„Ich mag bizarre Charaktere“

London..  Seit Greta Gerwig durch den New-York-Film „Frances Ha“ vor drei Jahren zum Star des Independent-Kinos wurde, geraten Kollegen ins Schwärmen. Ein US-Kritiker nennt sie „eine moderne Catherine Deneuve“. Diese Schuhe nennt sie „zu groß“. Ihren neuen Film „Mistress America“ (im Kino) hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem US-Regisseur Noah Baumbach, geschrieben. Sie spielt darin Brooke, eine charmante New Yorkerin, die bei der Verwirklichung ihres Lebenstraums große Probleme bekommt. Ulrich Lössl traf Greta Gerwig in London.

Sie sind gerade 32 geworden ...

Ja, jetzt muss ich mich langsam beeilen.

Beeilen? Womit denn?

Wie wir alle wissen, wurde Jesus mit 33 Jahren ans Kreuz geschlagen. Also: keine Zeit verlieren.

Sie befürchten ein ähnliches Schicksal?

(Lacht) Nein, natürlich nicht. Ich will mich auch nicht mit Jesus vergleichen. Ich bin sehr katholisch erzogen worden, und ich denke gerade in der letzten Zeit sehr oft an Jesus. Mit 29 hat er herausgekriegt, dass er Gottes Sohn ist – und mit 33 wurde er von den Römern gekreuzigt. 33 ist wohl deshalb eine magische Marke für mich.

Haben Sie schon eine Prioritätenliste für dieses so wichtige Jahr?

O ja, ich habe tatsächlich eine Liste von Dingen, die ich unbedingt machen will. Und darauf steht ganz oben: weiter gute Filme machen, schreiben, lesen, tanzen, intensiv leben. Mich öffnen. Neue Menschen in mein Leben lassen. Ich kann vom Leben gar nicht genug kriegen.

Sie haben auf dem College Philosophie und englische Literatur studiert …

Ja, ich war regelrecht besessen davon.

… dann stammt der Satz in „Mistress America“ wohl von Ihnen: „Das College hat mir das Denken beigebracht und das Schreiben.“

Ja, allerdings sage das ja nicht ich im Film, sondern meine Kollegin Lola Kirke, die eine Studentin spielt. Aber für mich war das College wirklich eine Offenbarung.

Was genau hat Sie denn so begeistert?

In der Literatur war es vor allem – auch wenn es banal klingt – Shakespeare! Und John Milton. Ich konnte Miltons „Das verlorene Paradies“ fast auswendig. Und bei den Philosophen hatte ich sehr intensive Phasen: Platon, Aristoteles, Kant, Descartes, Nietzsche … Am meisten beeindruckt hat mich aber Montaigne. Er ist auch heute noch mein Lieblingsphilosoph. Seine Gedanken sind so wunderbar frei und unabhängig. Bei ihm gab es diesen fundamentalen Humanismus und diese tiefen Einsichten, wie Menschen tagtäglich leben.

Haben Sie schon mal eine Psychoanalyse gemacht?

Ich mache zurzeit tatsächlich wieder mal eine Therapie. Aber wissen Sie, was das Beste ist am Filmemachen? (Lacht) Dass ich keine Zeit habe, regelmäßig zum Psychiater zu gehen! Eigentlich will ich mich gar nicht analysieren lassen. Denn dann ist die Gefahr sehr groß, dass man das Geheimnis des Lebens schmälert. Zu viel zu wissen, kann auch sehr irritieren.

Können Sie das noch etwas näher erläutern?

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass auf dem College viele Kids sogenannte study drugs genommen haben. Zum Beispiel Ritalin, Amphetamine oder auch Kokain. Sie mussten nicht essen, ausruhen oder schlafen. Einmal, als ich selbst ein Referat sehr schnell fertigstellen musste, habe ich so eine Pille genommen. Mit verheerender Wirkung. Ich konnte nämlich keine einzige Idee generieren.

Was zieht Sie zu Menschen hin?

Das klingt jetzt vielleicht pornografisch, aber ich meine das nicht so: Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, wenn ich spüre, dass sie tief in mich eindringen können – und ich in sie. Mich interessieren Menschen, die nicht nur ihre glänzenden Oberflächen zeigen, sondern mir stattdessen ihre bizarren Charaktereigenschaften zumuten und mich einen Blick in ihre dunklen Abgründe werfen lassen.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen