Hygiene in Kliniken oft mangelhaft

In der Hygieneabteilung der Universtätsklinik Essen. Foto: Dirk Bauer / WAZ FotoPool
In der Hygieneabteilung der Universtätsklinik Essen. Foto: Dirk Bauer / WAZ FotoPool
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Essen. Der Fall der drei toten Säuglinge in Mainz hat die Republik aufgeschreckt. Weil Krankenhäuser immer stärker sparen müssen, bleibt die Hygiene oft auf der Strecke.

Auf den ersten Blick wirkt Anthia Paschous Arbeitsplatz wie eine Großküche. Mit vielen Fliesen, stählernen Einbaugeräten und Arbeitsflächen. Viele Jahre schon arbeitet die 57-Jährige hier, im Erdgeschoss des Operationszentrums II an der Essener Uniklinik. Eben noch kontrollierte sie Skalpelle, die frisch desinfiziert aus der Waschmaschine gekommen sind. Nun stellt sie ein Knochensieb zusammen, ordnet sogenannte Israelhaken, Sechszinker und Venenhäkchen in einem Korb. Instrumente für die Unfallchirurgie. Und Paschou, die ehemalige OP-Schwester, weiß genau, was sie tut, worauf es ankommt. Sauber, steril muss alles sein. Darum geht es.

Wie alle großen Unikliniken in Deutschland leistet sich auch die Essener eine eigene Abteilung für Krankenhaushygiene mit zwei Ärzten und vier Fachkräften. Doch was in den Niederlanden zum Standard gehört, ist bei uns eher die Ausnahme. Der Tod dreier Babys in der Mainzer Uniklinik durch verunreinigte Infusionen zeigte auf tragische Weise, wovor Fachleute in den letzten Jahren verstärkt warnen: Bei der Hygiene im Krankenhaus hapert es derart, dass ein Aufenthalt dort tödliche Auswirkungen haben kann. Die Zahl der durch Keime infizierten und daran verstorbenen Patienten wird auf bis zu 40 000 geschätzt.

Häuser unter Kostendruck

„50 Prozent dieser Infektionen ließe sich durch strengere Hygiene-Verordnungen verhindern“, sagt Prof. Walter Popp, der Chef der Krankenhaus-Hygiene im Essener Uniklinikum. der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene ist. Eine der Ursachen für die Mängel sieht Popp in dem Druck der Krankenhäuser, immer effizienter, immer kostengünstiger zu arbeiten. Da werde gekürzt und outgesourct, da würden einst krankenhausinterne Aufgaben an externe Dienstleister vergeben.

Beispiel: Sterilisation. Wo sonst erfahrene Krankenschwestern, oft mit OP-Erfahrung, beschäftigt waren, werden heute angelernte Kräfte eingestellt, die nie zuvor mit dem Gesundheitswesen zu tun hatten. Popp: „Das Personal ist schlechter qualifiziert“.

Beispiel: Reinigungsdienste. Laut Popp waren das früher meist hauseigene Mitarbeiter, die sich für die Sauberkeit auf ihrer Station verantwortlich fühlten. Walter Popp: „Heute machen den Job Service-Gesellschaften, die meist ausländische Frauen beschäftigen. Die wissen nicht, was wichtig ist und sprechen zu schlecht Deutsch, als dass man es ihnen erklären könnte.“

Mehr Hygiene spart

Mehr Hygiene kostet, und da sind die auf Effizienz getrimmten Krankenhaus-Verwaltungen vor. „Hygiene kostet, aber sie spart auch wieder ein“, sagt dagegen Prof. Popp. Denn wenn sich ein Patient im Krankenhaus eine Infektion hole und er deshalb zehn Tage länger liegen müsse, zahle das Krankenhaus drauf.

Problematisch ist auch die Tatsache, dass in Deutschland sehr großzügig Antibiotika verschrieben werden. Wo häufig Antibiotika eingesetzt werden, entwickeln sich verstärkt Resistenzen. Mediziner sind sich einig, dass die vermehrte Anwendung von Antibiotika eine höhere Zahl von Krankenhaus-Infektionen verursacht. Allein dem berüchtigten Keim MRSA (multiresistenter Staphylokokkus aureus) schreiben sie 35 000 Infektionen pro Jahr zu. In niederländischen Krankenhäusern, wo Risikopatienten grundsätzlich erst einmal isoliert untergebracht und auf MRSA getestet werden, liegt die Infektionsrate achtmal niedriger. Zudem darf in den Niederlanden nicht jeder Arzt Antibiotika verschreiben.

Was die toten Mainzer Babys betrifft, hat Anthia Paschou, die Essener Krankenschwester, eine sehr klare Meinung: „Es ist der Druck. Alles muss möglichst schnell und billig gehen. Man braucht aber Zeit, um gründlich zu sterilisieren.“ Und manchmal liegt es auch an so simplen Dingen wie, sich nach jedem Patienten die Hände zu desinfizieren. Studien belegen, nur 50 Prozent der Ärzte halten sich daran. Popp: „Bei der Visite lässt sich das beobachten. Achtet der Chefarzt darauf, tun es seine Assistenten auch.“

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