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Hannah lebt, ihr Entführer ist tot

Washington. 

Dem Schicksal von Hannah Anderson konnten amerikanische Fernsehzuschauer in der vergangenen Woche nicht ent­gehen. Alle Sender berichteten täglich über die ominöse Entführung der 16-Jährigen, die am Samstag vor einer Woche in San Diego ­verschwunden war. Gestern kehrte das blonde Mädchen nach einer Odyssee von über 2000 Meilen ebenso glücklich wie traumatisiert nach Kalifornien in die Arme ihres Vaters zurück. Ihr Entführer, der 40-jährige James Lee DiMaggio, ein enger Freund der Familie, blieb am Morehead Lake bei Cascade im Bundesstaat Idaho zurück. Nach tagelanger Flucht erschossen von Scharfschützen des FBI.

Das Drama begann am 4. ­August. Christina Anderson (44), Hannahs Mutter, und die Über­reste eines Kindes wurden in einem brennenden Haus in San Diego ­gefunden. Umstände unbekannt. Unter der Adresse war DiMaggio gemeldet. Anhand von DNA-Proben ermittelten die Fahnder später, dass die verkohlte Leiche Ethan Anderson war, der achtjährige ­Bruder Hannahs, die plötzlich nicht mehr aufzufinden war.

Mittels eines eigens für Kindesentführungen eingerichteten Such-, Warn- und Informations­systems („Amber Alert“) begann die Fahndung nach der jungen Football-Cheerleaderin. Vater Brett konnte sich keinen Reim auf die Hintergründe machen: „Es hat nie die leisesten Signale gegeben.“ Auch die Behörden tappten im ­Ungewissen. Man ging nur von einem fest aus: DiMaggio, der bei den Andersons unter „Onkel Jim“ firmierte, hat seine Finger im Spiel.

Während die Fahndung zeit­weilig über fünf Bundesstaaten lief und auf den Informationstafeln an den Highways und in Radiospots angezeigt wurde, offenbarten sich Freundinnen von Hannah den ­Medien und der Polizei. So kam ­heraus, dass DiMaggio offenbar seit längerem in das junge Mädchen verliebt gewesen sein muss. „Wenn ich so alt wäre wie sie, ­würde ich mit ihr gehen“, soll er einem Freund verraten haben.

Polizei und FBI warnten Mitte der Woche vor dem Täter, der, so Sheriff Bill Gore, möglicherweise mit selbst konstruierten Spreng­sätzen bewaffnet sei. Vater Brett startete einen Fernseh-Appell. „Du hast mir alles genommen“, sagte er an die Adresse des Entführers, „aber lass meine Tochter gehen.“

Am Freitag wurde der blaue ­Nissan Versa von DiMaggio 100 ­Kilometer nördlich von Boise im Bundesstaat Idaho nahe der kanadischen Grenze versteckt unter Büschen entdeckt. Als sich Touristen eines Reitausflugs meldeten, die von einem seltsamen Paar ohne die in dieser unwegsamen Gegend ­angeratene Ausrüstung sprachen, glaubte sich das FBI fast am Ziel.

Über 270 Beamte nahmen inmitten der „Frank Church River of No Return Wilderness“ ein knapp 300 Meilen großes Gebiet mit Heli­koptern und Flugzeugen genauer in Augenschein. Wie die Lokalzeitung „Idaho Statesman“ berichtet, wurde dabei das Camp des Entführers entdeckt. FBI-Spezialagent Jason Pack ordnete an, dass Spezial-Einsatzkommandos eingeflogen werden, um die Geisel zu retten.

Als die Scharfschützen abdrückten, war Hannah in unmittelbarer Nähe

Über den Verlauf der tödlichen Konfrontation behielten die ­Behörden bisher Stillschweigen. Als der tödliche Schuss fiel, war Hannah Anderson in unmittel­barer Nähe, blieb aber unverletzt. „Ihr geht es den Umständen entsprechend gut“, sagte die Sprecherin der Polizei, Andrea Dearden.

Über die Motive des an Freiluft-Touren gewöhnten Täters wird, abseits der Version „Lolita-Liebelei“, spekuliert. DiMaggios Schwester sagte der Zeitung U-T San Diego, dass exakt am Samstag vor 15 ­Jahren James‘ Vater Selbstmord ­begangen habe. Als die Nachricht von der glücklichen Befreiung in Idaho die Runde machte, so ­berichtete die Anwohnerin Cindy Wilson, „gingen viele Leute auf die Straße und jubelten“.