"Kony 2012" - Netzkampagne gegen Massenmörder sorgt auch für Kritik

Seit Jahrzehnten treibt Massenmörder Joseph Kony mit einer Rebellen-Armee in Zentralafrika sein Unwesen. Amerikaner haben ein 30-minütiges Video über die Tragödie gemacht. Binnen einer Woche haben 70 Millionen Menschen "Kony 2012" gesehen. Neben viel Lob für die Filmemacher gibt es auch Kritik.

Washington. Es ist ja nicht so, dass Joseph Kony ein völlig unbeschriebenes Blatt wäre. Seit zwei Jahrzehnten ist der selbst ernannte Führer der “Lord's Resistance Army” (LRA), der "Widerstandsarmee des Herrn", auf dem schwarzen Kontinent und darüber hinaus in Kreisen der internationalen Politik und Justiz als messianischer Kopf einer Terror-Guerilla ebenso bekannt wie gefürchtet. Seine einst aus fast 30.000 Kindersoldaten bestehende Armee hat in Zentralafrika Tausende Menschen entführt, drangsaliert, zwangsrekrutiert, vergewaltigt und teilweise bestialisch getötet. Alles im Namen des Herrn, für den Kony, der sich als “wiedergeboren” bezeichnet, einen christlichen Gottesstaat errichten will.

Seit sieben Jahren ist der von den Vereinten Nationen als Psychopath und Monster beschriebene Mann vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschenlichkeit angeklagt. Erwischt wurde der Urwaldfürst, der sich in den Gebieten zwischen Uganda, Süd-Sudan und Kongo aufhalten soll, trotz Dutzender Militär-Operationen nie.

Rund 70 Millionen Menschen haben das Video "Kony 2012" angeklickt

Im Oktober vergangenen Jahres entsandte US-Präsident Barack Obama 100 amerikanische Militärberater nach Uganda. Sie sollen die Streitkräfte von Präsident Museveni ertüchtigen, die LRA endgültig zu besiegen. Der breiten Öffentlichkeit in Amerika war der Fall bis vor wenigen Tagen völlig unbekannt. In den traditionell auf sich selbst fixierten Vereinigten Staaten ist Afrika so unendlich weit weg, dass selbst Präsidentschaftskandidaten (Michele Bachmann) manchmal nicht unterscheiden können, ob Afrika nun ein Land ist - oder ein Kontinent.

Seit Wochenbeginn haben sich die Dinge gewandelt. Afrika und Kony sind in aller Munde. Weltweit. Die seit 2003 im kalifornischen San Diego beheimatete Menschenrechts-Organisation “Invisible Children” hat einen aufwändig produzierten, 30-minütigen Film ins Netz gestellt, der via YouTube und Vimeo bis heute rund 70 Millionen Mal registriert worden ist. Vor allem Jungen und Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren und junge Männer zwischen 18 und 24 haben das Werk angeklickt.

Stars wie Rihanna und Sean "Diddy" Combs twittern gegen Kony

In dem Video-Clip erzählt der junge Vater Jason Russell, der nach eigenen Angaben vor zehn Jahren zum ersten Mal mit der Causa Kony in Berührung kam, sehr subjektiv, sehr pathetisch und sehr emotional die Geschichte des Tyrannen – und was dagegen zu tun sei. Russells Botschaft (www.kony2012.com) ist eindeutig: Mit Hilfe von “Social Media” soll der Massenmörder bis Jahresende gefangen und seiner gerechten Strafe zugeführt werden.

Der Hype um das Video sprengt in den USA jeden Rahmen. Show-Business-Größen wie Rihanna, Justin Bieber und die Talkshow-Königin Oprah Winfrey machen sich Russells Anliegen zu eigen und twittern in die weite Welt hinaus: Unbedingt ansehen! Auch der zu allem und jedem seinen dünnen Senf gebende Rapmusiker Sean “Diddy” Combs ließ seiner Hybris freien Lauf: “Lieber Joseph Kony, ich werde dabei helfen, dich berühmt zu machen! Wir werden dich stoppen!"

