In Ungarn droht eine Umwelt-Katastrophe

Alles Rot - und vergiftet: Eine Schlammwelle hat die Region des Ortes Kolontár, 160 Kilometer westlich von Budapest, heimgesucht. (Foto: afp)
Alles Rot - und vergiftet: Eine Schlammwelle hat die Region des Ortes Kolontár, 160 Kilometer westlich von Budapest, heimgesucht. (Foto: afp)
Foto: AFP

Kolontár.. Nach einem schweren Chemie-Unglück droht im Westen Ungarns eine Umwelt-Katastrophe. Nach einem Dammbruch hat eine Flutwelle aus Natronlauge und Schwermetallen die Region bei Kolontár verwüstet. Die Giftbrühe droht nun in die Donau zu fließen.

Nach einem Dammbruch in einer ungarischen Aluminiumfabrik hat sich eine Welle roten Schlamms über die Umgebung ergossen. Rund eine Million Kubikmeter des Gemischs aus Natronlauge, Schwermetallen und Rost sei bis Dienstag aus dem Auffangbecken entwichen, und eine Fläche von etwa 40 Quadratkilometern sei betroffen, sagte der ungarische Umweltstaatssekretär Zoltan Illes der amtlichen Nachrichtenagentur MTI. Vier Menschen kamen in der giftigen Brühe ums Leben, mindestens drei werden noch vermisst, und über hundert wurden zum Teil schwer verletzt.

Giftbrühe könnte auch die Donau vergiften

Einsatzkräfte kippten am Dienstag rund 1000 Tonnen Gips in den Fluss Marcal um zu verhindern, dass die Giftbrühe rund 70 Kilometer flussabwärts in die Donau fließt. Das Ausmaß der Umweltkatastrophe ist noch nicht absehbar, aber es besteht durchaus die Gefahr, dass die Schäden größer werden könnten als bei einem Unglück vor zehn Jahren, als aus einer rumänischen Goldmine in der Nähe der ungarischen Grenze zyanidhaltiges Wasser aus einem Auffangbecken in die Donau floss und in dem Strom und vier seiner Nebenflüsse Tiere und Pflanzen vergiftete. Die EU befürchtete Umweltschäden über die Grenzen Ungarns hinaus.

Die wegen ihrer leuchtenden Farbe Rotschlamm genannte Masse ist ein Abfallprodukt der Aluminiumherstellung. Zur Gewinnung des Zwischenprodukts Aluminiumoxid wird das Erz Bauxit in Natronlauge gelöst. Dabei entsteht der Rotschlamm, der die Abfallprodukte des Bauxits enthält - Eisenoxid, Schwermetalle und Reste der Lauge. Richtig gehandhabt sei Rotschlamm ungefährlich, erklärten Industrievertreter in den USA und London. Es sei ein übliches Verfahren, die rote Brühe in Auffangbecken zu leiten, wo sie dann zu einer ungefährlichen, tonartigen Masse trockne.

pH-Wert des Schlamms entsprach dem einer Natronlauge

Der aus dem Auffangbecken des Werks in der Stadt Ajka, rund 30 Kilometer nördlich des Plattensees, ausgetretene Schlamm, sei seit Jahrzehnten in dem Becken gesammelt worden, sagte der ungarische Umweltschützer Gergely Simon. Es habe einen pH-Wert von ungefähr 13 gehabt, was etwa einer Natronlauge entspricht. Das habe auch die Verbrennungen verursacht.

Der Aluminiumhersteller MAL, dem das Werk gehört, teilte mit, dass Rotschlamm nach den Standards der Europäischen Union nicht als Gefahrstoff gilt. Auch weist die Firma Vorwürfe zurück, nicht genug für die Sicherheit getan zu haben. Der Damm um das 300 mal 400 Meter große Auffangbecken überragt die stehengebliebenen Bäume. Sichtlich verärgert über diese Kommentare forderte Ungarns Innenminister Sandor Pinter die Verantwortlichen des Unternehmens dazu auf, eine Runde in der Brühe zu schwimmen. „Dann werden wir ja sehen“, sagte er.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban räumte ein, dass die Behörden von der Katastrophe kalt erwischt worden seien. Das Auffangbecken in dem Aluminiumwerk sei erst zwei Wochen vor dem Unglück inspiziert worden, wobei keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden seien.

Oberflächliche Wunden können sich als tödlich entpuppen

Zahlreiche Bewohner der betroffenen Dörfer erlitten durch den Kontakt mit dem Rotschlamm chemische Verbrennungen. Zwei Frauen, ein junger Mann und ein dreijähriges Kind kamen ums Leben, und nach Auskunft von Gesundheitsbeamten befanden sich zwei Verletzte in kritischer Verfassung. Weil es manchmal Tage dauere, bis die Auswirkungen einer chemischen Verbrennung sichtbar würden, könnten scheinbar oberflächliche Verletzungen tiefer ins Gewebe eindringen und tödlich enden, sagte der Krankenhausarzt Peter Jakabos aus Györ im Staatsfernsehen.

Die Behörden haben den Notstand in der Region ausgerufen. Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Verzweifelte Dorfbewohner wateten, nur durch Gummistiefel vor der ätzenden Lauge geschützt, durch den Schlamm, um wenigstens einige ihrer Habseligkeiten zu retten. Feuerwehrleute in Schutzanzügen begannen, den Schlamm mit Radladern abzutragen. (dapd/afp)

 
 

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