeit jedoch zurück: «Nach den Ergebnissen der Untersuchung einer Blutprobe würden wir das Kalb nicht in die Kategorie einordnen, um die es hier geht.»

Der Tiergesundheitsdienst ruft die Landwirte auf, Krankheitsfälle zu melden, um die rätselhaften Symptome besser ergründen zu können. Bei all den Ungereimtheiten gehe für den Menschen von der Kälberkrankheit jedoch keine Gefahr aus, beruhigt Grimmer. (ddp)