UN-Ankläger ist dankbar für die Kony-Kampagne

Das Video hat bereits zu Anfragen bei Präsident Obama und Außenministerin Clinton geführt. Dort äußerten sich Sprecher ebenso erstaunt wie lobend über die rasante Verbreitung. Das größte Lob kam von Luis Moreno-Ocampo. “Kony ist schwierig. Er tötet keine Menschen in Paris oder New York. Er tötet in Zentralafrika. Und niemand schert sich drum”, sagte der Chef-Ankläger des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals in Den Haag der “Los Angeles Times”, “darum ist die Anstrengung dieser jungen Leute aus Kalifornien so unglaublich, genau das, was wir jetzt brauchen.” Eine Einschätzung, die nicht unwidersprochen bleibt.

Jason Russell hat heftige Kritik auf sich gezogen, weil er die für Europäer wie Amerikaner kaum durchschaubaren Hintergründe in dieser komplizierten afrikanischen Tragödie so stark in Schwarz-Weiß-Manier vereinfacht, dass sie aus Sicht von Afrikanern nicht mehr stimmen. “Der Krieg hier ist viel komplexer als ein Mann namens Joseph Kony”, sagt der ugandische Journalist Rosebell Kagumire und ärgert sich, dass ein Amerikaner sich in neokolonialer Art und Weise zum “heldenhaften Kinderretter” aufspielen will.

Filmemacher wollte den Film "Kony 2012" cool machen

Russell räumt ein, es mit der Faktentreue, die etwa völlig ausblendet, dass Konys Soldateska nach offiziellen Schätzungen auf maximal 250 Leute geschrumpft ist und die als Freiheitsbringer verherrlichte ugandische Armee selbst für Dutzende Gräueltaten verantwortlich ist, nicht immer genau genommen zu haben. Seine Erklärung: “Niemand will eine langweilige Dokumentation über Afrika sehen. Wir mussten es cool machen”. Dann setzt Russell noch einen drauf: “Wir betrachten uns selbst als das Pixar der Menschenrechte.” Pixar ist das eminent erfolgreiche Hollywood-Filmstudio, das mit computeranimierten Filmen wie “Toy Story” oder “Cars” Milliarden scheffelt.

Will Russell mit dem Elend Dritter reich werden? Kritiker in Kalifornien monieren, das “Invisible Children” kaum mehr als ein Drittel der eingenommenen Gelder aus Spenden und Merchandise-Artikeln (Aufkleber, Anti-Kony-Armbänder etc.) für Hilfsprojekte in den betroffenen Regionen Afrikas ausgebe. Stellvertretend schreibt der Blogger Elliott Ross: “Die Kony-2012-Show ist ein elendiger Betrug.” Russell kontert: Alles falsch. 80 Prozent des Geldes fließe in Hilfe vor Ort.

In Afrika in Hollywood-Söldner-Manier mit Waffen posiert

Skepsis an der Aufrichtigkeit ihre Mission haben Russell und seine Mitstreiter Bobby Bailey und Laren Poole nach Meinung von anderen Menschenrechtsorganisationen allerdings selbst erzeugt. Auf einem Foto posieren sie in Afrika in Hollywood-Söldner-Manier mit scharfen Waffen. Russell verteidigt sich, es sei ein Scherz gewesen.

Die Hemdsärmeligkeit, mit der die jungen Amerikaner ihre Wir-fangen-einen-Massenmörder-Aktion gestartet haben, wirkt befremdlich angesichts der Erfahrungen von Wojciech Jagielski. Der polnische Journalist hat vor zwei Jahren ein atemberaubendes Buch vorgelegt, das sehr kenntnisreich beschreibt, warum sich Konys Schreckensherrschaft so lange halten konnte und vielleicht noch weiter kann. Danach existiert im Volk der Acholi im Norden Ugandas ein ausgeprägter Geisterglaube. Viele Menschen sähen in dem Milizenführer ein Medium, durch das sich die Geister der Toten mitteilten.

In gewisser Hinsicht mache Kony das unsterblich. Das Buch heißt “Wanderer der Nacht”. Es ist allen empfohlen, die nach Jason Russells Video wirklich Interesse an Afrika und Joseph Kony bekommen haben.

 
 

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