In Essen ist WM der Rückwärtsläufer

Zurück, Marsch, Marsch! Im Sportpark „Am Hallo“ in Essen finden an drei Tagen die Weltmeisterschaften im Rückwärtslaufen statt.
Zurück, Marsch, Marsch! Im Sportpark „Am Hallo“ in Essen finden an drei Tagen die Weltmeisterschaften im Rückwärtslaufen statt.
Foto: FUNKE Foto Services
Die Weltmeisterschaft im Rückwärtslauf wird in Essen ausgetragen. Dass man nicht sieht, wohin man rennt ist unangenehm. Dafür stehen andere Einblicke offen.

Essen.. Der Vorsprung von Leoni Leven ist schon jetzt so siegessicher groß, dass das Publikum am Bahnenrand sich bereit macht für La ola. Als die junge Frau aus Essen aus der letzten Kurve kommt, wird durchgesagt, dass sie jetzt da ist: Denn die Zuschauer sehen sie ja nicht, sie stehen schließlich mit dem Rücken zur Laufbahn und gehen nun jubelnd in die Hocke. Man sieht es schon: Manches ist ein wenig anders bei der Weltmeisterschaft der Rückwärtsrennläufer.

Leoni hat auf ihr Trikot konsequenterweise „Inoel“ drucken lassen.

„Ein kleiner Blick zur Seite heißt Sturz bei dem Tempo“

„Die Zehenspitzen haben immer entgegen der Laufrichtung zu zeigen“, steht zum Beispiel in der Wettkampfordnung der Retro-Sportler. Sie erlaubt auch keine „vorwärtslaufende Begleitperson“, anempfiehlt aber Kopfschutz. Denn „ein kleiner Blick zur Seite heißt Sturz bei dem Tempo“, sagt Peter Wassermann am Rande der 100-Meter-Sprints. Der 67-Jährige war 2012 zweifacher Vize-Weltmeister bei den Senioren und beschreibt sein Laufgefühl auf gut steirisch so: „I schweb’ so dahin.“

Vielleicht 200 Menschen sind am Freitag auf diesem schmucken Laufgelände im Essener Norden. Weltmeisterschaft halt: Sie haben Nationalflaggen aufgehängt, Siegertreppchen und Starterpistole besorgt, die Zeitmessung eingerichtet und starten an drei Tagen in allen olympischen Laufdisziplinen. Mit zwei Ausnahmen: Ein kompletter Marathon ginge zu sehr in die Beine. Und: Auf den 3000 Metern stehen keine Hindernisse.

13,6 Sekunden über 100 Meter

„Für uns ist es Sport . . . ein verrückter Sport“, sagt Matthias Rühle aus Heidelberg. Begonnen hat das Rückwärtslaufen in Deutschland als traditioneller Ulk auf dem Faschingsmontag in Augsburg, aber inzwischen gibt es beeindruckende Weltrekorde: 13,6 Sekunden über 100 Meter, das würden manche Leute nicht schaffen, selbst, wenn man sie vorwärts laufen ließe. Was natürlich eine völlig absurde Idee ist!

Meist gehörter Spruch übrigens, warum einer, also, ich bitte Sie, aber rückwärts rennen? „Ich war vorwärts zu langsam.“ Freilich ist die Szene so klein, dass auch wieder alle mitrennen können, die gesund sind und ausdauernd. Und jeder kennt jeden: Österreich und Italien umarmen einander gerade, die Türkei geht grüßend vorbei. Doch ob Spaß oder Sport: Wenn sie laufen, sieht das kurios aus, wie ein zurück laufender Film. Für die Läufer aber liegen die Vorteile klar auf der Hand: Sie sehen die Verfolger. Sie sehen das Staffelholz kommen. Und wer sieht, dass er gleich überholt wird, muss ausweichen – der Überholer sieht es ja gerade nicht. Sonst: Pardauz!

„Vorwärts kann jeder“

Leoni Leven, die La ola bekam, wird dann tatsächlich Weltmeisterin über 3000 Meter: „Vorwärts kann jeder“, sagt sie ein bisschen atemlos. Und auch der neue Weltmeister über 3000 Meter kommt aus Essen: der Mathematiker Felix Grelak. „Ich habe am Dienstag zum ersten Mal rückwärts trainiert“, sagt er. Überhaupt sei es viel wichtiger, „den Kopf und die Angst auszumachen“: Denn man muss sich sehr überwinden, zu rennen, ohne zu sehen, wohin. Dann ruft er Frau und Sohn an: „Ich bin Weltmeister!“ Philine heißt sie, und das Kind des Weltmeisters heißt: ,Elan’.

Der „Retro-Running-Club Deutschland“ jedenfalls erhofft sich von der Weltmeisterschaft, dass es vorwärts geht mit seinem Sport. „Rückenwind“ wäre an dieser Stelle allerdings der falsche Begriff.

 
 

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