Konzerte als Terror-Ziel? Deshalb ist hundertprozentiger Schutz unmöglich

Trotz intensiver Dursuchungen beim Einlass ist eine absolute Sicherheit kaum zu erreichen.
Trotz intensiver Dursuchungen beim Einlass ist eine absolute Sicherheit kaum zu erreichen.
Foto: Thomas Frey / dpa
  • Bei Konzerten und Festivals tummeln sich Tausende Menschen auf engem Raum
  • Nach dem Anschlag von Manchester wird über die Sicherheit bei solchen Events diskutiert
  • Die Veranstalter stoßen an Grenzen

Frankfurt/Hannover.  Erst das Pariser Bataclan, nun Manchester: Der Terrorismus hat auch die Musikbranche im Visier. Der jüngste Anschlag beim Auftritt der Popsängerin Ariana Grande traf sie ins Mark – kurz vor dem Start der Festivalsaison, die in Deutschland wieder Zigtausende vor Bühnen locken wird.

Doch ist eine hundertprozentige Sicherheit überhaupt möglich? Nein, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière der „Bild“, eine absolute Sicherheit könne es nicht geben. Die Konzepte seien nach dem Anschlag von Manchester nochmals überprüft worden. Dazu gehörten Kontrollen im Umfeld von Großveranstaltungen.

Schutz auch nach Veranstaltungsende

„Wir dürfen uns dabei nicht nur auf Zugangskontrollen konzentrieren, sondern müssen – das haben die Ereignisse in Manchester gezeigt – auch die Situation nach Abschluss der Veranstaltung genau in den Blick nehmen, wenn die Menschen die Hallen oder Stadien verlassen“, sagte der Innenminister.

Die Kontrollen bei Events dürften nun noch etwas strenger, Auflagen rigider werden. Einer der Großen der Branche, der Geschäftsführer von Live Nation Deutschland, Österreich, Schweiz, Marek Lieberberg, sagt, erhöhte Wachsamkeit sei unerlässlich. Er bittet um Verständnis bei Fans, wenn Schutzmaßnahmen in Abstimmung mit Behörden weiter angepasst würden, konkret nennt er „intensive Bodychecks“. Zudem empfiehlt er Besuchern, unnötige Gegenstände zu Hause zu lassen.

Konzert von Ariana Grande in Frankfurt geplant

Auflagen, wie das Verbot, Getränke mitzunehmen, stoßen indes nicht bei jedem Fan auf Begeisterung, wie Karsten Seifert, Sprecher von Hannover Concerts, weiß. Es sei noch nicht bei allen angekommen, wie wichtig das Motto „Safety First“ sei. „Es gibt immer noch Leute, die sich öffentlich bei Facebook beschweren, nach dem Motto: „Ihr wollt nur Getränkeumsatz machen und Wucherpreise kassieren!"“

Veranstalter Live Nation hatte am Montag nur Stunden vor dem Anschlag ohnehin verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für Konzerte der Welttournee von Depeche Mode in Deutschland und der Schweiz angekündigt. Von der Bluttat mit 22 Toten in Manchester beim Konzert des Popsternchens Ariana Grande ist das Unternehmen besonders betroffen. Die Künstlerin steht hier unter Vertrag, am 3. Juni sollte in Frankfurt das einzige Konzert ihrer Tournee in Deutschland stattfinden, das nun aller Wahrscheinlichkeit ausfallen wird.

Sprengstoffdetektoren im Einsatz

Aber können Veranstalter überhaupt noch mehr für die Sicherheit tun? „Spätestens der Anschlag auf das Bataclan hat dazu geführt, dass auch in Deutschland nochmals deutlich aufgerüstet wurde“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow. Ende 2015 hatten Terroristen den Pariser Club während eines Konzerts der Band „Eagles of Death Metal“ gestürmt und 90 Menschen umgebracht.

Michow, sagt, seitdem werde auf mehr Sicherheitspersonal und Technik gesetzt, zum Beispiel Sprengstoffdetektoren. „Natürlich führt das zu Kostensteigerungen für die Veranstalter, aber natürlich wird daran nicht gespart.“

Ein Restrisiko bleibt

Alle Maßnahmen griffen aber nur im Sicherheitsbereich eines Konzerts oder eines Festivals, sagt Michow. „Eine Garantie gibt es ebenso wenig wie in einem Fußballstadion, bei einem Weihnachtsmarkt oder in einem Bahnhof oder Flughafen.“ Letztlich blieben zwei Alternativen: sich überall fernzuhalten oder ein Restrisiko zu akzeptieren.

Auch Dieter Semmelmann, Chef von Semmel Concerts Entertainment aus Bayreuth, unterstreicht: „Das Sicherheitsniveau ist bei unseren Veranstaltungen sehr hoch.“ Gleichwohl sei der öffentliche Raum drumherum – wie Zugangswege, Vorplätze oder Haltestellen – leider außerhalb des direkten Einflussbereichs. „Eine vermeintliche Gefahr wird bei jeder Form von größeren Menschenansammlungen gegeben sein.“

The Show must go on

Der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow weiß, Anschläge wie in Manchester erzeugen bei vielen Menschen eine große Verunsicherung. „Sie haben das Gefühl: Nirgendwo kann man mehr hingehen.“ Tatsächlich sei die statistische Wahrscheinlichkeit aber sehr gering, Opfer von Terrorismus zu werden. Die von einem Anschlag verursachte Angst lege sich in der Regel nach vier Wochen wieder.

Michow rechnet indes nicht mit weniger Besuchern. Konzertmacher wie Semmelmann unterstreichen, keine Konzerte absagen zu wollen. Der Hamburger Veranstalter FKP Scorpio zeigt sich zwar erschüttert. „Dennoch möchten und werden wir Terroristen nicht die Genugtuung geben, dass wir jetzt alle Veranstaltungen absagen und uns unsere Freiheit, unsere Freude und unsere Begeisterung für Musik nehmen lassen.“ Wie sang Queen-Frontmann Freddie Mercury? The Show must go on. (bekö/dpa)

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