Haitis Mann für den herben Duft

Port-au-Prince.  . Wenn Joel Blanchard zum Fläschchen greift, es vorsichtig mit einem kleinen Knac­ken öffnet und es dem Gast unter die Nase hält, dann legt sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. „Ohne das hier geht in der Parfum-Branche fast gar nichts“, sagt er, während die ölige braune Flüssigkeit einen intensiven, leicht bitteren und holzig-herben Duft verströmt. Es riecht ein bisschen wie Wald nach Regenguss.

Blanchard, 33, dunkle Haare, Drei-Tage-Bart, offenes Hemd, ist Junior-Chef von „Caribbean Flavors and Fragrances“. Das Familienunternehmen in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince stellt Vetiver-Öl her, ein wenig bekanntes, aber für die globale Duftstoff-Industrie unentbehrliches ätherisches Öl. Vetiver ist ein so genannter Fixateur und sorgt dafür, dass die Aromen der Parfums auf der Haut nicht so schnell verfliegen.

Es werde Zeit, sagt der Jung-Unternehmer, dass aus seinem Land in der Karibik endlich einmal etwas Positives berichtet werde. Denn Haiti, die kleine Republik der großen Tragödien, ist für Armut, Erdbeben und Cholera global bekannt. „Aber wer weiß denn schon, dass wir weltweit Marktführer bei der Herstellung von Vetiver-Öl sind?“

Blanchard empfängt in seinem Büro, wo die Klima-Anlage vergessen lässt, dass man in den Tropen ist. An der Wand hängen Diplome der Universität Miami, wo er Chemie-Ingenieur gelernt hat. Der Junior soll später einmal den Betrieb ganz übernehmen, den Vater Jean-Pierre 1989 gegründet hatte. Auf Blanchards Schreibtisch stehen zwei Dutzend kleine Fläschchen mit Vetiver- und Sandelholz-Öl sowie kleine transparente Parfum-Flacons aus hauseigener Produktion. „Feu des Iles“ – Inselfeuer ist der erste Versuch von Blanchard, selbst ein Duftwasser aufzubereiten. Es riecht ein bisschen, wie es heißt.

„Caribbean Flavors and Fragrances“ ist heute mit seinen 50 Angestellten Haitis größter Hersteller und Exporteur von Vetiver-Öl. 150 Fass à 204 Liter liefert das Unternehmen jedes Jahr vor allem in die Schweiz, nach Frankreich und in die USA. Hinzu kommen noch große Mengen Sandelholz-Öl. Der Umsatz der Blanchards beläuft sich dennoch nur auf vier Millionen Dollar. Ätherische Öle sind eben ein Nischenprodukt.

Auch für die Naturheilkunde

Dennoch sichert die Branche einem weiteren runden Dutzend größerer und kleinerer Produzenten in Haiti ihr Auskommen. Hinzu kommen rund 30 000 Bauern, die das Vetiver ernten.

Die haitianischen Duft-Macher liefern ihr Öl selten an die großen Parfummarken wie Armani oder Chanel. Sie verkaufen vor allem an Aromen- und Duftstoffhersteller wie die Schweizer Unternehmen Givaudan und Firmenich oder International Flavors and Fragrances (IFF) in den USA. Diese wiederum mischen die einzelnen Düfte für die großen Marken und Namen zusammen.

Aus dem Inselstaat kommt rund die Hälfte des weltweiten Vetiver-Öls. Es wird aus der gleichnamigen Pflanze hergestellt, einem ursprünglich aus dem tropischen Asien stammenden Süßgras, das in Haitis Süden in rauen Mengen wächst. Gewonnen wird das Öl per Wasserdampf-Destillation aus den getrockneten Wurzeln des Grases. Neben der Parfümherstellung wird es auch in Aromatherapie und Naturheilkunde eingesetzt.

Der Mix gilt als bester auf der Welt, wie Geruchsexperten bescheinigen. Aber die Konkurrenz vor allem aus Asien hole auf. „Und“, so Blanchard, „die Bedingungen hier in Haiti mit Stromausfällen, Wasserknappheit, fehlender Infrastruktur und politischer Instabilität machen das Geschäft nicht gerade leichter.“

 
 

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