"Jalna Projekt" schafft Perspektiven für indische Kinder

Ein kleiner Patient inmitten von Kuscheltierspenden, die das Team mitgebracht hat.
Ein kleiner Patient inmitten von Kuscheltierspenden, die das Team mitgebracht hat.
Foto: Privat
Ein Hilfsprojekt wird erwachsen. Zum zehnten Mal fliegt ein Team von Ärzten und Pflegekräften ins indische Jalna, um dort Kinder mit Missbildungen und Verbrennungen kostenlos zu operieren. Die Anästhesieschwester Rita Zeißler ist seit Jahren dabei, obwohl sie nach ihrem ersten Hilfseinsatz schwer krank wurde.

Essen.. Es war ein Stofftier, das Rita Zeißler Gewissheit hab. Gewissheit, dass sie in diesem fremden Land, in dieser ärmlichen Umgebung, auf diesem Hilfseinsatz genau richtig war. Ein gespendetes Stofftier in den Händen eines Kindes, das etwas Vergleichbares noch nie besessen hatte, und die Anästhesieschwester aus Hattingen mit leuchtenden Augen ansah.

Das Hilfsprojekt, bei dem Rita Zeißler 1996 ihr Schlüsselerlebnis hatte, existiert noch immer, wenngleich es sich über die Jahre gewandelt hat: Früher ging es nach Eritrea, in den Iran, nach Vietnam oder Nepal. Heute gibt es einen festen Einsatzort: Jalna, eine Stadt im indischen Bundesstaat Maharahstra. Jeden Winter reist ein Team von Ärzten und Pflegekräften aus dem Ruhrgebiet dorthin. In Jalna operieren sie Kinder und Jugendliche mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Verbrennungen und Missbildungen der Hände und Füße. Sie arbeiten kostenlos, während ihres Jahresurlaubs.

Täglich zwölf bis vierzehn Stunden im OP

Für Rita Zeißler, die mittlerweile zwölf Einsätze hinter sich hat, ist es die beste Arbeit, die sie sich vorstellen kann. In Deutschland müsse man funktionieren, sagt sie, Anerkennung bekomme man selten, alles gehe im Kosten- und Zeitdruck unter. "In Jalna steht das reine Helfen im Vordergrund." Die 50-Jährige spürt dort wieder, warum sie Anästhesieschwester geworden ist. Sie bekommt Anerkennung dafür, dass sie zwei Wochen lang täglich zwölf bis vierzehn Stunden im OP schuftet. Der Gedanke an den kommenden Einsatz hilft ihr im deutschen Arbeitsalltag über besonders harte Tage hinweg. "Nach Indien zu fliegen ist fast schon, wie nach Hause zu kommen", sagt sie.

Es sei einfach anders, in einem Team zu arbeiten, in dem keiner nur dabei ist, weil es eben sein Job ist und er dafür bezahlt wird. Sondern um Kindern zu helfen, die sonst keine Chance auf ein normales Leben hätten. Die Operationen sollen Türen öffnen, die ein schwerer Unfall oder ein angeborener "Fehler" zugeschlagen haben.

Eltern könnten Operationen nicht bezahlen

Es geht um Kinder, die sich auf den Knien rutschend fortbewegen, weil ihre Verbrennungen nicht behandelt werden konnten und das Narbengewebe die Haut an beliebigen Stellen wieder zusammengefügt hat. Kinder, die nicht richtig sprechen und essen können, weil sie mit einer Spalte zur Welt gekommen sind. Ihre Eltern sind arm und könnten eine Operation niemals bezahlen.

Das Engagement des "Jalna-Teams" um Dr. Gerhard Schlosser (Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Evangelischen Krankenhaus Hattingen) und Dr. Jihan Mohasseb (Chefärztin der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Evangelischen Krankenhaus Hattingen) wird durch Spenden finanziert. Die Rotary Clubs in Hattingen und Jalna unterstützen die Hilfe seit vielen Jahren.

Oft ist Improvisationstalent gefragt

Gerade die Kontinuität hat wertvolle Nebeneffekte: So ist das Projekt mittlerweile bekannt, die Menschen sind informiert. Patienten, denen nicht sofort geholfen werden kann, können für das folgende Jahr vorgemerkt werden. Sogar die Hygienebedingungen vor Ort haben sich verbessert: Es gebe mittlerweile Plastikfolien auf den Krankenbetten, erzählt Rita Zeißler. "Früher kam jeder in die gleichen Laken, egal, wer da vorher reingespuckt und reingeblutet hat." Auch könne heute jeder Patient vor den Operationen gewaschen und auf HIV und Hepatitis getestet werden. Und der Lerneffekt für das indische Krankenhauspersonal sei ebenfalls nicht zu unterschätzen - Verbandswechsel und Desinfektion funktionierten mittlerweile sehr gut.

Der nächste Einsatz im kommenden Februar wird für Rita Zeißler der dreizehnte sein. An ihren ersten Einsatz kann sie sich nicht nur wegen des Stofftiers gut erinnern. "Ich war damals die einzige Anästhesieschwester und musste zwei OP-Tische gleichzeitig bedienen", erzählt sie. Hinzu kam, dass die Mediziner die Gegebenheiten vor Ort im Vorfeld nicht kannten und viel improvisieren mussten. "Wir haben mit alten und teilweise defekten Beatmungsgeräten gearbeitet, aus denen Gas austrat. Hinterher waren wir selbst halb betäubt."

Schwere Krankheit setzte sie für zwei Jahre außer Gefecht

Als sie nach Deutschland zurückkehrte, fühlte sie sich plötzlich ganz fremd. Die Armut, die sie gesehen hatte, und das Leid, hatten ihren Blick verändert. "Plötzlich war mir alles zuviel, ich konnte nicht einmal mehr ein Kaufhaus betreten." Die gehetzten Menschen überall, die trockene Heizungsluft, die Geschäfte mit ihren Angeboten. Mitten in dieser verwirrenden Zeit wurde sie auch noch schwer krank. Zwei Jahre dauerte die Genesung. Doch danach, so erzählt sie, habe sie sofort gewusst, dass sie wieder helfen wollte, an einem weiteren Einsatz teilnehmen. Sie nutzte die nächste Gelegenheit.

Mittlerweile kann Rita Zeißler auf eine "gewisse Routine" zurückgreifen. Improvisationskunst ist noch immer gefragt, doch das "Jalna Projekt" ist erwachsen geworden. In den vergangenen neun Jahren hat das Team weit über 1000 Kinder operiert. Ans Aufhören denkt keiner - es gibt einfach zu viele Kinder, die ebenfalls ihre Chance bekommen sollen.

 
 

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