"Hannas Entscheidung" - ein Antikriegsfilm ohne Gefecht

Jürgen Overkott
Der Film „Hannas Entscheidung“ (ARD, Fr., 20.15 Uhr) spielt im Oberbayern der frühen 50er. Eine verstaubte Heimatschnulze? Keineswegs. Es geht um Posttraumatische Belastungsstörungen. Afghanistan lässt grüßen.

Essen. Die ARD-Filmtochter Degeto ist berüchtigt als Lieferant leichter Ware. Gerade die freitäglichen Romanzen sind oft derart flach, dass eine Pfütze im Vergleich dazu wie die Tiefsee wirkt. Es geht aber auch anders. Regisseur Friedemann Fromm zeigt es mit seinem brillanten Heimkehrer-Drama „Hannas Entscheidung“ (ARD, 20.15 Uhr).

Den Namen Fromm sollte sich das Publikum merken. Er verlegte mit der ARD-Serie „Weissensee“ „Dallas“ von der texanischen Öl-Szene ins Ost-Berliner Stasi-Milieu. Für seinen Berlin-Dreiteiler „Die Wölfe“ erhielt Fromm gar den US-Fernsehpreis „Emmy“.

Mit „Hannas Entscheidung“ unterstreicht der 48-Jährige, warum er die Emmynenz des deutschen Fernsehens ist. Allein die Einführungsszene signalisiert: Dieser 90-Minüter nach einem Drehbuch von Benedikt Röskau bietet weit mehr als Durchschnitt. Die Geschichte spielt Anfang der 50er in Oberbayern.

Instinktiv richtig

Hauptfigur Hanna (Christine Neubauer so gut wie selten zuvor) klaut hochwertiges Ulmenholz aus einer Industrie-Ruine, die in der Nazi-Zeit als Waffenfabrik diente. Allein, das Gelände ist gesperrt. Wenig überraschend versperrt eine US-Militärpatrouille Hanna den Weg. Sie rettet sich mit dem Hinweis, aus das Holz solle im Familienbetrieb eine Kirchbank gemacht werden. Instinktiv liegt Hanna richtig: Auf der Brust eines Militärpolizisten baumelt ein Kreuz.

Die Szene besitzt, gewollt, Symbolwert: Hanna, gewitzt, ist in handwerklicher Mission unterwegs, mithin in einem Männer-Job. Neubauer spielt, wie so oft, eine starke Frau. Die Trümmerfrau darf sich der Sympathie des weiblichen Publikums sicher sein.

Trümmerfrau und zertrümmerter Gatte

Edgar Selge gibt ihren vom Krieg zertrümmerten Gatten. Er übernimmt, ebenfalls gewohnt, eine Rolle, die mindestens genauso viel Verständnis wie Ablehnung hervorruft. Karl kehrt aus Kriegsgefangenschaft zurück, mit lahmem Arm. Aber er will den Vorkriegszustand wiederherstellen. Er kann und will nicht akzeptieren, dass er die Schreinerei nicht mehr wie früher führen kann. Hilfe von seiner Frau lehnt er schroff ab. Folge-richtig nähert sich der Betrieb rasant der Pleite.

Bürgermeister Zollner (August Schmölzer) mit schmieriger Nazi-Vergangenheit lauert auf seine Chance, die Werkstatt billig zu übernehmen.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Am Ende sind Ehe und Betrieb kaputt. Dennoch endet der Film nicht deprimierend. Vielmehr lässt er auf unsentimentale Weise Hoffnung keimen für eine Familie, deren Glück der Krieg zerstört hat.

Hoffnung keimt

Regisseur Fromm nimmt das Ende vorweg, indem er den Film von Anfang an in einer blühenden Frühlingslandschaft spielen lässt.

Auf den ersten Blick inszeniert er Erinnerungsfernsehen, dass der Kriegsgeneration ermöglicht, Frieden mit ihrer Lebensgeschichte zu machen. Auf den zweiten Blick aber ist der Film überraschend aktuell – Selges Verdienst. Er spielt Karl herzzerreißend zerrissen. Bei ihm blitzen Überlebenswillen, ja Lebenslust aus purer Pore. Zugleich wird er immer wieder übermannt von plötzlicher Wut, die Amok-Angst weckt: Fromm deutet eheliche Gewalt nur an. Es sind bedrückende Szenen, die auch von Heimkehrern aus Kriegen jüngerer Zeit bekannt sind. So gelingt Fromm ein grandioser Antikriegsfilm. Dabei fällt kein einziger Schuss.

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