„Hart aber fair“: Als der Name Mesut Özil fällt, muss Plasberg eingreifen

Der Titel der ARD-Talkrunde „hart aber fair“ löste schon im Vorfeld heftige Diskussionen aus. (Archivbild)
Der Titel der ARD-Talkrunde „hart aber fair“ löste schon im Vorfeld heftige Diskussionen aus. (Archivbild)
Foto: dpa

Schon vor der Sendung löste allein der Titel von „Hart aber fair" wilde Diskussionen im Netz aus.

„Heimat Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?“ - so lautet die Frage, die Moderator Frank Plasberg seinen Gästen bei „Hart aber fair" am Montagabend in der ARD behandelt

Hart aber fair": „Titel ist populistisch“

Bei Twitter reiben sich schon im Vorfeld zahlreiche Nutzer an der Formulierung der Frage und an der Themensetzung. SO beschwerte sich SPD-Politikerin Sawsan Chebli: „Heimat Deutschland-nur für Deutsche oder offen für alle? Diese Sprache ist der Grund, warum auch mir gesagt wird, ich soll in meine Heimat zurück, ein Grund für Drohungen, die ich bekomme, für den Hass, ein Grund dafür, dass Rechte denken, sie sind stärker.“

Wenig später postete sie außerdem eine Nachricht ihrer Nichte und schrieb dazu: „Meine Nichte, in Berlin geboren, dritte Generation. So geht es zu vielen jungen Menschen hierzulande. Werde nicht aufhören, auf diese Missstände hinzuweisen. In der Hoffnung, etwas zu verändern.“

Migration ist ein häufiges Thema bei der Talksendung - zu häufig, wie manche Kritiker finden. „Das (...) ist nicht das was Deutschland bewegt. Muss man 70 und bettlägrig sein um auf den Geschmack von eurem selbstgewähltem Programm zu kommen oder einfach ein mieser AfD-Wähler ohne Spaß am Leben“, schreibt ein Nutzer bei Twitter.

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„Hart aber Fair“:

  • Der wöchentliche Polit-Talk läuft seit 2001 im Fernsehen
  • Zuerst wurde „Hart aber Fair“ im WDR ausgestrahlt
  • Seit 2007 läuft die Sendung in der ARD
  • Von Beginn an ist Frank Plasberg der Moderator von "Hart aber fair"

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„Der Titel Ihrer Sendung ist meiner Meinung nach absolut populistisch und auch total unangemessen, wenn ich ehrlich bin! Und gerade in Zeiten wie diesen würde ich mir von einem öffentlich-rechtlichen Medium mehr Sachlichkeit und Neutralität bei solchen Dingen wünschen“, schreibt ein anderer.

Redaktion der Sendung rechtfertigt sich für Titel

Ebenfalls auf Twitter rechtfertigte sich „Hart aber fair“ für die Wortwahl und schrieb: „Zur Kritik an unserem Titel: Dieser heißt nicht „Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?“

Vielmehr geht es explizit um den Begriff (und das Gefühl von) Heimat, um die Frage etwa, für wen hier Heimat ist. Wann meint Heimat Nähe, wann Abschottung? Und empfinden Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, dieses Land als ihre Heimat?“

Ist der Begriff Heimat rechts?

Frank Plasberg nahm die Debatte auf und stellte die Frage in die Runde: „Gehört dieser Begriff Heimat mittlerweile ins rechte Lager?“

Hubert Aiwinger (Freie Wähler) warnt davor den Begriff auf diese Weise zu stigmatisieren. Er fordert: „Lasst doch die Leuten ihre Heimat leben.“ Er selbst sei in einem kleinen Dorf mit 50 Einwohnern groß geworden, wo jeder jedem vertraut hätte.

Die Kabarettistin Idil Baydar fragt kritisch nach: „Gilt das denn auch für die türkische Heimat?“ Sie nennt das Beispiel Mesut Özil. Ob es auch in Ordnung sei, wenn man zwei Heimaten habe?

