Keine Angst vorm Fliegen

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Bergisch-Gladbach. Sie kommen von allen Seiten. Aus Norden, Süden, Osten und Westen. Mit großen Jets oder kleinen Propellermaschinen. Und sie wollen alle das gleiche. Landen. Doch darauf haben Ben, Dominic und Jörg nur gewartet. Sie sind Online-Controller, zuständig für den Flugverkehr im Internet.

Der ist stark gestiegen in den letzten Jahren. Vor allem, weil die Flugsimulatoren für den PC immer realistischer geworden sind. Virtuelle Piloten ziehen längst nicht mehr alleine ihre Bahnen. Mit anderen Fliegern können sie kommunizieren, echte Wetterdaten empfangen oder gar einer virtuellen Fluggesellschaft beitreten. Dann müssen sie sich an deren Flugplan halten.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand in den imaginären Tower setzt und den Verkehr am Netzhimmel leitet. So wie Ben Hofer (18), Dominic Krause (19) und Jörg Pauly (42). Sie gehören zum Virtual Air Traffic Simulation Network (VATSIM), einem Netzwerk, das Online-Flugsimulationen durchführt und organisiert.

13 000 Mitglieder hat die Organisation in Deutschland, knapp 200 000 sind es weltweit. Die einen wollen fliegen, andere lieber „controlen”. Das Trio aus dem Kölner Raum macht beides. „Wozu wir gerade Lust haben”, sagt Ben. Heute haben sie Lust, den Tower des Kölner Flughafens zu übernehmen. Von einem Hochhaus in Bergisch-Gladbach aus. Rechner werden hochgefahren, Programme geladen, Online-Verbindungen aufgebaut. Minuten später haben sich Monitore in Radarschirme verwandelt, ist aus einer weißen Leinwand mit Hilfe eines Beamers ein „Fenster” geworden, das den Blick freigibt auf das Vorfeld des Airports. Berechnet wird das Bild vom Computer.

Doch jedes Detail stimmt. Zusatzsoftware macht es möglich. Manches Programm muss gekauft werden, vieles hat die Szene selbst programmiert. Jörg stülpt sich seinen Kopfhörer über. „Kann losgehen.” Die erste Maschine, die reinkommt ist die Hapag Lloyd aus Las Palmas. Am Steuerknüppel sitzt „Torsten”. Vor knapp fünf Stunden muss er sich zu Hause vor seinen Rechner gesetzt haben. Denn geflogen wird in Echtzeit, selbst bei Transatlantikflügen.

Ben sieht die Maschine von den Kanaren als erster. Er ist heute der Approacher, also der Mann, der die Flieger zum Flughafen leitet. Dutzende sich bewegende Nummern muss er dafür auf seinem Bildschirm in Spitzenzeiten im Auge behalten. Den Piloten muss er – je nach Flughafen – verschiedene Anweisungen geben. Und alles auf Englisch. Deshalb muss eine Prüfung ablegen, wer Approacher werden will. Dicke Ordner gilt es dafür durchzuarbeiten. „Das schreckt manchen ab”, weiß Christian Kissling, der VATSIM-„Deputy Field Chief” für NRW. Muss es aber nicht. „Jeder kann das lernen.”

Und immer mehr tun es. „Vom Rentner bis zum Schüler, vom Arbeiter bis zum Professor”, sagt Kissling. Selbst ein paar echte Piloten und Lotsen sind der Organisation beigetreten. Nur Frauen gibt es kaum. „Irgendwie gefällt ihnen das nicht.” Torstens Maschine schwebt ein. Jörg übernimmt von Ben. Er hat heute das Kommando über die Start- und Landebahn. Sicher setzt die Boing 737/800 auf. Per „Funk” leitet sie Dominic zu ihrer Parkposition. „Welcome to Cologne”, verabschiedet er sich. „Thank You”, antwortet Torsten und schaltet die Triebwerke ab.

Für solche Dialoge werden virtuelle Flugfans manchmal belächelt. „Dabei ist die Sache nur ein Hobby wie viele andere auch”, sagt Kissling und stellt klar: „Wir haben auch andere Interessen.” Heute allerdings nicht. Denn mittlerweile ist am Himmel die Hölle los. Es hat sich herumgesprochen dass der Kölner Flughafen mit drei Lotsen besetzt ist. Bens Blicke huschen über seinen Monitor. Äußerlich ruhig fädelt er einen Flieger nach dem anderen ein und übergibt an die Kollegen. Passieren kann dabei nichts. Nicht mal virtuell. Wenn zwei Flugzeuge sich hier kreuzen, fliegen sie einfach durcheinander durch. „Wenn es Schlag auf Schlag geht, ist das wie ein Kick”, weiß Christian Kissling. „Dann vergisst du, dass das alles nur ein Spiel ist.”

 
 

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