Homo sapiens und Neandertaler hatten ein Techtelmechtel

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Kreis Mettmann. . Wie viel Neandertaler steckt in uns? In Genuntersuchungen fanden Wissenschaftler Hinweise darauf, dass der vor rund 30 000 Jahren ausgestorbene Neandertaler und der moderne Mensch Sex miteinander hatten - was bis heute Spuren im menschlichen Erbgut hinterlassen hat.

Der Neandertaler und der frühe moderne Mensch haben sich vermischt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, die das Fachjournal „Science“ in seiner aktuellen Ausgabe veröffentlicht.

Wie viel Neandertaler steckt in uns? Der Antwort auf diese Frage ist ein internationales Forscherteam um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ein entscheidendes Stück näher gekommen. In Genuntersuchungen fanden die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass der vor rund 30.000 Jahren ausgestorbene Neandertaler und der moderne Mensch doch Sex miteinander hatten - was bis heute Spuren im menschlichen Erbgut hinterlassen hat. Ob sich Neandertaler und moderner Mensch gekreuzt haben, war bislang eine strittige Frage.

Aufregende Entdeckung

Die aufregende Entdeckung des Leipziger Forscherteams zur Kreuzung des modernen Menschen mit seinem urzeitlichen Verwandten ist aber nur ein Detail im Rahmen der Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms. Die Forscher interessiert vor allem, was den Menschen von seinem nächsten Verwandten unterscheidet und ihm Vorteile im Laufe der Evolution gebracht hat.

Bereits im Februar hatte das Forscherteam um Pääbo eine Rohfassung des entschlüsselten Neandertaler-Erbguts präsentiert. Die Wissenschaftler analysierten mehr als eine Milliarde DNA-Fragmente aus Neandertalerknochen, die etwa 60 Prozent des Erbguts abdecken. Das daraus rekonstruierte Neandertaler-Genom könnte den Schlüssel dazu liefern, welche genetischen Veränderungen auf dem Weg zum Homo sapiens entscheidend gewesen sind und schließlich dazu geführt haben, dass dieser sich vor etwa 100.000 Jahren von Afrika aus über die gesamte Welt verbreiten konnte.

In einem weiteren Schritt verglichen die Experten nun das Neandertaler-Genom mit dem Erbgut von fünf modernen Menschen aus Frankreich, Afrika, Papua-Neuguinea und China - mit der Erkenntnis, dass sich moderne Menschen mit dem Neandertaler wohl gekreuzt haben. Im Genom einiger heutiger Zeitgenossen, die außerhalb Afrikas leben, stammen nach Berechnungen der Forscher ein bis vier Prozent der DNA vom Neandertaler. Die Forscher vermuten, dass sich der aus Afrika ausgewanderte moderne Mensch im Nahen Osten mit dem Neandertaler vermischte, bevor er sich in Eurasien weiter ausbreitete. Aus archäologischen Funden ist bekannt, dass beide vor 50.000 bis 100.000 Jahren im Nahen Osten lebten.

Kein direkter Vorfahre

Dies mache den Neandertaler aber nun „nicht zu unserem direkten Vorfahren“, stellt der Leipziger Genetiker Johannes Krause aus dem Pääbo-Team klar. Zu 96 Prozent stamme der Mensch von Vorfahren aus Afrika ab. Zudem gebe es keine Belege für Spekulationen, dass sich Neandertaler und Menschen auch bei ihrem späteren Zusammentreffen in Europa vermischt haben könnten. Im Gegenteil: Die Forscher wiesen Neandertaler-Gene bei Europäern in ähnlichem Maße nach wie bei heutigen Bewohnern Papua-Neuguineas und Chinas, wo der Neandertaler aber nie gelebt hat.

Viel aufschlussreicher als das Techtelmechtel mit dem einen oder anderen Neandertaler ist für die Forscher ohnehin die Suche nach Genen, die eine wichtige Rolle in der menschlichen Evolution gespielt und dem frühen Menschen sein Überleben auf irgendeine Weise erleichtert haben könnten. Die Experten fanden Gene, die beim Menschen, nicht aber beim Neandertaler auftreten und unter anderem mit den kognitiven Funktionen und der Entwicklung von Schädel, Schlüsselbein und Brustkorb zusammenhängen. Welche Einflüsse diese Gene tatsächlich haben, muss aber noch untersucht werden.

Forscher in Mettmann fühlen sich bestätigt

Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann, freut sich über den Beweis der Verwandtschaft zwischen Homo sapiens und Neandertalern: „Wir Archäologen vertreten seit Jahren die Vermischungshypothese. Bei kritischer Durchsicht der kulturellen Hinterlassenschaften aus der letzten Eiszeit kann der Neandertaler nur als Bruder verstanden werden.“

Museumsdirektor Weniger fühlt sich nun bestätigt: „Ich bin froh, dass der alte wissenschaftliche Widerspruch endlich aufgelöst wurde.“ Die Ausstellungen im Neanderthal-Museum hat er schon länger an der nun belegten Hypothese ausgerichtet. „Wir sind auf dem allerneuesten wissenschaftlichen Stand, ohne im Haus etwas ändern zu müssen“, sagt Weniger schmunzelnd.

Weitere Analysen des Neandertaler-Genoms sollen nun Aufschluss darüber geben, weshalb der Neandertaler vor rund 30 000 Jahren ausstarb und der frühe Homo sapiens sich durchsetzen konnte.

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