Jugendbanden morden in Russland

Jugendbanden sind in Russland zu einem ernsten Problem geworden. Foto: Peter Meißner/Action Press
Jugendbanden sind in Russland zu einem ernsten Problem geworden. Foto: Peter Meißner/Action Press
Sie rauben, sie quälen, sie töten. Jugendbanden sind in Russland zu einem Problem geworden - selbst fernab von Moskau. Die offizielle Statistik zählt jährlich rund 100 000 Straftaten Minderjähriger, das macht etwa sieben Prozent der Gesamtkriminalität aus. Rächt sich eine verwahrloste Generation an ihren Eltern?

Moskau. Die Jungs in der Moskauer Vorstadt Balaschicha kannten keine Gnade. Sie warteten im Stadtpark auf die Passagiere der S-Bahn aus Moskau, kreisten einsame Erwachsene ein, verlangten eine Zigarette. Dann bekam das Opfer einen Schlag auf den Kopf. Sobald es fiel, traten sie es zu Tode oder stachen es ab. Dann wurde die Leiche geplündert.

Die Ermittlungsbehörden der Moskauer Region haben Anfang dieser Woche das Untersuchungsverfahren ge­gen eine Bande von 14- bis 16-jährigen Raubmördern abgeschlossen, die die Moskauer Vorstadt Balaschicha monatelang terrorisierte. Sechs Jugendliche wurden festgenommen. Die Ermittler haben ihnen inzwischen sechs Morde nachgewiesen, verdächtigen sie aber, insgesamt 27 Menschen getötet zu haben.

Die Moskauer Presse taufte sie „Kindergartenbande“, weil sich die Jugendlichen auf dem Gelände eines am Park gelegenen Kindergartens trafen. Wie die Zeitung „Kommersant“ schreibt, mordeten sie immer nachmittags. Weil sie alle aus schwierigen Familien stammten und vom Jugendamt kontrolliert wurden, vermieden sie, die Schule zu schwänzen oder zu spät nach Hause zu kommen, um nicht aufzufallen.

Jugend-Verbrechen haben sich wie eine Seuche ausgebreitet

„Kindergartenbanden“ sind in Russland keine Seltenheit. Gewaltverbrechen, die Jugendliche begehen, haben sich wie eine Seuche ausgebreitet. Die offizielle Statistik zählt jährlich rund 100 000 Straftaten Minderjähriger, das macht etwa sieben Prozent der Gesamtkriminalität aus. Nach Ansicht des Kriminalwissenschaftlers Daniil Korezkij begehen Jugendliche sogar über 300 000 Gewalttaten, Kinder unter 14 Jahren 100 000 davon. Ihre Grausamkeit entsetzt. Im Dorf Lytschkowo im Gebiet Nowgorod tötete ein Zwölfjähriger einen Fünfjährigen, der versuchte, den Größeren daran zu hindern, seinen Welpen zu erhängen. Zwei Jugendliche in Moskau erstachen eine Krankenschwester. Die 15-jährige Tochter des Opfers hatte sie dazu angestiftet, um die Wohnung nicht mehr mit der Mutter teilen zu müssen. In Irkutsk machte ein 22-jähriger Discjockey mit vier Komplizen unter 16 Jahren Jagd auf Obdachlose. Die Köpfe ihrer Opfer steckten sie auf Zaunpfähle.

So viel Aggressivität und Sadismus ist nach Ansicht der Experten nicht allein durch brutale Kinofilme oder Computerspiele zu erklären. Zwar sagten zwei Jugendliche in Tomsk aus, die sechs Menschen getötet hatten, der Film „Das Schweigen der Lämmer“ habe sie zum Morden animiert. „Aber ein Kind, dem es gut geht, fängt nicht plötzlich an zu töten“, sagt die Familienanwältin Mari Dawtjan unserer Zeitung. „Die Kinder werden schon sehr früh in ihren Familien kriminalisiert.“

Die Unterklasse lebt ohne feste Arbeit in engen Wohnungen

Von keiner Statistik erfasst, leben Millionen Unterklasse-Russen ohne feste Arbeit in engen Wohnungen. Oft sind sie alkohol- oder drogensüchtig, den eigenen Kindern gegenüber gleichgültig bis brutal. Außerdem ist das sowjetische System kostenloser Sport- und Musikschulen zerstört, es gibt kaum Jugendklubs wie im Westen. Bleibt nur die Straße, oft als einziger Lebensraum. Nach Angaben des Bildungsministeriums gibt es in Russland fast eine halbe Million obdachloser Kinder.

Die russische Öffentlichkeit diskutiert, das Jugendstrafrecht zu verschärfen. „Bei uns morden Kinder und wissen, dass sie bis zum Erreichen eines gewissen Alters völlig ungestraft bleiben“, klagt die Zeitung „Rossijskaja Gazeta“. Der Parlamentarier Wladimir Schirinowskij schlägt vor, das Mindestalter für Strafmündigkeit ganz abzuschaffen. Anwältin Darjan ist dagegen: „Wenn wir bei uns ein Kind, das gemordet hat, mit zwölf Jahren ins Gefängnis stecken, kommt es mit 20 als fertiger Verbrecher wieder heraus und mordet weiter. Wir brauchen vorbeugende Maßnahmen, Schulpsychologen, Soziologen und Streetworker.“

 
 

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