Das sind die Gäste bei Hart aber Fair am 25.02.2019

  • Armin Nassehi, Soziologe
  • Idil Baydar, Kabarettistin
  • Kartin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen
  • Nikolaus Blome, stellv. Chefredakteur der „Bild“-Zeitung
  • Hubert Aiwanger, Freie Wähler

Aiwinger entgegnet: „Ich glaube sogar, dass die Menschen im Laufe ihres Lebens ihre Heimaten wechseln.“ Wer sich woanders hinbewegt, könne lernen sich dort heimisch zu fühlen.

Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, nimmt den Ball zu Mesut Özil auf und stellt seine Identifikation mit Deutschland in Frage.

Idil Baydar: „Das finde ich die Spitze des Eisbergs an Frechheit“

Da bricht es aus Idil Baydar heraus: „Mesut Özil hat sich gegen die türkische Nationalmannschaft entschieden, um für Deutschland zu spielen“, stellt die Berlinerin fest. Sein Deutsch-Sein werde wegen nur eines Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hinterfragt. „Das finde ich die Spitze des Eisbergs an Frechheit“, poltert sie.

Die Diskussion erstickte Frank Plasberg dann im Kern. „Den Fall Mesut Özil haben wir bereits in zahlreichen Sendungen abgehandelt“, so der Moderator. Schließlich hatte Özil seinen Rücktritt schlagzeilenträchtig mit einer Reihe von Tweets und herber Kritik am DFB inszeniert. Während der Pannen-WM wurde Özil 2018 von vielen Fans für die Probleme der deutschen Mannschaft verantwortlich gemacht.

Nächster Streitfall: Erdogan

Doch damit war der Schlagabtausch zwischen Idil Baydar und Nikolaus Blome noch lange nicht beendet. Im Verlauf der Sendung fragt der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung der Kabarettistin die Frage, warum mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten Deutschtürken Erdogan gewählt hätten.

Da schaltet die temperamentvolle Kabarettistin wieder in den Angriffsmodus. „Warum muss ich eine Türkei-Expertin sein, nur weil meine Eltern aus der Türkei sind?“, so Baydar. Sie weist darauf hin, dass die türkische Herkunft in Deutschland negativ besetzt sei. Die wenigsten Deutschen würden türkische Migranten beispielsweise nach der Türkei als Reiseland fragen. Am Ende ging es immer um Kritik an der Religion oder der Politik des Landes. „Das nervt einfach“, regt sich Idil Baydar auf.

Unterschiede zwischen Deutschen - und Deutschen

Vor der Sendung meldete sich bereits Spiegel-Journalist Hasnain Kazim zu Wort. Allein die Formulierung des Titels impliziere, dass es Unterschiede zwischen (echten) Deutschen und (nicht so echten) Deutschen gibt. „Euer Titel räumt genau jenen Leuten Platz ein, die Menschen wir mir in Abrede stellen, dass Deutschland meine Heimat ist. Dass sie es ist, darüber gibt es nicht, absolut nichts zu diskutieren. Versteht ihr?“

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Auch SPD-Politikerin Sawsan Chebli übt Kritik am Titel von "Hart aber Fair": „Heimat Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle? Diese Sprache ist der Grund, warum auch mir gesagt wird, ich soll in meine Heimat zurück, ein Grund für Drohungen, die ich bekomme, für den Hass, ein Grund dafür, dass Rechte denken, sie sind stärker.“

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"Hart aber fair" äußert sich via Twitter

Die ARD hat sich vor der Sendung zur Kritik geäußert. Beim Twitter-Account von “Hart aber Fair“ heißt es: „Dieser [Titel, Anm. der Redaktion] heißt nicht „Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?“. Es gehe um den Begriff und das Gefühl von Heimat.

Der Sender macht es damit noch schlimmer, finden viele. „Die aufgeworfen Fragen sind rassistisch konnotiert und schließen, entgegen der Meinung ihrer Redaktion, migrantische Perspektiven von vornherein aus. Zudem bedienen sie einen ohnehin schon rechten Diskurs. Also hört auf euch rauszureden“, kommentiert ein Nutzer. Ein anderer schreibt: "Wie man eine Ausrede glaubwürdig formuliert, das üben wir wohl nochmal..."

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Aus Quotensicht blieb die Sendung wohl hinter den Erwartungen der ARD zurück. Nur etwas mehr als 2,3 Millionen Menschen schalteten ein, was einem Markanteil von gerade einmal 7,7 Prozent entspricht. (pen/ak)

 
 

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