Hitlers Atombombe - ZDF-Doku über geheimes Rüstungsprojekt

Die Atombombe mit dem verharmlosenden Namen "Little Boy" zerstörte Hiroshima, Japan, 1945. Auch Hitler hatte Pläne für eine Massenvernichtungswaffe. Das legt eine ZDF-Doku nahe.
Die Atombombe mit dem verharmlosenden Namen "Little Boy" zerstörte Hiroshima, Japan, 1945. Auch Hitler hatte Pläne für eine Massenvernichtungswaffe. Das legt eine ZDF-Doku nahe.
Foto: imago
Hitler ahnte, dass die Amerikaner eine Atombombe entwickeln. Auch er selbst hatte Pläne für eine Massenvernichtungswaffe. Über das geheime Rüstungsprojekt der NS-Zeit zeigt das ZDF am Dienstag eine Doku.

Mainz.. "Die Suche nach Hitlers ,Atombombe’" heißt eine Doku, die neue Erkenntnisse verspricht. Dahinter steckt ein kluger Kopf: Historiker Stefan Brauburger (53), Leiter der ZDF-Redaktion "Zeitgeschichte". Mit ihm sprach Jürgen Overkott.

Üblicherweise fassen Geschichtsdokus das in populärer Form zusammen, was bereits gängige Erkenntnis ist. Ist es möglich, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Neues aus der Vergangenheit zu präsentieren?

Stefan Brauburger: Ja, es ist möglich, Neues aus der Vergangenheit zu präsentieren, gerade auch, was den Zweiten Weltkrieg betrifft. Auf viele beschlagnahmte und gefundene Akten des NS - Regimes wurden seitens der Siegermächte Sperrfristen gesetzt. Bei der Jagd nach Know how und Experten versuchten Amerikaner, Briten, Russen und Franzosen sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Ein Großteil der Unterlagen zur Nukleargeschichte ist in den genannten Ländern, aus leicht nachvollziehbaren Gründen bis heute gesperrt. Bspw. dürfen historische Materialien zur Entwicklung von Ultrazentrifungen bis heute nur teilweise eingesehen werden.

Es gibt Akten für die 30, 50, 70 und 100 Jahre KIassifizierung verordnet wurden. Gerade beim Thema Massenvernichtungswaffen liegen immer noch wesentliche Dokumente unter Verschluss.

Brauburger: Doch, was neue Erkenntnisse anlangt, gibt es heute auch eine ganze Reihe von forensischen Untersuchungsmethoden, die es mittels modernster Technik ermöglichen, zum Beispiel Fundstücke und noch nicht geöffnete Stollensysteme zu untersuchen.

Wie sind Sie an das Material gekommen?

Brauburger: Es besteht ein Recherchenetzwerk. Wir arbeiten mit Historikern und Ingenieuren in den USA, Großbritannuien, Russland, Frankreich, Spanien, Norwegen, Österreich und Deutschland zusammen. Bei diesem Thema waren es vor allem russische und amerikanische Dokumente, die uns weiterhalfen. Prof. Wladimir Sacharow und Matthias Uhl waren hier sehr engagierte Partner.

Investigative Recherchen führen uns in offizielle Archive aber auch zu privaten Nachlässen. Mitunter machen unsere Rechercheure verblüffende Erfahrungen. Bestände von Dutzenden Metern, freigegeben seit einigen Jahren, und noch niemand hat hineingeschaut. In einer solchen französischen Sammlung fanden wir erstaunliche Dokumente.

Handelt es um Behauptungen oder Fakten?

Brauburger: Man muss stets belegbare Fakten und begründete Vermutungen etwa als solche kenntlich machen. Das gilt auch für diesen Film. Bei der Überprüfung der Fakten unterstützen uns namhafte Historiker. Wir machen im Resümee des Films deutlich, wo unsere „Suche“ an Grenzen gestoßen ist und was weiter geprüft werde muss. Einen gegenständlichen Beweis dafür, dass die Deutschen es tatsächlich vermochten, Spaltstoff hochgradig – bis zur Waffenfähigkeit - anzureichern gibt es weiterhin nicht.

Und dass sie am Ende wirklich über eine wie auch immer geartete funktionsfähige Waffe verfügten, ist ebenfalls nicht nachweisbar. Wir weisen aber auch darauf hin, was getan werden kann, um noch mehr Tatsachen zum Thema ans Licht zu holen. Viele Dokumente sind noch unter Verschluss, einige unterirdische Stollensysteme zum Beispiel noch nicht untersucht.

Gab es Möglichkeiten, das Material zu überprüfen?

Brauburger: Die Quelle sind alle von Experten überprüft und ihnen zur Bewertung vorgelegt worden. Zum Beispiel wurde der entscheidende Bericht des sowjetischen Geheimdienstes GRU (vom März ’45) auch mit russischen Kernwaffenentwicklern diskutiert.

Welche Absicht steckte hinter Hitlers Atomplänen?

Brauburger: Es waren nicht „Hitlers Atompläne“. Unsere wissenschaftlichen Berater haben dazu Indizien zusammengestellt. Danach ging es im Kern darum, die Raketen nicht nur mit konventionellen Sprengstoffen zu bestücken, sondern auch mit Massenvernichtungsmitteln. Dazu zählten Giftgas, Hochleistungssprengstoffe und – folgt man einigen Quellen - möglicherweise auch nukleare Sprengköpfe.

Federführend bei der den Atomversuchen waren SS und Akteure unter dem Deckmantel der "Reichspost". Wann und wie detailliert Hitler von den Fortschritten erfuhr, ist Spekulation und bislang nicht belegt.

Kannte Hitler das Projekt der Amerikaner?

Brauburger: Das ist nicht bekannt, geht zumindest aus keiner uns zur Verfügung stehenden Quelle hervor. Wir wissen aber, dass Nobelpreisträger Werner Heisenberg die Gefahr einer amerikanischen Atombombe zumindest ahnte. Er nahm darauf zum Beispiel 1942 in einem Vortrag vor Militärs und Wissenschaftlern Bezug.

Auch in anderen Dokumenten, aus dem Umfeld des Reichsforschungsrates etwa, ist von der Gefahr die Rede, dass die Gegner den Deutschen zuvor kommen könnten. Laut Dokumenten verfügten die Deutschen auch über Spione in USA und konnten womöglich auf diesem Weg einiges über das amerikanische Projekt in Erfahrung bringen.

War Hitler bewusst, welcher verheerende Folgen der Abwurf einer Atombombe hat?

Brauburger: Nur ein Beispiel: Als Ion Antonescu Hitler im August 1944 besuchte, standen sowjetische Truppen bereits an der rumänischen Grenze. Der rumänische Diktator wollte am liebsten aus diesem Krieg ausscheiden. Hitler hat alles versucht um ihn an seiner Seite zu halten und hat Antonescu über neueste Waffenentwicklungen informiert. Er sprach von einer V3 und einer V4, von einer Vernichtungswaffe die im Umkreis von 2-3 km alles zerstören sollte.

Wenn wir den Zerstörungsradius berücksichtigen kann es nur eine nukleare Waffe gewesen sein oder eine große Kohlenstaubbombe mit gewaltiger Explosionskraft, auch an einer solchen Entwicklung wurde gearbeitet.

Dienstag, 28. Juli, ZDF, 20.15 Uhr

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