Hamburgs Alsterschwäne ziehen um

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Hamburg. Die unerfahrenen Jungschwäne schreien am lautesten. Ältere Tiere hingegen kennen das Ritual längst und fügen sich rasch nach kurzem Sträuben. Mit routiniertem Griff packt Olaf Nieß einen Großvogel nach dem anderen und hievt ihn ins Boot.

Mit Klettband bindet er ihnen Flügel und Füße zusammen und reicht sie einer Kollegin im Kahn nebenan. Die setzt wie verschnürte Pakete Schwan neben Schwan ins Stroh. Etwa 50 der berühmten Hamburger Alsterschwäne fängt Schwanenvater Nieß auf diese Weise am Montag in der Rathausschleuse, um sie anschließend ins Winterquartier zu verfrachten. Ein hanseatisches Ritual mit jahrhundertealter Tradition.

Schwäne haben Tradition

Ihre Schwäne sind den Hamburgern heilig. Das Schwanenwesen existiert bereits seit dem 11. Jahrhundert. Denn die Legende berichtet, dass Hamburg so lange eine Freie und Hansestadt bleibt, wie Schwäne auf der Alster schwimmen. Seit 1674 gibt es deshalb auch die Planstelle des ordentlich bestallten Schwanenvaters. Sie ist damit nicht nur die älteste Behördenplanstelle der Stadt, sondern Nieß zufolge sogar eine der am längsten existierenden in Europa, zumindest in dieser Form die einzige.

Heute ist der Schwan zwar kein Bestandteil des Hamburger Wappens, aber: «Im Wappen von Stormarn findet sich der Schwan, und Hamburg war einstmals ja die Hauptstadt dieser alten Landregion», berichtet Nieß. Dennoch schmücke der Schwan in der gesamten Stadt unzählige Brücken oder Gebäude. «Es herrscht schon eine sehr enge Verbundenheit zwischen den Hamburgern und ihren Schwänen.»

Alte Tradition

Aus alter Tradition gibt der Senat deshalb auch Schwäne als Staatsgeschenk an Städte und Staaten ab, die mit Hamburg besonders verbunden sind. Allein in den vergangenen 50 Jahren gingen solche «weißen Botschafter» nach Israel, Island, Frankreich, an Liberias Hauptstadt Monrovia, nach Griechenland, Japan, Österreich, die Türkei, Brasilien und Argentinien. Auch deutsche Städte erhielten zu besonderen Anlässen Schwäne aus Hamburg, etwa Berlin oder Kiel zur Kieler Woche. Vor dem Krieg gingen unter anderem sechs Schwanenpaare nach New York.

Der Auftrieb der Schwäne ist für die Hamburger und viele Touristen ein beliebtes Spektakel. Als Nieß und seine Kollegen mit acht blauen Booten - an den Bordwänden die offizielle Aufschrift «Schwanenwesen» - die schneeweißen Wasservögel von der Binnenalster zur Rathausschleuse treiben, sammeln sich rasch Hunderte Schaulustige.

Keine festen Regeln beim Umzug

Für den jährlichen Termin gibt es keine besonderen Regeln. «Das sind Erfahrungswerte, die sich über die Jahrhunderte ausgeprägt haben und die besagen, dass es im November um diese Zeit ideal ist», erzählt Nieß. «Wir sind in diesem Jahr schon ein Stückchen spät dran, wir wollten sie eigentlich etwas früher einsammeln.» Der Grund seien jedoch einige bauliche Hindernisse gewesen.

Ein Großteil der Schwäne nimmt von sich aus bereits Kurs auf die Schleuse, als die blauen Boote auftauchen. Sie kennen das Prozedere um diese Zeit. Weitere 50 Tiere haben bereits das Winterquartier am Mühlenteich im Hamburger Stadtteil Eppendorf bezogen. «Viele von ihnen finden den Weg schon allein und kommen von selbst», erzählt Nieß. Der Mühlenteich kann eisfrei gehalten werden. Dort verweilen die Tiere bis Ende März, damit sie nicht auf dem Alstereis festfrieren. In den nächsten Tagen werden Nieß und seine Kollegen deshalb auch die Alsterarme abfahren und sonstige Gewässer kontrollieren, um Nachzügler einzufangen.

Schwanenvater seit 24 Jahren

Schwanenvater Nieß zeichnet jedoch nicht nur für die Großvögel verantwortlich, sondern als Revierjagdmeister auch für die Rettung anderer Tiere in Stadt und Hafen. Seit 24 Jahren ist der 42-Jährige jetzt schon als Schwanenvater rund um die Alster unterwegs. Einst übernahm er das Amt von seinem Vater, der wiederum die Stelle mehr als viereinhalb Jahrzehnte innehatte. Vielen Hamburgern bedeutet der Name eine Institution. «Ich bin jetzt über siebzig», sagt eine Dame an der Rathausschleuse, «aber wenn es um die Schwäne geht, kenne ich von je her nur den Namen Nieß.» (ddp)

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