Hat uns das Sommermärchen die AfD gebracht?! Dieser Wissenschaftler erforscht die nationale Identität

Die Deutschlandfans bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sparten nicht an Flaggen und schwarz-rot-goldenen Accessoires. Haben sie die AfD stark gemacht?
Die Deutschlandfans bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sparten nicht an Flaggen und schwarz-rot-goldenen Accessoires. Haben sie die AfD stark gemacht?
Foto: paulprescott72 / Getty Images
  • Antisemitismusforscher Clemens Heni zieht eine Linie vom Sommermärchen 2006 zur AfD
  • Seine These: Beide verbindet ein schwarz-rot-goldenes Band
  • Und Jürgen Klinsmann machte sie zusätzlich stark

Berlin.  Die deutsch-nationale Identität ist durch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wieder salonfähig geworden, sagt der Antisemitismusforscher Clemens Heni. Er sprach mit der „Frankfurter Rundschau“ über den Siegeszug der deutschen Flagge vom Rudelgucken, über die Pegida-Aufmärsche bis zur Wahlentscheidung von fast sechs Millionen AfD-Wählern.

„Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmaß zu Pegida gekommen, und ohne Pegida gäbe es keine AfD in dieser Form. Die Deutschland-Fahne bei der WM hat eine unglaubliche Bedeutung“, sagt Heni. Er ist sich sicher, beim Sommermärchen 2006 ging es nicht um Sport, „sondern nationale Identität“. Die fußballerische Leistung sei ohnehin bei allen sehr schwach gewesen.

Klinsmanns Kabinenansprache 2006 ließ Rechte aufhorchen

Aussprüche wie die von Nationaltrainer Jürgen Klinsmann oder der Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein hätten die „Neuen Rechten“ im Land aufhorchen lassen. Vor der Partie gegen die polnische Mannschaft sagte Klinsmann: „Die stehen mit dem Rücken zur Wand und wir knallen sie durch die Wand hindurch“, sagt Heni. Das klingt einzeln betrachtet ziemlich falsch.

Katrin Müller-Hohenstein kommentierte 2010 die große Genugtuung, die der Stürmer Miroslav Klose spüren musste, als „inneren Reichsparteitag“. Ein weiteres Geschenk an die Rechtsextremen, findet der Experte.

2006 herrschte eine andere Stimmung

Er hörte auch unter den Intellektuellen des Landes nach 2006 wieder nationale Töne: „Da hörten sich Texte teils so an, als wären sie 1937 geschrieben worden.“

Heni zieht auch den Vergleich zur Weltmeisterschaft 1990. Damals sei die Stimmung nicht wie 2006 gewesen, Flaggen und andere deutschnationale Symbole hätte es in diesem Ausmaß nicht gegeben. Und trotzdem brannte 1992 das Sonnenblumenhaus, die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen. Ein Mob wütete drei Tage in Folge vor dem Haus gegen Ausländer und Asylanten, die deutsche Öffentlichkeit war schockiert.

Das zeigt: Fremdenhass braucht keine Wirkungskette wie die von Heni beschriebene: Weltmeisterschaft, Pegida-Aufmärsche, AfD. (dahe)

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